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Die Welt · 1912-11-29 · 48 (29.11.1912) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
48 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1488 Nr. 48 DIE3q£ELT gerichten und „freiem Ermessen der Verwaltungsbehörde“ sanktionierten offiziellen Verbrechertums von diesem Prozesse den Beweis für das Dogma der jüdischen Schlechtigkeit und für die Notwendigkeit weiterer harter Maßnahmen gegen die „Rasse“ ableiten. Jedenfalls haben die armen 300 Dentisten, wie es scheint, ein sehr hartes Urteil zu gewärtigen. Polnische Boykottbestrebungen Der Ausgang der Warschauer Wahlen hat, wie zu erwarten war, die ohnehin sehr feindselige Stimmung der politischen Kreise Polens gegen die Juden womöglich noch gesteigert. In weiten Kreisen hat eine mächtige Bewegung zur wirtschaftlichen Boykottierung der Juden eingesetzt. Man k um jetzt an jedem jüdischen Kramladen polnische Gentlemen sei en, die darüber wachen, daß kein polnischer Bürger und kein polnisches Dienstmädchen — auch wenn es bei Juden dient die Schwelle des „Todfeindes der polnischen Nation“ betritt. Wenn man sich gegenwärtig die polnische Tagespressc ansieht, ist man versucht zu glauben, daß die Polen nur eine einzige öffentliche Frage haben: die Frage einer möglichst zweckmäßigen und erfolgreichen Organisierung des jüdischen Boykotts. Die „Gazeta poranna“ geht in ihrer eifrigen Agitation für die wirtschaftliche Aussperrung so weit, daß sic die Schaffung eines neuen Ghetto verlangt. Auf den Marktplätzen soll den jüdischen Marktfrauen eine besondere abgegrenzte Ecke zugewiesen werden. Den Boykottbestrebungen schloß sich mm auch die „Vereinigung für Gleichberechtigung der Frauen“ an, die sich sonst durch entschiedene fortschrittliche Gesinnung auszeichnet. Wie eifrig sich im allgemeinen auch die fortschrittlichen Kreise Polens an dieser Bewegung beteiligen, beweist die am 21. November abgehaltenc Versammlung der „Gesellschaft für polnische Kultur“, die als Hochburg des polnischen Freisinns gilt. Auf der Tagesordnung stand „die gegenwärtige Phase der Juden frage“'. Sämtliche Redner, mit dem Vorsitzenden der (iesellschaft A 1 e x a n d e r S w j e n t o c h o w s k y an der Spitze, verlangten einen rücksichtslosen Kampf gegen die Juden. Ein Unterschied war nur in bezug auf die Assimilanten zu bemerken. Während S \v j e n t o c h o w s k y , L i p a c e w i c z und Rechtsanwalt Wedel auch diese nicht verschonten, verfuhren Ingenieur P o t e in p s k y (den ein Teil der jüdischen Wahhnämier in die Duma entsenden w ollte) und O r 1 o w s k y etwas milder und begnügten sich damit, daß sie die volle Schale ihres Zornes und ihres Hasses auf die jüdischen Nationalisten ausgossen. Schließlich wurde folgende Resolution angenommen : 1. Der jüdische Nationalismus bietet eine Gefahr für die Entwicklung des polnischen Volkes. 2. Unter Assimilation darf nur das v ol!ständige Aufgehen im polnischen Volke verstanden werden. 3. Eine der wichtigsten Aufgaben der polnischen Gesellschaft ist die Polonisierung (dies der durch die Rücksicht auf die Behörde gebotene verschämte Ausdruck für Boykott) der polnischen Städte. 