Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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1529 Nr 49 Boden, der hoch und luftig ist und vorne in einen Erker mit Fenstern ausläuft. Ich lege das Kind auf eine Kiste hin und breche kraftlos zusammen. Kämen jetzt die Hooligans — ich wäre verloren, denn ich könnte mich weder wehren noch flüchten. Von der Straße dringt verworrener Lärm zu mir herauf, der wie Meeresbrausen anschwillt und verebbt. Ich achte nicht darauf. Es ist mir, als schrumpften meine Glieder vor Müdigkeit ein, ich versinke in einen Zustand halb wachen, halb schlafähnlichen Brütens. Die Stunden verrinnen, aus allen Winkeln des Bodens kriechen die Schatten der Dämmerung heran wie unheimliche Tiere, vom Erker fällt ein blutroter Schein auf die Fliesen. Ich erhebe mich iind sehe hinunter. Vor mir liegt der Judenplatz — ein wüster Trümmerhaufen, aus dem hie und da Flammen und Rauchschwaden aufsteigen. Es scheint, daß die Horden hier nichts mehr zu zerstören haben, denn sie lungern nur noch herum und verlieren sich in den Seitengassen. Leichen — Leichen überall, in den Rinnen, vor den Haustüren, zwischen den Trümmern, Leichen von Kindern und Frauen. Und gerade vor mir, auf einer zerbrochenen Kiste sitzend, unser Arzt — jener Mann, der in der ganzen Stadt der Arzt der Armen genannt wird — auch der christlichen! Erst später erfahre ich, daß er seine Wohnung nicht verschlossen hatte in dem Glauben, die Zerstörer, denen er oft in Krankheit und Not beigestanden, würden ihn schonen. Aber sie verhöhnten ihn, banden ihn, bevor er sich verteidigen konnte, zerrten ihn auf die Straße, wo sie ihn an einen Laternenpfahl fesselten, und töteten seine beiden Kinder vor seinen Augen. Zwei von der Rotte wurden von herbeistürmenden Studenten niedergeschossen. Aber was half's? Nun sitzt er da, inmitten der Zerstörung, singt mit lauter Stimme und macht ein glückliches Gesicht. Ein Trompetenstoß ertönt. Im Hintergrund der Gassen, die auf den Judenplatz münden, erscheinen berittene Kosaken. Sie kommen langsam vor, in geschlossenen Reihen, aui den tänzelnden, schnaubenden Pferden. Wieder tönen Trompeten. Es ist das Signal : nun isPs genug, das Tagwerk ist getan! Mein Kopf brennt -- ein wütender Schmerz hämmert gegen meine Schläfen. Ich sinke neben der Kiste nieder, auf der Anjuschka liegt, von einem unruhigen Schlummer befangen. Ueber ihrem linken Auge, quer über die Stirn, läuft eine breite, blutige Schramme. Meinen Eltern war nichts geschehen. Aber meinen Mann mußte ich suchen. Erst abends fand ich ihn im jüdischen Spital. Er war gleich nach Ausbruch des Pogroms, als er nach Hause eilte, von den Hooligans angegriffen worden. Obgleich er sich verzweifelt zur Wehr setzte und zwei der Angreifer schwer verwundete, wurde er schließlich doch überwältigt; eine dazwischen kommende Abteilung der Selbst wehr verhinderte, daß die Hooligans ihn töteten. Mit einer tiefen Kopfwunde und in bewußtlosem Zustande wurde er ins Krankenhaus geschafft. Er war jetzt, nach so vielen Stunden, noch immer nicht bei Bewußtsein; die ganze Nacht hindurch saß ich an seinem Bette, aber er schlug nicht ein einziges Mal die Augen auf. Am nächsten Tage wurden die Gefallenen beerdigt — hundertundzwanzig an der Zahl. Ohne jede Verabredung waren alle Juden der Stadt erschienen — alle fünftausend — Männer und Frauen und Kinder. Vor St Bender: Die Thora