Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 48 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316562--56774-3350730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1486 Nr. 48 DIE3q£ELT Saloniker Griechen und Soldaten zu vertuschen oder gar abzuleugnen, und andererseits, das Lügengewebe dichter um die armen Saloniker Juden zu ziehen. So z. B. melden hiesige griechische Blätter aus Saloniki: „Eine Abordnung der israelitischen Bevölkerung der Stadt hat sich dem Diadochen vorgestellt und mit Abscheu die Schandtat ihrer Volksgenossen verurteilt. Sie erklärte, alle Israeliten schätzten sich glücklich wegen der in der Stadt eingesetzten griechischen Verwaltung. Der Diadochos erwiderte, das Verbrechen sei eine isolierte Tatsache und belaste die israelitische Bevölkerung keineswegs. Diese werde mit den Christen brüderlich Zusammenleben und zur Entwicklung der neuen Zustände beitragen. Neueren Nachrichten zufolge haben die griechischen Behörden aus der von ihnen angestellten Untersuchung die Ueberzeugung gewonnen, daß von einigen Israeliten, die ihre Glaubensgenossen zu verführen suchen, ein systematischer Widerstand organisiert worden ist. Die griechischen Behörden beschlossen, gegen die Urheber dieses Widerstandes mit aller Strenge des Gesetzes vorzugehen. Andererseits wird die tadellose Haltung des muhammedanischen Elementes hervorgehoben." Daß derartige Veröffentlichungen nicht dazu beitragen können, das ohnedies nicht allzu freundliche Verhältnis der Griechen zu den Juden zu verbessern, leuchtet ein. So hat sich denn auch der hiesigen Juden eine gewisse Unruhe bemächtigt. Die Konstantinopeler Juden, die zwar hier ungleich besser geschützt erscheinen als in Saloniki, sehen doch dem nach einem etwaigen Siege der Feinde vor Tschataldscha möglichen Einzuge der christlichen Sieger in die Hauptstadt des Khalifen mit sehr besorgten Gefühlen entgegen. Für die Notleidenden Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat seinen hiesigen Vertreter, Oberrabbiner Dr. D. F. Markus, angewiesen, als erste Hilfe für die Kriegsnotleidenden 10 000 Frcs. zur Verfügung zu stellen. Eine Interpellation im österreichischen Abgeordnetenhause (Von unserem Berichterstatter.) Wien. In der Sitzung vom 26. November interpellierte der jüdische Abgeordnete Reizes wegen der Ausschreitungen gegen die Juden in Saloniki. In der Interpellation heißt es: „Vielleicht haben die Juden in Saloniki nicht mit gewünschter Schnelligkeit die Pflichten gegen den Staat, dem die Stadt bis vor kurzem angehört hat, vergessen! Vielleicht haben sie dem Besieger ihres Landesherrn nicht zugejubelt! — Etwas anderes kann m an ihnen nicht v o r w e r f e n." Weiters wird betont, daß nach Zeitungsmeldungeii die Deutsche Regierung zum Schutze der reichsdcut.sehen und türkischen Juden in Saloniki eingegriffen habe und gefragt: Was unternahm die österreichische Regierung, die sich stets für Saloniki so lebhaft interessiert? Schließlich stellte Abgeordneter Reizes an den Ministerpräsidenten folgende Anfragen: 1. Findet es der Ministerpräsident nicht für angezeigt, den Minister des Aeußern um Schlitz für die Judenschaft Salonikis und speziell für die dort ansässigen österreichischen Juden zu ersuchen? 2. Findet es der Ministerpräsident nicht für angezeigt, durch den Minister des Aeußern eine Intervention sämtlicher Großmächte zugunsten der Juden Salonikis anzuregen? Der Tätigkeitsbericht des Wiener Kultusvorstandes (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Nur in Wahljahren — knapp vor dem Wahltage — legt der Wiener Kultus Vorstand der Gemeinde Rechnung. Der diesmalige Rechenschaftsbericht kann keine besondere Befriedigung erwecken. Der Vorstand hat in den Jahren 1910, 1911 und 1912 in bezug auf die so dringend nötige Statutenreform so gut wie nichts geleistet. In den § 88 des Statutes wurde eine Bestimmung aufgenommen „des Inhalts, daß auch die Widmungen und Fonds für diejenigen Zwecke, zu welchen sie bestimmt sind, dauernd intakt zu halten sind und daher niemals ihren Zwecken entfremdet werden dürfen" — eine Selbstverständlichkeit, auf deren statutenmäßige Fixierung der Vorstand nicht stolz zu sein braucht. Die Erhöhung der Mandate in den Bezirkskommissfonen von 240 auf 284 war ein Beruhigungsmittel, das an der gegenwärtigen Bedeutungslosigkeit dieser rechtlosen Abstimmungsmaschinen nichts ändert. Schließlich wich endlich dem Unmute fast der ganzen Wählerschaft der berüchtigte „Wahlrechtsraubparagraph" (§ II b), der dem Kahal das Recht gab, alle aus der Wählerliste zu streichen, die im Wahljahre mit der Steuer im Rückstände waren. (Als pikantes Detail sei erinnert, daß er seit Bestehen des Statuts nie gehandhabt wurde. Erst als es den Zionisten gelang, ihre Männer in die Stichwahl zu bringen, wurde er zur Knebelung der Opposition verwendet.) Sonst muß sich der Bericht auf das Armutszeugnis beschränken, daß alles beim alten blieb, und sucht dies mit folgender Beschwichtigungsfloskel zu bemänteln: „Eine ganze Reihe anderer, zum Teile tief eingreifender Abänderungsanträge wurde eingehend beraten; eine endgültige Beschlußfassung ist bisher nicht erfolgt." In zwei Jahren hielt der Vorstand 35 Plenarsitzungen ab — also drei in je zwei Monaten. Nicht allzu viele, dünkt uns, für die kleine Repräsentanz der zweitgrößten Judengemeinde, zumal die Sitzungen geheim sind. — Zum Kapitel „Judennot" liefert der Rechenschaftsbericht traurige Daten. Wir greifen nur heraus, daß 22o/o aller jüdischen Wöchnerinnen der Gemeindewohltätigkeit zur Last fallen und daß die Armenanstalt der Kultusgemeinde seit Jahren genötigt ist, die Gebärungsdefizite aus dem Vereinsvermögen zu decken. Sehr wichtig sind die im Berichte publizierten Tabellen, die Abfallbewegung betreffend. In den Jahren 1910 und 1911 haben in Wien 1139 Personen das Judentum verlassen, dagegen sind 378 Rücktritte zu verzeichnen. In der Rubrik „Austritte" finden wir 15 Kinder unter sieben Jahren, hingegen in der Rubrik „Eintritte und Rücktritte" 55 Kinder dieses Alters, also fast viermal so viele. Ziffern, die für den Statistiker der Taufbewegung sehr lehrreich sind. Zum Schlüsse noch ein interessantes Streiflicht auf das Verhältnis der Judengemeinden untereinander: die Wiener jüdische Kultusgemeinde hat seinerzeit eine Anstalt zur Heranbildung jüdischer Religionslehrer errichtet. Die Schule ist jetzt glücklich eingegangen. Als nämlich die für die Wiener Volks- und Bürgerschulen erforderliche Zahl jüdischer Lehrkräfte vorhanden war, hätte die Anstalt in den nächsten Jahren nur noch Lehrkräfte für die Provinzgemeinden erziehen können. Die in Betracht kommenden österreichischen