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Die Welt · 1912-12-06 · 49 (6.12.1912) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
49 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1525 Nr. 49 DIE ELT machtlose Sandkörner hingeschleudert wurden? Und ich mußte wieder an den Zionismus denken, der keine Sphinx war, kein Altar, auf dem das Blut tausender Freiheitskämpfer hohnlachend und nutzlos geopfert wurde. Hier erwuchs einem gehetzten Volk ein Ziel, das mit friedlichen Gestaden lockte, das für Mühe Segen spendete, das Freiheit verhieß Freiheit, die nicht mit dem Tode erkauft werden mußte. füllte, daß ich sofort den Entschluß faßte, heimzureisen. Unsere Anjuschka war erkrankt und verlangte nach mir; außerdem drohte der Ausbruch eines Pogroms. Wie durfte ich meine Eltern allein lassen in dieser doppelten Not? Ogrodno zählt nahezu zwanzigtausend Einwohner, darunter fünftausend Juden, ist, wie alle kleineren Städte Rußlands, schmutzig und düster, trotz des lebhaften Josef Israels: Jüdische Hochzeit ln jenen lagen bedauerte ich’s, daß ich eine Frau war. Wäre ich ein Mann gewesen, ich hätte es mir zur Lebensaufgabe gemacht, von Ort zu Ort zu ziehen und unser Volk für die einzige Idee zu gewinnen, die ihm Heil bringen konnte. So oft ich eine solche Aeußerung tat, begegnete ich dem freundlichen und etwas spöttischen Lächeln meines Mannes. Aber er sollte noch anderer Meinung werden, leider da es schon zu spät war, da er — eine Ironie des Schicksals — nicht als Revolutionär, sondern als Jude fiel. Es war im Frühling 1905. Wir wohnten bereits zwei Jahre in Zürich, da erhielt ich aus Ogrodno einen Brief von meinen Eitern, der mich derart mit Sorge er- Handels und einer gewissen Wohlhabenheit der Mittelklasse, und beherbergt in zahlreichen Spelunken, Kellern und verlassenen Häusern an der Peripherie ein ganzes Heer von Hooligans, diesen Vielgenannten, denen ein eigenes Blatt in der Geschichte Rußlands gehört. Schon zweimal — vor Jahren ■— war die Stadt von Pogromen bedroht, doch war es gelungen, sie zu vereiteln. Das eine Mal zahlten die Juden dem Polizeidirektor zwanzigtausend Rubel bar auf den Tisch. Er mußte aber zu einer List greifen, denn auf direktem Wege den geplanten Ausschreitungen entgegenzuarbeiten, wagte er nicht, aus Furcht vor der Regierung, die ihn dafür zur Verantwortung gezogen hätte. So ließ -er denn an alle Dorf-

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