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Die Welt · 1912-12-06 · 49 (6.12.1912) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
49 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Nr. 40 1528 entsteht ein wirrer Knäuel, Schüsse fallen immerfort und Knäuel und Wagen bewegen, wälzen sich langsam fort unter Gebrüll und Wehgeschrei. Der Aufruhr ist jetzt allgemein. Aus Türen und Fenstern, die ganze Gasse entlang, fliegen Möbel, Geschirre und Kleider, und bilden immer anwachsende Barrikaden, Bettfedern flattern wie dichtes Schneegestöber in der Luft; ein höllisches Klirren und Krachen — an allen Fenstern von Wahnsinn entstellte Frauengesichter. Ich vergesse meine Anjuschka — überhöre das Stöhnen, das von ihrem Bette zu mir dringt. Was ist das? — Aus einem Fenster fliegFs in weitem Bogen heraus; es ist ein Säugling in auseinanderflatternden Windeln; da er zur Erde fällt, erstickt sein letzter Schrei in einem Blutstrom, der ihm aus dem Munde quillt. Geber den noch zuckenden kleinen Körper wirft sich ein Weib, klagend, wahnsinnig heulend, wie ein verwundetes Tier; zwei schnaubende Kerle rennen ihr aus dem Hause nach und reißen sie empor — und da, in ausbrechender Raserei wirft sie sich blitzschnell herum, stößt dem einen irgend etwas, das sie in der Hand hält, ins Auge, daß er mit wildem Aufschrei zurücktaumelt, und reißt dem andern mit der Hand — mit der bloßen Hand die Wange vom Munde bis zum Ohre vollständig entzwei. Es wirbelt und rast alles durcheinander, die Welt scheint in ihrer ganzen ungeheuren Ausdehnung zu erbeben, vom Himmel regnefs Blut, und der Mensch ist zum vernunftlosen Tier geworden. Glück, Lebensfreude, Frieden? Gibt es noch solche Dinge? In einem Augenblick — in einer heißglühenden, sehnsüchtigen Aufwallung nach Erlösung und Befreiung in einem einzigen, kurzen, wundersamen Augenblick verschwindet das Bild des Grauens und Weltunterganges, ein Schleier fällt vor mir nieder die Sonne funkelt, jauchzende Klänge treffen mein Ohr ich bin auf dem Markusplatz in Venedig. Unter den Arkaden der Prokurazien und auf dem sonnigen weiten Platz eine buntbewegte Menge —- frohe Gesichter — lachende Augen - in der Luft flatternde Tauben, die all den Sonnenschein, in dem sie baden, mit ihren Schwingen zu sammeln scheinen, um ihn über die auf- und abflutende Menge zu streuen. Und es kommt mir unglaublich vor, daß es, kaum drei Reisetage von Ogrodno, eine solche Stadt gibt, daß ich dort einmal war, mitten unter den Frohen und Freien. Nein es ist nur ein Traum, ein Trugbild es gibt kein Venedig - es gibt in der Unendlichkeit der Welt nichts anderes als dieses Ogrodno, diese Straße, auf der inmitten vernichteten Hausrats verstümmelte Leichname herumliegen. Und ich stehe da, tausend Jahre, volle tausend Jahre, von einem erbarmungslosen Gott verurteilt, die Zerstörung ringsumher immerfort ansehe nzu müssen. Ein lauter Schrei meiner Anjuschka rüttelte mich auf und ich eilte an das Bett. Aber indes ich das stöhnende Kind zu beruhigen suchte, nähert sich ein betäubender Lärm dein Hause. Schnell Türen zu, Fenster zu — Koffer, Kisten gegen die Tür geschoben den Revolver nicht aus der Hand. Einen Augenblick stehe ich mit wirbelndem Hirn da, während draußen die Menge tobt. Wo ist mein Mann jetzt, warum kommt er nicht, uns zu schützen? Die Mutter kauert in einer Ecke und redet wirre Worte redet zu ihren beiden Kindern, die vor langen Jahren in blühendem Alter sterben mußten — der Vater sitzt starr und ich erkenne an seinen Augen, seinen Mienen, daß er bereit ist, den Tod zu empfangen. Seine