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Die Welt · 1912-11-29 · 48 (29.11.1912) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
48 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 48 DIES^KELT Kultusgemeinden verweigerten jedoch die erforderlichen K'Ostenbeiträge. Wieder ein Beispiel, wie dringlich die endliche Schaffung einer Gesamtorganisation der Kultusgemeinden wäre. Das Ergebnis der Wiener Kuiiuswahlen Sonntag, den 24. November, fanden die Wahlen in den Wiener Kultusvorstand statt. Auf Grund des zwischen dem offiziellen und zionistischen Wahlkomitee abgeschlossenen Kompromisses wurde von beiden Parteien eine gemeinsame Kandidatenliste aufgestellt, die auch durchdrang. Es erscheinen somit die Mitglieder des zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich Dr. Jakob Ehrlich und Ober-Ingenieur Robert Stricker, sowie die für die Bezirkskommissionen nominierten zionistischen Vertrauensmänner als g e w ä h 11. Die neugewählten zionistischen Vorstandsmitglieder haben in Volksversammlungen ihr Programm entwickelt und wollen mit allem Nachdrucke zunächst für Einführung des Ocffentlichkeitsprinzipes im Gemeindeleben, für die Erweiterung des Wahlrechtes und für Schaffung einer Gesamtorganisation der österreichischen israelitischen Kultusgemeinden eintreten. Krieg und Judenhaß Wer schürte am Balkan und agitierte für den Krieg und wer hetzt in Oesterreich gegen den Krieg? Wer gibt den Balkanfürsten das Geld zum Blutvergießen und wer läßt in Oesterreich alle Geldminen springen, um das Donaureich an der Verteidigung seiner gerechten Forderungen zu verhindern? Natürlich alles nur die weltumspannende, weltbeherrschende jüdische Großmacht, wofür die judenfeindlichen Zeitungen untrügliche Beweise erbringen. Während das „Deutsche Volksblatt“ enthüllt, daß das Blutbad auf dem Balkan ausschließlich durch die Schuld harter, profitgieriger und Umstürzler!scher Juden angerichtet wurde, schwillt wiederum der „Ostdeutschen Rundschau“ die Zornesader, weil sich Oesterreich durch das hochverräterische, mit Friedensliebe maskierte Treiben seiner Juden zu unverzeihlicher Hintansetzung seiner Lebensinteressen bewegen lasse. Das jüdische Gold duldet nicht, daß Oesterreich zu den Waffen greift und befiehlt der Monarchie, in schmachvoller Tatenlosigkeit zu verharren! Die Juden haben sich „zu einem Ringe zusammengeschlossen, um die Interessen der Fürsten und Völker zu erdrosseln“ . . . Ja, der Spießbürger könnte leicht über die Tagessorgen und über das drohende Gespenst eines europäischen Krieges seinen Judenhaß vergessen. Darum ist den für Wacherhaltung der antisemitischen Instinkte verantwortlichen Redakteuren kein Witz zu faul, kein Attentat auf den gesunden Menschenverstand zu lächerlich — wenn nur das ,,Hepp, Hepp“ wieder in Erinnerung gebracht wird. Die jüdische Rechtlosigkeit auf der Anklagebank (Von unserem Berichterstatter.) Odessa. Die russische Justiz hat eine besondere Vorliebe für Massenprozesse, wo es gilt, die Berechtigung eines sehr zweifelhaften politischen Grundsatzes unserer Machthaber zu demonstrieren. Vor einem Jahre sollte die Staatsgefährlichkeit des armenischen Volkes ad oculos geführt werden und die Welt bekam den Daschnakzutjun-Prozeß zu sehen, in dem 150 Armenier durch die Machenschaften der Untersuchungsbehörde auf die Anklagebank gesetzt wurden. Jetzt kam die Reibe 1487 an die Juden. Der gegenwärtige Kurs in der Judenfrage, das Programm der Bändigung und Niederwerfung, die vaterländischen Bestrebungen zur „Säuberung des Handels und der Industrie“ sollen neue Nahrung bekommen. Und so soll denn das