Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 1526 .-... DIE^ELT gemeinden der Umgebung ein Rundschreiben ergehen, in welchem er bemerkte, daß die Stadt von einem Pogrom bedroht sei, und daß er darum alle Bewohner der betreffenden Dörfer für jeden Schaden verantwortlich mache. Am Morgen des Tages, an dem der Pogrom stattfinden sollte, kamen über zweitausend wohlbewaffnete Bauern in die Stadt, fielen über die Hooliganenhörden her, die sich in den Straßen herum trieben, schlugen unbarmherzig auf sie los, jagten sie zur Stadt hinaus und hielten sie bis zum nächsten Morgen in Schach. Das zweite Mal rettete ein jüdischer Militärarzt die Stadt durch eine kühne Tat. Ganz eigenmächtig postierte er in jenen Gassen, in denen Ausschreitungen befürchtet wurden, je zwei Soldaten, denen er den strikten Befehl erteilte, unaufhörlich auf und ab zu gehen und keine Ruhestörung zuzulassen. Als dann die Hooligans in die betreffenden Gassen kamen, riefen ihnen die Soldaten die kurze Weisung entgegen: „Marsch, weiter — hier wird nicht geschlagen!" Das Gewehr blinkte, die Uniform tat ihre Schuldigkeit und der Pöbel zog davon. Er zog davon und begnügte sich — denn irgend etwas mußte getan werden — damit, einige leerstehende Buden auf dem Judenplatz zu zertrümmern. Der Arzt mußte flüchten. Er lebt in Wien und wartet vergebens darauf, daß ein zweiter Beherzter eine gleiche Tat vollbringe. Diesmal — so schrieben meine Eltern — stand die Sache schlimm. Der gegenwärtige Polizeidirektor war ausnahmsweise jedweder Bestechung unzugänglich (denn er besaß ein bedeutendes Vermögen) und manche seiner Verordnungen verriet, daß er für die Juden nicht sehr freundschaftliche Empfindungen hegte. Als ich meinem Manne sagte, ich wolle heimreisen, stimmte er mir bei, erklärte aber, daß er mich1 begleiten werde. Ich erschrak erst über diesen Entschluß, denn ich wußte, was die Rückkehr nach Rußland für ihn bedeutete. Aber er schläferte meine Angst ein und meinte, die Parteigenossen würden ihn schon zu schützen wissen. Wir verließen Zürich und kamen nach einer äußerst beschwerlichen Reise in Rußland an, denn wir hatten keine Pässe und mußten zusehdn, wie wir über die Grenze gelangen könnten. Jene Nacht, in der zwei Bauern uns von österreichischem auf russischen Boden brachten, lebt in mir als wirre chaotische Erinnerung an beschwerliches Wandern durch Finsternis und Regen, an Waffenklirren, Hundegebell und Pferdegewieher. ln Ogrodno, während wir vom Bahnhof nach Hause fuhren, fiel uns eine fieberhafte Unruhe in den abendlichen Straßen auf. Verdächtige Gestalten in verwahrloster Kleidung und halbwüchsige Jungen mit erwartungsvollen Gesichtern standen vor den zahlreichen Wirtshäusern und Garküchen, oder lungerten in den Gassen umher, und ich hatte die Empfindung, daß hinter all dem scheinbar ziellosen Treiben eine böse Absicht verborgen lag. Was bedeutete sonst das wiehernde Gelächter, wenn ein Jude vorüberging, raschen Schrittes, den Kopf vornübergeneigt, als erwarte er einen Schlag? Zuweilen liefen die Jungen neben unserer Troika her und riefen uns unflätige Worte nach. Sie konnten, da der Abend dunkel war und der Wagen ziemlich rasch fuhr, unmöglich erkennen, ob wir Juden oder Christen seien, aber die gewitterschwangere Stimmung machte sie kühn, weckte ihre Roheit und ließ sie auch dort zu Angreifern werden, wo sie es sonst nicht gewagt hätten. Im Judenviertel waren alle Häuser geschlossen, fast nirgends brannte Licht, und nur selten