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Die Welt · 1912-12-06 · 49 (6.12.1912) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
49 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1524 und jeden Tag, nach jeder neuen Tat, neue politische und soziale Verwirrungen hervorruft. Auf der anderen Seite eine Bestrebung, der der Friede als oberstes Prinzip gilt — wodurch Blut und Tod und Verwirrung von vornherein ausgeschaltet werden. Ich hatte in den letzten Jahren des öfteren Gelegenheit, russische Juden zu sehen, die nach Palästina gingen. Es waren fast durchweg junge Männer, die trotz ihrer Mittellosigkeit soviel Mut und Arbeitslust zeigten! Der Boden brannte ihnen förmlich unter den Füßen; sie hörten schon die Palmen rauschen, sahen Feigenbäume reich beladen der Ernte harren, sahen goldschimmernde Getreidefelder und segenschwere Weingelände unter glühender Sonne reifen, und ihre Sehnsucht und ihre Sinne eilten den Weg voran, den der erdschwere Leib erst zurücklegen mußte. Und wenn ich all diese Jugend sah, die so reiches Entfalten versprach, all diese hoffnungsfreudige Kraft, die trotz aller Hindernisse und Nöte ans Ziel gelangen mußte, erkannte ich tief und heiß, wo unsere Hoffnung zu suchen sei. Und ich hätte mitziehen mögen mit diesen Menschen, teilend ihre Armut, aber auch die Freude am Wiedererstehen des alten goldenen Königstraumes. Zwei Jahre waren vergangen, seitdem mein Mann der revolutionären Partei angehörte. Wir wohnten bereits mehrere Monate in einer Stadt Russisch-Polens, die die Revolutionäre als einen für ihre Arbeiten außerordentlich günstigen Ort betrachteten. Eines Nachts, da wir gerade im Begriff waren, uns zur Ruhe zu begeben, wurden wir von Polizeiagenten überfallen. Sie nahmen eine Hausdurchsuchung vor, durchstöberten Kleider, Möbelstücke, Bücher, Bilder und Briefschaften, stachen mit spießartigen Nadeln in alle Bett- und Möbelpolster, zerlegten das Klavier, die Wanduhr, erbrachen eine metallene Sparkassette unserer kleinen Anjuschka und untersuchten selbst die Fußbodenritzen mit den Messerklingen. Dann führten sie meinen Mann fort. Erst auf der Anklagebank habe ich ihn wiedergesehen. Die Parteigenossen boten alles auf, ihn zu befreien. Litwin warf buchstäblich mit Tausenden von Rubeln um sich, aber es half nichts. Mein Mann wurde wegen revolutionärer Umtriebe zu achtzehnmonatlicher Kerkerstrafe verurteilt. Als er aus dem Gefängnis kam, erkannte ich ihn nicht wieder. Aber nicht das eigene Leid allein hatte seinen Körper gebrochen, das Sieghatte seines Wesens vernichtet. Was er im Gefängnis gesehen hatte, jene furchtbare Justiz, die an Hunderten von Menschen geübt wurde, ihnen alles Menschliche nahm und sie für das fernere Leben, nach etwaiger Beendigung der Kerkerstrafe, untauglich machte — das bedrückte ihn ebenso schwer wie die eigene Schickung. Es war darum eine Art Verzweiflung, wie etwa jene, die den Selbstmörder zur Tat treibt, als er sich nach einer kurzen Zeit der Ruhe seiner Partei wieder zur Verfügung stellte. Er ging an die österreichische Grenze, wo er von den Verbündeten, die in den galizischen Grenzorten seiner warteten, Gewehre, Munition und Literatur in Empfang nahm und nach Rußland beförderte. Da es längs der russischen Grenze von Kosaken und Geheimagenten wimmelte, war die Arbeit sehr schwierig, und es mußten absonderliche Mittel gebraucht werden. Mancher ärmliche Leichenzug kam die Landstraße daher, an Kosakenabteilungen vorbei - aber der Sarg enthielt nichts anderes als Waffen und Munition; mancher fettleibige Kleinrusse, der mit