Dogma von der jüdischen Schlechtigkeit und sittlichen Minderwertigkeit durch einen schlagenden Beweis den schwankenden Gemütern zum Bewußtsein gebracht werden. Diesem Zwecke soll der Dentisten-Prozeß, der sich gegenwärtig in der Moskauer Gerichtskammer abspielt, dienen. An die 300 jüdische Dentisten sitzen auf der Anklagebank, der Urkundenfälschung beschuldigt. Die Leute sollen sich nämlich von nachsichtigen Zahnärzten die für die Dentistenprüfling erforderlichen Zeugnisse über ein gewisses Pensum praktischer Facharbeit haben ausstellen lassen, ohne dieses Pensum in Wirklichkeit absolviert zu haben. Die Anklageschrift führt mit unnachsichtlicher Schärfe und Rücksichtslosigkeit das Vergehen auf das verbrecherische Streben zurück, „das Ansiedelungsrayon von der Landkarte Rußlands wegzu wischen". Tatsächlich werden es wohl auch die meisten Angeklagten, die übrigens bei der Prüfung gute Kenntnisse an den Tag gelegt, nicht auf die Ausübung des Dentistenberufs, sondern auf das mit diesem Berufe verbundene Wohnrecht außerhalb des Ansiedelungsrayons abgesehen haben. Manche Angeklagte versichern uns, daß sie in Wirklichkeit ihren Beruf ausübten und bei der Prüfung keinerlei außerberufliche Zwecke verfolgt hätten, daß sie sich keine Urkundenfälschung, sondern bloß eine Formalitätsverletzung hätten zuschulden kommen lassen, indem sie nämlich das erforderliche Pensum praktischer Arbeit anderswo absolviert und das Zeugnis sich in Smolensk, wo sie ab und zu geweilt, hätten ausstellen lassen. Die anderen erklären hingegen offen, daß es ihnen um das Wohnrecht in Innerrußland zu tun war, da sie, durch die große Not im Ansiedlungsrayon getrieben, hier ihren Lebensunterhalt haben suchen müssen und die Lage eines unsicheren und unstäten, von der Polizei erbarmungslos geprellten und bisweilen wie ein wildes Tier gehetzten Wohnrechtslosen nicht länger hätten ertragen können. Für unsere Patrioten aller Arten und Schattierungen ist der Dentistenprozeß natürlich ein treffliches Fressen. In der rechtsstehenden Presse wird mit schmunzelndem Behagen das Thema von der sittlichen Verkommenheit der Juden, von der Untergrabung der Gesetzlichkeit und des Rechtsbewußtseins durch dieselben breitgetreten und es werden Krokodilstränen darüber vergossen, daß die Kinder Israels die moralische Seuche im heiligen Rußland verbreiten. Diese Leute, die es in der Ordnung finden, daß man, um den eisernen Klammern des Ansiedelungsrayons zu entgehen, einen religiösen Meineid begeht und sich gegen die innere Ueberzeugung taufen läßt; die nichts dagegen haben, daß ehrbare und unbescholtene Jüdinnen, die nicht nach dem Ansiedelungsrayon abgeschoben werden wollen, sich in das Register der Prostituierten eintragen lassen, um das mit diesem „Berufe“ verbundene Wohnrecht zu erlangen: diese Leute wehklagen über sittliche Verkommenheit, wenn Menschen, von der Not zum äußersten getrieben, zu Unrechten Mitteln greifen, um einem barbarischen, allem Menschenrecht und aller Menschenwürde Hohn sprechenden „Gesetze“ zu entgehen und ihre nackte leibliche Existenz zu retten. Der Prozeß gegen die jüdischen Dentisten ist ein Prozeß gegen die jüdische Rechtlosigkeit, gegen das barbarische Institut des Ansiedelungsrayons. So wird er auch von den unbefangenen Kreisen der russischen Gesellschaft gedeutet. Dies hindert jedoch nicht, daß die Verfechter des gegenwärtigen Regiments, des Regiments der offenkundigen Fälschungen und Wahlskandale, der fabelhaften Korruption und Unterschleife der Heeresintendantur, des unter dem Deckmantel von Kriegs-

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