bleichen Lippen murmeln das Sterbegebet. Was tun? Das Toben wächst an. Durchs Fenster werden sie nicht eindringen, denn es ist mit eisernem Gitter versehen. Aber die Türe? Schon saust ein Axtstreich gegen das Getäfel. Ein faustgroßer Stein fliegt durch klirrendes Fensterglas. Nun das Kind ans dem Bette gerissen und mit einer Decke umhüllt wie meine Hände beben und den Dienst versagen wollen! — dann rasch fort durch die Hintertür in den Flur. Es kostet mich Mühe, die Eltern dahinzubringen. Im Flur ist eine Falltür, durch die man in den Keller gelangt. Tür auf -- schnell, Eltern hinunter schnell, schnell, bevor die Barbaren kommen — jetzt noch einen Koffer über die Tür geschoben und ich, im letzten Augenblick denn ich höre im Zimmer Poltern und Krachen, — eine hölzerne Stiege hinauf, die in die Bodenkammer führt, Tür aufgerissen und von innen verriegelt. Meine Nerven, mein Blut, meine Sinne toben, - mein Körper bebt in einem einzigen rasenden Pulsschlag ein Meer von Feuer loht um mich hebt mich empor trägt mich auf glühender Welle hin und her. Das Kind bringt mich zur Besinnung; es stöhnt in meinen Annen, die Glieder zucken schreckhaft, und durch die Decke hindurch fühle ich das Fieber, das in dem jungen Körper brennt. Die Wilden unten haben die Wohnung gestürmt sie heulen und kreischen - heißerer Gesang tönt aus dem Lärm. Werden sie herkommen? Nun sind sie im Flur stolpern über den Koffer auf der Falltüre werden sie ihn tortschieben? - Nein - aber sie kommen näher, erreichen die Stiege klimmen hinan mit schweren, polternden Füßen. Wenn sie mich finden mich und mein krankes Kind? Ein Schüttelfrost macht meine Glieder fliegen und meine Zähne gegeneinanderklappcn. Nun sind sie da, lachend, heulend. Ich blicke unverwandt auf die Tür. Warum fällt sie nicht aus den Angeln? Sie steht ja da mit den braungestrichenen Flächen und den Eisenbeschlägen wie ein schadenfrohes Wesen und verbirgt die Henker hinter sich. Wie hasse ich diese Tür! Ein Beil kracht gegen das Holz, einmal, zehnmal jeder Streich läßt das Kind aus dem Fiebertaumel aufzucken jeder Streich trifft mich mitten ins Herz. Aber ich werde mich verteidigen, werde morden wie sie alle, bevor ich mich ergebe. In der Oeffnung, die nun in der Tür klafft, erscheint ein struppiger Kopf, dem der Körper langsam nachschiebt. Ich schieße, mit Bedacht, nachdem ich gezielt habe meine Kugel zerschmettert den Kopf. Jetzt eile ich ans Fenster, komme was da wolle, und während sie dort die Leiche aus der Klemme zu ziehen suchen, schwinge ich mich über die Brüstung, gleite hinunter, mit der einen Hand das Fensterbrett umklammernd, mit der anderen das Kind an mich drückend. Meine Füße finden Grund. Es ist das Dach einer Holzkammer. Einige Sekunden stehe ich schweratmend da. Soll ich in den Hot hinunter? Sie könnten mich sehen und mich verfolgen. Zur linken Hand erhebt sich eine niedere Mauer wie ich da hinan!komme, begreife ich nicht - aber ich bin oben auf einem sanft absteigenden Dach. Zwei Schritte von mir ein offenes Bodenfenster. Ich krieche ohne Besinnung durch -- eile durch stickige Bodenräume, stolpernd über allerlei Gerümpel —- Anjuschka w eint qualvoll dann hinaus durch ein anderes Fenster, auf ein neues Dach, von dem aus ich über einen schrägen First auf die Straße sehe. Hooligans jagen vorüber, schleifen formlose Massen hinter sich her. Wenn mich nur niemand erblickt! Ich klettere mühsam weiter — nun wieder ein Dach mit einer türähnlichen Luke. Hinunter! Ich befinde mich auf einem

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