1. Der Gesellschaft „Polnische Kultur“ dürfen nur Nationalpolen ohne Unterschied der Religion und Abstammung angehören. Viel ernster als in Warschau, das schließlich doch weniger auf die lokale Kundschaft als auf den auswärtigen, speziell innerrussischen Handelsverkehr angewiesen ist, wird die polnische Judenheit in den Provinzstädten und auf dem Lande von der gegenwärtigen Hypertrophie des polnischen Nationalgefühls getroffen. Immer heißer wird den Juden Polens der Roden unter den Füßen und die Aussichten in die Zukunft werden immer trauriger. Oie polnische Rache (Von unserem Berichterstatter.) Lodz. Wie bereits in der „Welt“ berichtet wurde, spielt sich jetzt in Warschau und zum Teil auch in der Provinz ein Kampf gegen den jüdischen Handel ab. Mit einer, eines Kulturvolks unwürdigen Roheit, mit allen schändlichen Mitteln und Mittelchen grober Demagogie wird von der polnischen Intelligenz und ihrer Presse die Losung: „Kauft nichts bei Juden“ ausgegeben. Auch in der „Kultura Polska“, diesem höchsten Areopag des polnischen Auch-Fortschritts, wurde das Boykotturteil gegen die Juden bestätigt und erklärt, daß nur vollständig, und rückhaltslos assimilierte Juden polnische Luft atmen dürfen. Ja, diese bürgerliche polnische Intelligenz, die für die polnische Masse so blutwenig getan hat, versteht es dennoch, sich ihrer als Werkzeug zu bedienen. Es ist dies dieselbe Intelligenz, deren bisherige reaktionäre Vertreter in der Duma durch ihre Engherzigkeit und ihre armseligen Partikularinteressen das polnische Volk in den Augen der fortschrittlichen Elemente Rußlands kompromittiert haben. Als nun jetzt der bekannte russische Vorkämpfer des Liberalismus M i 1 j u k o f f diesen polnischen „Politikern“ die primitive Tatsache erklärte, daß keiner Gruppe zugemutet werden könne, für ihre Gegner einzutreten, da regnete es in der ganzen polnischen Presse Hetzartikel gegen Miljukoff. Glücklicherweise wird die Boykottbewegung keinen Einfluß auf die Hauptzweige des jüdischen Handels in Warschau haben, da derselbe auf Polen überhaupt nicht angewiesen ist und einzig und allein mit den großen russischen Absatzgebieten rechnet. Der Kampf kann jedoch eine größere Pauperisierung der jüdischen Kleinhändler, Krämer usw. herbeiführen und da muß die jüdische Wehr einsetzen. Alle Kräfte des gesteigerten jüdischen Solidaritätsgefühls müssen und werden sich zusammenschließen, um der ökonomisch bedrohten jüdischen Bevölkerung neue Stützpunkte zu schaffen. Uebrigens weist dieses so trübe Bild des polnischen Antisemitismus auch einige Lichtpunkte auf, vor allem: die volle Klärung der Situation. Nichts, keine Literatur, keine Reden konnten dem polnischen Judentum den ganzen Abgrund der Gehässigkeit, in dem es lebt, so deutlich vor Augen führen, wie die letzten Ereignisse. Die Juden sind nun um viele Illusionen ärmer, jedoch um die Erkenntnis der wahren Lage reicher. Und die Diagnose ist ja die erste Voraussetzung einer richtigen Heilung. Diese Klärung der Situation äußert sich auch darin, daß die ganze polnische Gesellschaft, die polnische Presse aller Schattierungen den vollständigen Bankerott der jüdisch-polnischen Assimilation festgestellt hat. Ein großer Erfolg des „Bezalel“ (Von unserem Berichterstatter.) Prag. Am 17. d. M. wurde im altberühmten Künstlerhaus „R u <1 o 1 f i n u m“ in Prag eine vom böhmischen „Verein patriotischer Kunstfreunde“ veranstaltete Knnstgewerbe-Ausstellung eröffnet, in welcher auch eine größere Kollektion von Arbeiten des „Bezalel“ ausgestellt ist. Der Prager Kunstgewerbeverein „Bezalel“ hat diese Kollektion eingereicht, und sie wurde von der Jury, die sehr rigoros vorging und sogar bestrenommierte Prager Kunstgewerbeschulen abvvies, akzeptiert. Diese Anerkennung durch den angesehensten Kunstverein Böhmens, an dessen Spitze Graf N o s t i t z steht, darf als ein großer Erfolg des Bezalel gelten. Die ausgestellten Gegenstände, die in einem besonderen Zimmer sehr geschmackvoll angeordnet sind, erregen die Bewunderung aller Besucher. In der Tat stehen auch die ausgewählten Erzeugnisse auf der

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