Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 48 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1400 Nr- 48 t>IE2§£ELT sie auf ihren außereuropäischen Besitzungen europäische Ansiedler gastfreundlich aufnehmen würde. Was Angola betrifft, ist dies bekanntlich unsere größte Kolonie, 90 °/o des Bodens ist jedoch gänzlich unkultiviert. Als der Sklavenhandel gesetzlich verboten wurde, erklärte die portugiesische Regierung öffentlich, daß sich dort jedermann in den Besitz eines beliebigen Teils des Bodens setzen könne. Es machten auch einzelne Gruppen hiervon Gebrauch, dies waren aber ausschließlich Neger aus dem Innern Afrikas. Europäer, ja selbst Portugiesen, waren leider nicht dazu zu bewegen, sich dort anzusiedeln, obwohl wir erklärten, ihnen soviel vom Boden zu überlassen, als sie nur selber wünschten. Dies lockte sie aber auch nicht. Da regte jemand an, Juden zu kolonisieren. Die Regierung verhandelte über diese aus uns fernstehenden Kreisen stammende Anregung und erwiderte darauf, daß sie, wie überhaupt jedermann, auch die Juden als Kolonisten gerne sehen würde." Auf die Frage, was die portugiesische Regierung mit der Judenkolonisation bezwecken wolle, erwiderte Lima: „Wir versteifen uns nicht gerade darauf, die Juden oder nur die Juden anzusiedeln, Ob Juden, ob Zigeuner, ob Neger oder andere Völker sich dort anzusiedeln wünschen, ist uns nebensächlich. Wir verlangen aber von den Kolonisten, daß sie dort als Portugiesen leben und sich betätigen, und bezwecken damit, daß sie die Kolonie wirtschaftlich und kulturell für uns e r s c*h 1 i e ß e n." Die Erklärungen des hervorragenden portugiesischen Staatsmannes machen einen Kommentar überflüssig. Aus dem Pariser jüdischen Gemeindeleben (Von unserem Berichterstatter.) Paris. Der Bericht über die im Mai d. J. abgehaltene Generalversammlung der Pariser Kultusgemeinde, über die seinerzeit die „Welt" bereits referierte, liegt nunmehr gedruckt vor. Die der Versammlung unterbreiteten Zahlen weisen, wie das Konsistorium mit Genugtuung hervorhebt, auf jedem Gebiete einen Zuwachs auf: die Ausgaben stiegen von 905 500 auf 911 700 Frs., wovon auf das Rabbinat 104 700 Frs., auf Verwaltungsspesen 94 000 Frs., für den Religionsunterricht 71000 Frs. und Beitrag zum Verband der Kultusgemeinden 62 000 Frs. entfallen. Dank einer eifrigen Propaganda hob sich die Zahl der Mitglieder von 3854 auf 4222 und die Beiträge von 263 000 auf 265 000 Frs.; am Religionsunterricht nahmen über 3000 Kinder teil, wovon 405 gegen 355 im Vorjahre ihre Abschlußprüfung bestanden. Trotz dieser unverkennbaren Steigerung beweisen die Zahlen an sich, daß das Interesse für jüdische Gemeindeangelegenheiten in dieser großen Gemeinde, die finanziell sehr leistungsfähig sein könnte, noch recht gering ist. Die Mitgliederzahl könnte fünfmal so hoch sein und dementsprechend die regelmäßigen Beiträge. Der Bericht erwähnt schmerzlich, daß das Gleichgewicht im Budget nur durch eine außerordentliche (lies: Rothschildsche) Zuwendung gewahrt werden konnte, und auch so nur die allerdringendsten Ausgaben gemacht wurden, während von Neuerungen und Erweiterungen, so sehr auch dieselben drängen mochten, abgesehen werden mußte. Dennoch bedeutet vielleicht die erwähnte Steigerung der Mitgliederzahl und der Einnahmen doch eine Besserung, nämlich ein wenn auch langsam und leise, so doch unverkennbar wachsendes Interesse an jüdischen Fragen und jüdischer Betätigung. Man beginnt, ungenierter als noch vor einigen Jahren, von jüdischen Dingen zu sprechen