Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316563--56804-3350761- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 49 . DIE^ELT.. —.- - .- 1523 Ein Pogrom Aus den Aufzeichnungen einer russischen Jüdin Von Leo G. Stein Wenn ich jetzt — in dem freien und gastfreundlichen Lande, das mir zur neuen Heimat wurde, — Rückschau halte und die Vergangenheit vor mir erstehen lasse, dann erscheint es mir wunderbar, daß ich noch lebe, daß ich noch zu leben wünsche, und ich gewinne eine richtige Vorstellung davon, wie tiefwurzelnd und unbesieglich unsere Liebe zum Dasein ist Es waren schwere Schickungen, von denen ich heimgesucht wurde — Jahre, die sich mit ihrer Not und ihren Schrecken gewittergleich über mich entluden. Als sie vorübergingen, unternahm ich weite Reisen durch das westliche Europa, gleichsam, um meinem Leben, das mir wertlos erschien, einen neuen Halt zu geben. In der ersten Zeit dieser fieberhaften Fahrten, die mehr einer Flucht ähnlich sahen, dünkte es mich — je mehr Meilen zwischen mir und Rußland lagen —, daß die Bilder der Vergangenheit wie verworrene Träume erblassend zurücktraten. Aber es war nur ein Trug, der dem brennenden Verlangen entsprang, irgendwie Vergessen zu finden. Denn wie ein Wald, der das goldene Morgensonnenlicht gierig in sich aufsaugt, in seinem Innern jedoch dunkel bleibt -- so konnte auch nichts die Schatten aus meiner Seele bannen, obschon ich manche reiche Stunde erlebte. Es ereignete sich oft, daß ich, scheinbar ohne jede äußere Veranlassung, plötzlich nach Rußland zurückversetzt werde. Ich sehe Ogrodno, unsere alte Stadt, mit dem engen, schmutzigen Judenviertel, und durchlebe wieder jenen einen blutigen, schreckensvollen Tag, der mich für immer zeichnete. Mein eigentliches Schicksal begann damals, als ich aus Ogrodno nach Odessa übersiedelte, wo mein Mann den Posten eines Ingenieurs bei einer Privatbaugesellschaft angenommen hatte, während ich mich der Medizin widmete. Mit diesem Studium waren mancherlei Pläne und Ziele eng verknüpft, deren Verwirklichung mein Leben zu einem arbeits- und schönheitsreichen gestalten konnte. Aber ich mußte später alles aufgeben. Es war nach dem ersten Baseler Kongreß. Die zionistische Idee war um ein gut Stück in die Wirklichkeit vorgerückt. In die jüdischen Massen, welche bis dahin, von Armut und Knechtschaft bedrückt, ein fast mittelalterliches Dasein geführt hatten, war neues Leben gekommen. Die Prophetenstimme jenes feurigen und weitblickenden Mannes aus Oesterreich hatte sie alle aus der Lethargie emporgerissen. Sie regten sich, noch halb befangen vom bleischweren Schlummer, aber ihre Ohren horchten auf den freudigen Trompetenstoß, der sie zur Freiheit rief, und ihre Augen sahen in ein neues, traumschönes Land, das jener Unermüdliche ihnen vorzauberte. Es war wie ein Frühling, der nach langem, peinvollem Winter kam. Tausend heimliche Kräfte regten sich allüberall in heißem, drängendem, himmelanstrebendem Werden. Selbst die russische Regierung stand der neuen Bewegung wohlwollend gegenüber, in der unklaren Hoffnung, vielleicht auf diese Weise die Juden loszuwerden. Aber jenes verlorene Land, um das ein Volk seit Jahrtausenden verzweifelt kämpfte, ließ sich nicht im Handumdrehen wiedergewinnen. Das war eine arge Enttäuschung für die Regierung, und sie nahm schließlich zu dem von einem erzreaktinären geistlichen Staatsmann empfohlenen System ihre Zuflucht, zu jenem brutalen System, das da lautet: ein Drittel der Juden wandert aus, ein Drittel verhungert im Lande und ein Drittel wird totgeschlagen. Um jene Zeit war es, daß mein Mann von der zionistischen Bewegung wie von einem frühlingsfreudigen Strom mitgerissen wurde. Er hätte schon lange nach einer Betätigungsmöglichkeit gesucht, die seinem feurigen Temperament, seinem zu leidenschaftlichen Ausfällen neigenden Wesen entsprach und ihm Ziele eröffnete, welche mehr bedeuteten als das, was sein täglicher Beruf ihm bieten konnte. Nun hatte er gefunden, was er suchte. Er geriet in einen Arbeitseifer, in ein Feuer des Schaffens, das in mir oft Besorgnis weckte. Er war mit ganzer Seele bei der Sache und trug eine Hoffnungsfreudigkeit zur Schau, die ihn seine Ziele viel näher sehen ließ, als sie in Wirklichkeit waren. Schon war im Verein der Beschluß zu einer Palästinareise gefaßt; da kam jener für ihn so furchtbare Schlag, der Verrat eines zionistischen Genossen, dem er alles vertraut, und mit dem gemeinsam er seine sonnenstürmenden Pläne geschmiedet hatte. Der Schein war gegen ihn, Erbitterung und Ekel griffen so tief in sein innerstes Leben, daß er nicht mehr die Kraft fand, sich zu verteidigen. Begeisterung, Arbeitsfreude, Hoffnung — alles erstarrte in ihm wie ein feuerflüssiges Erzstück, das man plötzlich in eiskaltes Wasser wirft. Er wollte nichts mehr von Zionismus wissen. Die Enttäuschung machte ihn ungerecht gegen die Idee, gegen das ganze jüdische Volk. Einige Zeit darauf schloß er sich der revolutionären Partei an, denn er fand keine Ruhe und mußte die in ihm aufgespeicherte Energie an irgend etwas erproben. Ich dachte, nun hätte der Schaden ihn klug gemacht, und er würde etwas vorsichtiger mit seinem Vertrauen sein. Aber er trieb es genau so wie früher. Durch die immer wachen, immer zu Taten bereiten Kräfte, durch die Freude an gefahrvollen Missionen, die er förmlich an sich riß, entflammte er auch die Kaltblütigsten und Bedächtigsten, und sie standen bald alle im Banne seiner starken Persönlichkeit. Einer der treusten Anhänger der Partei, der Kiewer Verleger und Millionär Michail Alexandrowitsch Litwin, pflegte von ihm zu sagen, daß es in der ihn umgebenden Atmosphäre knattere und sause wie von hundert mächtigen Schwungrädern. Er war einer jener typischen Vorwärtsstürmer, die weit über alle Ziele hmausschießen — und gerade dies sollte ihm unheilvoll werden, indem er nicht einen Augenblick bedachte, welchen gefahrdrohenden Weg er ging. Es ist ja wohl ebenso unnütz als sinnlos, verlorenen Dingen nachzuweinen, aber ich wollte, er wäre dem Zionismus treu geblieben. Es will mir scheinen, daß die Bestrebungen der Zionisten, im Prinzip, dem gleichen Ziele gelten, dem er sich später zuwandte: der Befreiung eines Volkes! Und wie sind, nebeneinandergestellt, die beiden Kampfmethöden und ihre Wirkungen? Auf der einen Seite Gift und Bombe — eine aus der Verzweiflung der Machtlosigkeit entspringende Anarchie, die aber trotz aller Todesverachtung, trotz allen beispiellosen Mutes, gegen die Mächte der bestehenden Ordnung nicht aufkommen kann,