unschuldiger Miene an Soldaten und Grenzbeamten vorüberging, verdankte seinen mächtigen Umfang einer großen Anzahl Nr. 49 verbotener Broschüren, die er sich kunstgerecht um den Körper gepackt hatte. Eines Nachts wurde mein Mann von Polizeispitzeln aufgespürt. Er entkam mit knapper Not der Gefangennahme und irrte vierundzwanzig Tage in einer furchtbaren Tundra umher, hungrig, verwahrlost, wie ein gehetztes Wild, jeden Augenblick Gefahr laufend, entweder in den Sumpf zu versinken oder von umherstreifenden Kosakenpatrouillen niedergeschossen zu werden. Unter Aufbietung seiner letzten Kraft gelang es ihm endlich, nach Galizien zu entkommen, wo die Freunde seiner warteten und ihn nach Lemberg brachten. Dort verfiel er in ein schweres Nervenfieber. Als ich davon benachrichtigt wurde, eilte ich sofort zu ihm in Begleitung Litwins. Unsere Anjuschka ließ ich bei meinen Eltern in Ogrodno zurück. Viele Wochen rang mein Mann mit dem Tode; erschien die ausgestandenen Mühseligkeiten in fieberglühenden Delirien von neuem zu durchleben. Kerker und Tundra, die Schrecken des Hungers und der Verfolgung sandten ihre Gespenster hinter ihm her, wie das Meer, das mit tosenden Springfluten ein entronnenes Opfer wieder zu erhaschen sucht. Als alle Gefahr vorüber war und seine Kräfte langsam zurückzukehren begannen, fuhren wir nach Venedig. In der alten, zauberischen Lagunenstadt, inmitten der mühsam zusammengehaltenen, trotzdem aber lettungslos dem Verfall geweihten Märchenherrlichkeit - im bunten Getriebe der vielbesungenen Piazza San Marco und der Merceria ---, in der wundersamen Stille der Kanäle, in weichen tausend unfaßbare Regungen, tausend sonnengoldene Stimmungen einen anwehen - erholte der Genesende sich vollends. Und in demselben Maße, als seine Gesundheit sich festigte, wachten sein unruhiger Geist und seine Unternehmungslust zu neuem Leben und neuen Taten auf. Er entwickelte mir und Litwin, die wir ihm schweigend zuhörten, seine Zukunftspläne, und so oft wir in sein lebendiges Gesicht, in seine wieder kühn umherschweifenden Augen blickten, konnten wir nicht glauben, daß dieser Mensch eine solch leidensvolle Zeit hinter sich hatte. Nach Rußland durfte er nun nicht mehr zurück, denn, wurde dort die Polizei seiner habhaft, so war Sibirien sein sicheres Los. Er entschied sich darum für Zürich, wo sich seit einiger Zeit eine Vereinigung russischer Revolutionäre befand. Wir reisten dorthin. In der schönen und lebensvollen schweizerischen Stadt ging das fieberhafte, verborgene und deshalb um so schwierigere Arbeiten wieder los. Unsere kleine Wohnung war der tägliche Versammlungsort all dieser Idealisten, die gegen einen Riesen ankämpfen wollten und nichts besaßen, als ein für Recht und Freiheit glühendes Herz und eine alle Zweifel überwindende Todesverachtung. Wenn irgendwo in einer russischen Stadt ein Fürst, ein Gouverneur, ein Minister von einer Bombe zerrissen, einem Dolch erstochen, einem sicher zielenden Revolver niedergeschossen wurde, so war es oft ein Schicksal, dessen Vollzug in unserer kleinen Wohnung, an dem einfach gezimmerten Tisch, beschlossen war. Man saß gewöhnlich in dem einen Zimmer, das auf einen Lichthof ging, und die Herzen glühten und brodelten um die Wette mit dem Samovar, der ihnen allen die Heimat vortäuschte. Was wollten sie — was dachten sie — was fühlten sie? Sahen sie denn nicht, daß das System, gegen das sie ankämpften, ungeheuerlich, lichtverdrängend über ihr Leben emporwuchs, eine höhnisch grinsende Sphinx, zu deren Füßen sie wie

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