und in spezifisch jüdischen Wohltätigkeitsunternehmungen zu arbeiten. Der offizielle Bericht selbst konstatiert eine Zunahme im Besuch der Synagogen — was für Paris gewiß viel heißen will — und bemerkt dazu, daß „die Gläubigen mehr als je nötig und vielleicht Neigung haben, das jüdische Wort zu hören". Im vergangenen Jahre wurde in einem Vororte von Paris eine neue Synagoge eröffnet, und kürzlich wurde mit dem Bau einer weiteren auf dem linken Seineufer begonnen. Als Beweis für diesen Umschwung können auch die zahlreichen bereits ausgeführten oder auch nur projektierten Vereinsgründungen der letzten Zeit gelten. Freilich sind hierbei die Ideen des „Weltbürgertums" und „Liberalismus" zumeist noch in voller Geltung, doch verschmäht man nicht mehr die Anwendung jüdischer Namen und die Hervorkehrung jüdischer Zwecke und gibt, wenn auch unter allen möglichen Vorbehalten, manchmal sogar die Berechtigung nationaler Bestrebungen zu. Von größter Bedeutung ist wohl der Umstand, daß seitens der in den letzten Jahrzehnten aus dem Osten eingewanderten Juden eine immer zahlreichere und lebhaftere Beteiligung am jüdischen Leben wahrzunehmen ist. Wenn man nach den Gründen dieser Wendung, die allerdings erst im Beginne ihrer Entwicklung steht und vorerst noch keine besondere Wirkung gehabt hat, fragt, so muß gewiß der allgemeinen Zeitrichtung, deren Einfluß die Juden zu allererst unterliegen, große Bedeutung eingeräumt werden. Nach den langjährigen Kämpfen gegen den Klerikalismus, der hierzulande der hauptsächliche Repräsentant der „Religion" war, ist eine gewisse Ermüdung der Erörterung dieser Fragen gegenüber erfolgt. In dieser Stimmung traf nun die französischen Juden die besonders durch den Zionismus stets offen gehaltene Diskussion des jüdischen Problems an, vor dem man schließlich auch hier nicht auf immer Auge und Ohr verschließen konnte und das speziell seit einigen Jahren durch die zahlreiche Einwanderung aus dem Osten und die Bildung eines großen Ghettos im Zentrum der Stadt in handgreifliche Nähe gerückt worden war. Nach alledem will es uns scheinen, als ob in der Entwicklung des französischen Judentums der Tiefpunkt nunmehr bereits überwunden sei. Umfang und Geschwindigkeit des Aufstieges werden in erster Linie von der Umsicht und der Energie der Führer und der Opferwilligkeit der Mitarbeiter abhängen. Hoffen wir, daß jeder seine Aufgabe erkenne und sich ihr gewachsen zeige. Dr. B. D rach mann als Chief-Rabbi (Von unserem Berichterstatter.) London. Wie ich soeben erfahre, hat eine Versammlung bei Lord Rothschild stattgefunden, wo beschlossen wurde, Dr. Bernard Drachman zum Chief Rabbi vorzuschlagen. Bei dem übermächtigen Einfluß Lord Rothschilds und seiner Kollegen in der United Synagogue kann nun die Wahl Dr. Drachmans als gesichert gelten. Viel wird zur Einstimmigkeit der Wahl der Umstand beitragen, daß die zwei Gegenkandidaten gewisse Mängel aufweisen, von denen Dr. Drachman mehr oder weniger frei ist. Dr. Hyamson wird in sozialer Hinsicht als für den hohen Posten nicht geeignet betrachtet, während Dr. Hertz zuviel von der amerikanischen Schneidigkeit, wie sie einem konservativen Chief Rabbi kaum ziemt, besitzt. Auch hat Dr. Drachman durch sein persönliches Auftreten viele Freunde gewonnen, und seine ausgesprochen orthodoxe Gesinnung wird ihm bei vielen ein höheres Maß jüdischer Gelehrsamkeit ersetzen. Dr. Drachman, in New York im Jahre 1861 geboren, hat seine theologische Ausbildung im New Yorker Columbia College sowie auch auf dem Breslauer Rabbiner-