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Die Welt · 1912-12-06 · 49 (6.12.1912) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
49 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 49 ME mKELT 1527 Stand der Dinge erkundigen und dann zurückkehren. Er ging fort — kam aber nicht wieder. Erst am Abend habe ich ihn im jüdischen Krankenbause wieder gesehen. Kaum eine Viertelstunde, nachdem mein Mann sich entfernt hatte, hören wir ein wildes Poltern und Schreien. Ich eile an das Fenster und beuge mich weit hinaus, sehe aus allen Häusern Leute stürzen — sehe ein wilde Menschenmasse die Straße herunterkommen. Es sind betrunkene Hooligans. Vor ihnen, das Gesicht ihnen zugekehrt, nach rückwärts stolpernd, ein Jude, in zerfetzten Kleidern, blutüberströmt und mit einem Knüttel gegen die Horde verzweifelt sich wehrend. Rasch einen Revolver zur Hand — aber da ich wieder am Fenster bin, sehe ich nur noch, wie der Mann mit buchstäblich entzweigespaltenem Schädel hinfällt und liegen bleibt. Ich schieße trotzdem — die Meute erschrickt, weiß nicht, woher der Schuß kommt un d stürzt blindlings weiter, gegen den Judenplatz zu. Indessen haben sich einige junge Leute zusammengetan und nehmen die Verfolgung der Fliehenden auf. Es herrscht einige Minuten Ruhe. Meine Mutter sitzt bleich, in sich zusammengesunken da, wiegt ihren Körper leise hin und her und mit Worten, die ein Gemisch von Weinen und Gesang sind, ruft sie ihren Gott um Hilfe an. Mein Vater ist stumm und unbeweglich; nur aus seinen Augen spricht ein Jammer, daß ich Mühe habe, das aufsteigende Schluchzen zurückzuhalten. Wieder ertönt wildes Geschrei. Schräg unserem Hause gegenüber befindet sich ein Garten mit niedrigem Zaun und niedergerissener Pforte. Da sehe ich vier Buben, sie mögen sechs oder sieben Jahre alt sein, angstgepeitscht gegen das Tor rennen, und hinter ihnen einige Hooligans; aber die sind rascher am Ziel, postieren sich zu beiden Seiten des Einganges schreien und johlen. Mir stellt das Herz still; eine unheilvolle Macht hält meine Glieder mit eisernen Ketten umklammert; ich will die Hand init dem Revolver heben und kamVs nicht. Heber die Leiche hinüber, die auf der Straße in einer Blutlache liegt, schweifen meine Blicke zu den vier Kindern im Garten. Ihre Gesichter sind vorn raschen Lauf gerötet, die Schläfenlocken kleben schweißbedeckt an den Wangen, und aus ihren Zügen spricht eine wahnwitzige Angst, die Hilflosigkeit eines gestellten Wildes. „Na, vorwärts Täubchen!" ruft einer der Hooligans. „Habt keine Angst! Hier halten wir die Säbel hoch; lauft rasch durchs Tor, bevor wir Zuschlägen. Wenn's euch gelingt, soll euch weiter nichts geschehen!“ — Die Kleinen weinen — zögern — versuchen nach rückwärts zu fliehen, werden aber von ihren Peinigern daran verhindert — zögern wieder und wagen es endlich. Eins — zwei — drei — vier; sie rennen mit geschlossenen Augen durch das Tor. Eins — zwei — drei — vier; sie fallen, der eine da, der andere dort, wo er nach dem tödlichen Streich hintaumelt. Ihre jungen Glieder zucken wenige Sekunden; aus den Kehlen dringt qualvolles Röcheln, dann liegen sie alle unbeweglich. Ich schreie auf — ich schreie und schieße; habe ich einen der Wilden getroffen? Sie wenden sich mir zu; einer taumelt und hält sich am Zaun fest, aber vom Garten herauf nahen, schreiend mit vorgestreckten Revolvern, mehrere Männer. Die Henker fliehen — die andern ihnen nach. und Alfred Wolmark: ber Wanderer Die Lüfte zittern unheilschwanger; es ist, als atme man Blut ein. Was lärmt — was poltert — was klirrt? Ein wildes Jauchzen und Singen — Schmerzenschreie und rohes Gelächter zerreißen die Luft. Ein seltsamer Zug wird am oberen Ende der Gasse sichtbar und kommt langsam näher. Es ist ein langer Leiterwagen, voll besetzt mit Männern und Weibern; sie trinken alle aus Schnapsflaschen, gröhlen und schreien immerfort. „Es lebe das heilige Rußland — es lebe Väterchen, unser Zar!" und schleudern die geleerten Flaschen gegen die Fenster der Häuser, ln ihrer Mitte, an einer Stange steif gefesselt, von einem besudelten Tailis umhüllt, ein greiser Jude. Sein Gesicht ist bleich, das Auge geschlossen; von einer klaffenden Stirnwunde tröpfelt das Blut und fällt auf die abgehärmten Wangen, in den zerzausten Bart. Er scheint tot zu sein, aber so oft einer der Männer ihm einen Stoß versetzt, oder ihn an den Haaren zupft, schlägt er die Augen auf und blickt irr und wirr um sich, als käme er aus einer andern Welt. Hinter dem Wagen, von einer johlenden Menge umgeben, wankt eine Frau mit fliegenden Haaren und zerrissenem Gewände; sie ringt die Hände, und spricht Worte, die vom wilden Geschrei der Menge übertönt werden. Von" einem Dache fällt ein Schuß — gesegnet sei die Hand — und der Greis im Wagen ist erlöst ... Nun fallen mehrere Schüsse, aus dien Häusern stürmen bewaffnete Männer und umringen den Wägern, sie fallen den Pferden, die davonrennen wollen, in die Zügel und werfen sich mit wildem Geschrei auf die Insassen des Wagens. Es

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