Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1516 terer Tätigkeit, wo die inneren Verhältnisse verbesserungsbedürftig und das Volk noch ferne war von jenen Zielen, die es erreichen muh. Man darf auch nicht, die weltgeschichtlichen Ereignisse des jüdischen Freiheitskampfes lediglich als Ereignisse einer kurzen Periode auffassen, wie sie ebensowenig als Taten einzelner Männer angesehen werden dürfen. Vielmehr bilden sie den Schlußstein einer langen geschichtlichen Entwicklungsreihe, welcher natürlich wieder, da die historische Kontinuität nirgends durchbrochen wird, zum Grund- und Eckstein einer neuen Entwicklung geworden ist. ln dieser Auffassungsweise liegt der Unterschied zwischen einer philosophischen und panegyrischen Geschichtsbetrachtung. Man tritt damit den großen Männern, welche an dem nationalen Werke mitgearbeitet haben, keineswegs za nahe; im Gegenteil tritt ihr Wirken, als in den Dienst einer großen historischen Idee gestellt, erst in diesem Zusammenhänge in das rechte Licht. Vor allem erscheint so erst die Makkabäerfamilie an derjenigen Stelle, wohin sie geschichtlich gehört: als die Vollenderin einer bedeutenden, entwicklungsreiehen Epoche, welche zugleich eine neue, nicht minder bedeutungsvolle inauguriert hat. Ohne diese Kämpfe und Siege wäre das jüdische Volk in den syrischgriechischen Brei eingestampft worden, das Judentum wäre nicht erhalten geblieben, seine Tochterreligionen wären nicht entstanden und die Menschheit hätte ein ganz anderes Aissehen: sie wäre wirklich ,,judenrein“ . . . Aber die Makkabäer haben gesiegt. Auf der ganzen Linie . . Wir kehren zu dem Geiste zurück, in weichem Matathiahe das Schwert ergriff und weicher der Geist einer tief innerlichen Sittlichkeit war, die die Eitelkeit des kriegerischen Ruhms gegen den Ruhm der Treue und des (jlai'bens zurückstellt und in fester, aber bescheidener Entschlossenheit jede ihr gestellte Aufgabe, sei es auch die der unvermeidlichen Selbstaufopferung, auf sich nimmt. Wir kehren zu dem Geiste zurück, in welchem sich die ganze Nation in einem Willen erhob, dem sich der fromme Priester wie der niedrigste Mann ergab, alle gereift in gleichem Mißgeschick, alle geführt von unzähligen Erfahrungen zur Sammlung ihrer Kraft in einer gewaltigen Rettnngstat. Nicht die Kriegskunst, sondern der einmütige Pnlssclilag einer kleinen aber begeisterten Nation hat die großen Wunder bewirkt. Woher kamen die unbekannten Helden, die ihr Leben geopfert, um das Elend einer feindlichen Herrschaft von ihrem Volke abzuwenden und mit ihrem Herzblut die Wiedergeburt des Heiligen Landes besiegelten? Aus den dunklen 'Liefen der Volksmassen waren sie emporgestiegen. Sie waren die Eiferer, die Verteidiger der Stamniesehre: die Nationalen. Ihr Kampf war zunächst ein Kampf gegen die Verräter in eigener Mitte. Es hatte zu jener Zeit unter den Juden vom syrischen Hofe aus der Geschmack an der Sprache, den Sitten und der Religion der Griechen so überhand genommen, daß eine wahre Gräcomanie entstanden war. Diesen Abtrünnigen hatten sich auch . . . Priester angeschlossen. An der Spitze der Gräcomanen, die sich zugleich an den syrischen Hof anschlossen, stand der Hohepriester Jesus, oder mit seinem griechischen Namen (denn eben jetzt entstand die Sitte, sich neben oder statt des hebräischen einen griechischen Namen beizulegen) Jason, der in Jerusalem einen Kampfplatz anlegte, wo Kampfspiele zu Ehren des Herkules angestellt wurden. Mit der Assimilation zog auch die plutokratische Verderbnis ein. Schon Jason hatte die Hohepriesterwürde gekauft; aber sein Bruder Men ela us (eigentlich Onias) verdrängte ihn, indem er Nr. 49 mehr bot. Teils der Rat dieser gräzisierenden Juden, teils Antiochos (!V) Epiphanes' eigener Eifer für den Dienst der griechischen Götter, besonders des Jupiter Olympius, bestimmte ihn zu dem Projekte, in allen Teilen seines Reiches eine Einheit des Kultus einzuführen. Es mochte sich weniger tun Religion, als um Politik handeln. Dieser durch seine Abgeschmacktheiten denkwürdige, sonst aber unbedeutende, von Polybius zum Spott sxijxavy^ (der Wahnwitzige) genannte Monarch, war ja alles weniger als ein Jupiter-Schwärmer: er wollte alle Leute zu üräco- Syrern machen: einen Nationalstaat. Die oberen Zehntausend des jüdischen Volkes waren einverstanden, die streberischen Priester gingen voran. Gewiß half ihnen eine ausgeklügelte Exegese, zu beweisen, daß dies eigentlich Judentum bedeute und den alten Texten entspräche. Die griechische Uebersetzung der Texte und die Abtötung des lebendigen Hebräisch hatte auch mitgewirkt. Plötzlich ereignet sich etwas Außergewöhnliches im kleinen Orte Modin. Das Signal zu einem Aufruhr wird gegeben. Eine Familie, bald ein Volk flüchtet sich in die Wälder, liefert Schlachten und erringt Siege, aus denen ein neues Judäa hervorgeht. Nicht der Sieg, die Einheit war der größte Triumph der Makkabäerkämpfe. Zum ersten Male seit Jahrhunderten standen wieder jüdische Parteien vereint und ohne fremde Hilfe gegen den auswärtigen Feind, zum ersten Male seit Jahrhunderten standen wieder jüdische Männer Schulter an Schulter und fochten für eine als gemeinsam erkannte Sache. Das waren die ersten Sonnentage einer neuen Einheit; da fühlte sich das Volk, nicht nur das in Waffen, sondern auch das zu Hause, zum ersten Male wieder geeint in einem großen Interesse, als eine Nation! Auf den Schlachtfeldern bei Emmaus, ßeth-Zur, K’phar-Salama und Beth-Choron, wo der Sieg die jüdischen Fahnen begleitete, und auch bei den unglücklichen Kämpfen von Beth-Sacharia und zuletzt bei Elasa, wo Jehuda seinen Heldentod fand, war das jüdische Nationalbewußtsein wiedergeboren, das jahrhundertelang erstorben schien. Es hatte mit den Patriarchen, mit den Königen und Propheten in den Gräbern geschlummert, es klang bloß wie ein irrendes Echo in den Gebeten und Liedern. Denn ein Zug war im alten Israel immer lebendig, das Bewußtsein der Stammesunterschiede und gewisser darauf beruhender Oharakter Verschiedenheiten. Wohl führte dieses Bewußtsein zu einer reichen und vielseitigen Ausgestaltung der individuellen Anlagen — der jüdische Typus war wohl seit jeher trotz seiner inneren Einheitlichkeit vielseitig und verschiedenartig, wie da; Heimatland Palästina — aber es widerstrebte dem Zuge nach politischer Uniformität, ohne welchen ein Volk als solches politisch nicht bestehen kann. Nur gewaltige Ereignisse vermochten jenem Absonderungstriebe gegenüber das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit zu erwecken und wach zu erhalten. Wie sehr ähnelte das jüdische Volk hierin seinem großen Gegner, dem Griechenvolke! Als die ungeheure Persergefahr drohte, bei Salamis, bei Platäa, da fochten die Hellenen vereint; aber kaum fünfzig Jahre später begannen sie in einem brudermörderischen Kriege sich hinzuschlachten. Ein solcher brudermörderischer Krieg, wie für Griechenland der peloponnesische, war für das jüdische Volk der Krieg zwischen Israel und Juda unter Pescah, der die Bundesgenossenschaft mit dem alten Reichsfeind, dem damaszenischen Syrer geschlossen, und der es hauptsächlich verschuldet hat, daß das Reich Israel unter heftigen Zuckungen und stetem Wechsel dem Untergange ent-