Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Basler Programm.) XVI. JAHRQ. BERLIN, 6. Dezember 1912 Y'Dnn 'K V'2 ^12 Nr. 49. Die Feier der Chanukah-Tage Wir begehen diese Feier mit jenem Hochgefühl, welches in jedem wahrhaft jüdischen Herzen auf lebt bei der Erinnerung an eine Siegestat unseres Volkes, die in den Bücherrollen der Weltgeschichte ihresgleichen nicht hat, die aber auch einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte nicht bloß unserer Nation, sondern der ganzen Menschheit bezeichnet und sich geradezu als ein Richterspruch Gottes über Jahrtausende darstellt. In dem großen Zusammenhänge der geschichtlichen und kulturellen Lebensentwicklung eines Volkes sind solche nationale Feiertage von außerordentlicher Bedeutung. Es liegt darin eine belebende und erfrischende Kraft für den Volksgeist, der nicht bloß den großen Taten der Vergangenheit ein pietätvolles Gedächtnis zu wahren, sondern auch ein immer weiteres Verständnis für die errungenen Güter zu wecken und das Bewußtsein lebendig zu erhalten hat, daß die jüdische Nation in Einmütigkeit und Treue zusammenstehen muß, um die ihr gewiesenen Aufgaben würdig zu lösen. Ist doch Chanukah mehr als ein Siegesfest der großen Makkabäerkämpfe, ist es doch ein Andenken an die Aufrichtung unseres Volkes aus vieler Schmach, seine Erlösung und Neugeburt, das in gerechtem Volksgefühl unsere Seele erhebt zu dem Glauben an den fortschreitenden Sieg der Gerechtigkeit. Diese Feier fordert uns von selber auf, wenigstens einen flüchtigen Blick zu werfen auf das, was wir vor den Makkabäern gewesen, und auf das, was wir durch sie geworden waren, um uns demzufolge so zu stimmen, daß wir diesem unserem nationalen Feste den rechten Inhalt, die rechte Richtung und die rechte Weihe geben. Was waren wir Juden während jener Perioden, in denen sich die Nachbarstaaten zu großen Mächten erhoben, was waren wir selbst da noch, als Syrien vor allem dem Widerstande Judäas eine gewisse Sprengung des schweren Joches zu danken hatte, in das Rom die Völker des Ostens geschmiedet? Wie stand es noch mit dem jüdischen Volke, als Antiochos III., nach seinen Kriegstaten der Große genannt, den Thron Seleukos III. bestieg, und als er sich anschickte, dasjenige wieder zu erobern, was von syrischen Provinzen noch von Ptolomäus Euergetes her unter ägyptischer Botmäßigkeit war; wie stand Judäa, als sich dieser „Große“ Cölesyriens, Phöniziern, fast ganz Palästinas bemächtigt hatte, um kurz darauf* (im J. 217) durch eine Schlacht bei Raphia, zwischen Rhinoeolura und Gasa, mit großem Verlust auf das Haupt geschlagen zu werden und mit dem trägen Ptolomäos Frieden schließend, ihm diese Provinzen abtreten zu müssen? Und wie erschien das jüdische Volk nach den Makkabäerkämpfen in der Reihe der Völker? Seitdem Judäa durch die Makkabäer sich aufs neue zum Nationalstaat hindurchgerungen hatte, war es zu einem mächtigen Gegengewicht gegen das völkerverschlingende Rom geworden und wenn es auch einige Generationen hindurch zerrissen blieb und den wachsenden brutalen Großmächten gegenüber unbedeutend schien, so hatte sich doch die Sehnsucht erfüllt, womit die Edelsten und Besten unseres Volkes auf das Wiedererstehen eines geeinigten, freien und selbständigen Gemeinwesens gehofft. Wohin die Leviten an den Strömen Babels Geist und Herz gerichtet hielten, wenn sie ihre Lieder sangen, das war verwirklicht, die Befreiung aus der Fremdherrschaft war erfolgt, der Aufschwung der Nation, der als die Folge dieser Befreiung erhofft wurde, war eingetreten und diese letztere verbürgte auch die Kraft und Fähigkeit zu allen jenen Fortschritten, die für die weitere politische, wirtschaftliche und sittliche Entwicklung der Nation noch zu machen waren. Denn so darf eine national-jüdische Geschichtsauffassung die Lage und die Zustände Judäas nach den Makkabäerkämpfen freilich nicht ansehen, als ob das jüdische Volk schon wiederum auf der Sonnenhöhe seines geschichtlichen Daseins angelangt oder gar schon damals berechtigt war, von einer fortgesetzten inneren Aufbesserungs-, Kultur- und Vervollkommnungsarbeit abzustehen. So war die Chanukah-Feier in keiner Weise gemeint, die unser Volk vielmehr zu neuem Streben auregen und es auf rufen soll, da Hand anzulegen zu wei-