sah man einen Menschen vorübergehen. Nur in den kleinen Kaffeehäusern saßen Leute in großer Zahl; junge und alte Handwerker, Kaufleute und Studenten. Es wurde still verhandelt, denn kein Lärm drang auf die Gasse, aber die erregten Gesichter der einen, die kühn funkelnden Augen oder bedrückten Mienen der andern, verrieten, welch schwerer Zeit all diese Menschen gegenüberstanden. Als wir nach Hause kamen, trafen wir unsere Anjuschka fiebernd und halb bewußtlos an. In den nun folgenden Stunden, da ich am Bette meines Kindes saß und das abgehärmte, fiebergerötete Antlitz, das in den Kissen vergraben lag, betrachtete, vergaß ich alles rings um mich, vergaß das drohende Unheil und meine greisen Eltern.. Erst lange nach Mitternacht schreckte mich ein heftiges Pochen an die Tür aus meiner Betäubung auf. Es waren fünf junge Leute, Gymnasiasten der höheren Klassen, die uns zwei Revolver und Munition brachten. Sie erzählten, daß sich eine Selbstwehr organisiert habe, und besprachen mit meinem Mann in aller Eile die bereits getroffenen Verhaltungsmaßregeln. Wir erfuhren von ihnen, daß die Pogromgefahr seit einer Woche wie ein Gespenst vor allen Türen stand — Tag und Nacht. Was nützte es wohl, daß sie sich organisierten, daß sie einen Verteidigungsplan entwarfen! Der Staat — das wußten sie — stand hinter dem drohenden Pogrom als dessen allerhöchster Schutzpatron, und sie konnten in einer Weise überrumpelt werden, daß keiner der entworfenen Pläne ihnen half. Noch lange nachdem die jungen Leute fortgegangen waren, hörten wir von der Straße her allerlei Geräusche. Das Kommen und Gehen dauerte die ganze Nacht, und erst gegen den grauenden Morgen trat Ruhe ein. Der kommende Tag und die darauffolgende Nacht brachten nichts als Spannung, die jeden Willen, jede Kraft zur Auflehnung zu ertöten schien. Die kleinen Händler und Krämer hatten, wie immer, früh am Morgen ihre Läden geöffnet, aber kein Käufer zeigte sich, weshalb alle Geschäfte noch vor Einbruch der Dunkelheit geschlossen wurden. Wir saßen alle im Zimmer am Bette Anjuschkas und wagten nicht, uns zur Ruhe zu legen. Klopfenden Herzens lauschten wir auf jeden Laut, der von außen kam. Jedes Geräusch ließ uns zusammenschrecken und zu den bereitliegenden Waffen greifen. Hier und da hörten wir aus der Ferne einen unartikulierten Laut, von dem wir nicht wußten, ob es ein Klirren oder Schreien sei. Die Unruhe lastete auf uns, wie ein nervenpeinigender Albdruck. Obgleich mein Mann eine entschlossene Miene zur Schau trug und sich Mühe gab, ruhig zu erscheinen, erkannte ich, welches Fieber in ihm glühte. Die Stunden schlichen mit bleierner Langsamkeit vorüber, und wir wußten nicht, was uns in der nächsten Minute erwartete. Meine Eltern saßen mit bedrückten Mienen da, und ich bemerkte besonders auf dem Gesichte meiner alten Mutter einen Ausdruck, der mir alle Beherrschung raubte. Wann würde das Gewitter losbrechen? Der nächste Morgen verriet durch nichts, daß sich etwas ereignen würde. Wagen fuhren vorüber, mit Fleisch, Gemüsen und Früchten beladen, Bauernjungen führten in Handkarren Ziegenmilch und schrien in jede Tür hinein, welche offen stand. Ein baumlanger Russe mit gutmütigem Gesicht trat aus dem gegenüberliegenden Wirtshaus und trug, offenbar sich freuend auf den kommenden Genuß, in einem Korbe eine große Anzahl Schnapsflaschen und saurer Gurken. Es war der gewohnte friedliche Morgen, und mein Mann beschloß, auszugehen; er wollte sich in allernächster Nähe nach dem