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Die Welt · 1912-11-29 · 48 (29.11.1912) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
48 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 48 Es scheint aber leider nicht ganz festzustehen, ob alle diese Schritte und Versprechungen schleunigen Erfolg gehabt haben. Man muß vielmehr mit der Tatsache rechnen, daß die Unruhen noch weiter fortgedauert haben. Denn ein jüdischer Reisender, der am 14. die Stadt auf einem österreichischen Dampfer verließ, erzählt, daß er ein jüdisches Stadtviertel in Flammen verlassen habe. Türken, die ebenfalls aus Saloniki hier eingetroffen sind, wollen sogar wissen, daß der Großrabbiner Jacob Mei r vom Pöbel angegriffen und tödlich verwundet worden sei. Diese Nachricht ist jedoch keineswegs bestätigt, und wir wollen durchaus an nehmen, daß sie auf Mißverständnissen oder Ueberfreibimgen beruht. Aber soviel ist klar, daß unsere wackeren Brüder in Saloniki schwere, bittere Tage hinter sich haben. Schritte zugunsten der Salöniker Brüder Dienstag, den IS. November, drang die erste Kunde von den Ausschreitungen in Saloniki nach Konstantinopel. Sofort begaben sich die hiesigen Vertreter des Hilfsvereins der Deutschen Juden, Dr. Markus und Dr. Auerbach, in die Deutsche Botschaft, wo sie vom Botschafter v. Wangenh e i m empfangen wurden. Sie gaben Bericht über die Vorgänge und baten lim die Intervention der Deutschen Regierung in Athen sowie um Schutz der verfolgten Salöniker Juden durch das Reich. Der Botschafter zeigte sich durch die Mitteilungen sehr betroffen. Er bedauerte aufs lebhafteste dieses Unglück der Juden, die er als das beste aller Bevölkern ngsel erneute in der Türkei bezeicluiete und die er aus zwölfjähriger näherer Bekanntschaft hochschätze. Er hob besonders hervor, daß er sichere Informationen darüber erhalten habe, daß auf türkischer Seite im gegenwärtigen Kriege die Juden sieh höchst wacker geschlagen, ja vielleicht am bravsten gehalten hätten. Herr v. Wangerheim erklärte alsdann, gern das Sehnige beizutragen, lim den Salöniker Juden, deren Handlungsweise angesichts der Eroberung der Stadt er achte und billige, den weitgehendsten Schutz seiner Regierung zu verschaffen, um so mehr, da sie als osmanische Untertanen im Kriegsende offiziell dem Schutze des Deutschen Reiches für die Dauer des Krieges unterstellt seien. Er versprach, sich sofort durch Funkensprucli mit Saloniki in Verbindung zu setzen, um authentische Nachrichten über die dortigen Ereignisse zu erlangen und sodann nach Berlin zu berichten. An den folgenden beiden Tagen wurde Dr. Auerbach erneut vom Deutschen Botschafter empfangen. Herr v. Wangenheini stellte mit Bedauern fest, daß auf radiotelegraphischem Wege aus Saloniki keine Antwort zu erhalten gewesen sei, da die zahlreichen Kriegsschiffe im Hafen mit ihren vielen Funken-Apparaten die Aufnahme der drahtlosen Telegramme gegenseitig erschweren. Er teilte aber mit, daß er sofort nach Berlin telegraphiere, um auf Grund der ihm von den Vertretern des Hilfsvereins zur Verfügung gestellten Informationen ein Einschreiten zu beantragen. Am Freitag endlich ließ der Botschafter Dr. Auerbach rufen und eröffnete ihm, daß seitens der Kaiserlich Deutschen Regierung bereits eine zustimmende Antwort eingelaufen sei und sie die nötigen Schritte zugunsten der Salöniker Juden unternehme. Diese Intervention wird hoffentlich in Athen und in Saloniki ihre Früchte tragen. Zwei Tage nach diesen von den Vertretern des Hilfsvereins der Deutschen Juden unternommenen Schritten begab sich der G r o ß r a b b i n e r N a h u m zum türkischen Minister des Aeußeren N o r a d u n g b i a n E f f e n d i, um auf Grund der ihm von Dr. Markus und Dr. Auerbach gewordenen Jn- 1485 formationen zu ersuchen, daß die osmanische Regierung bei der Deutschen Botschaft die tatkräftige Beschiitzung ihrer jüdischen Untertanen in Saloniki beantrage. Noradunghian Effendi erklärte sich hierzu bereit und ersuchte den Großrabbiner Hai'm Nah um, ihm ein Memorandum über die Angelegenheit ein zu reichen. Bis Freitag mittag, da die zusagende Antwort der Deutschen Regierung schon mitgeteilt werden konnte, war auf der Deutschen Botschaft der durch die Intervention des Großrabbiners veranlaßte offizielle Antrag der türkischen Regierung noch nicht eingelaufen. Am Dienstag bereits hatte sich der Großrabbiner zur französischen Botschaft begehen. Herr ßompard versprach, sogleich an Herrn Po in care zu telegraphieren. Eine Nachricht über den Erfolg dieses Schrittes ist bisher nicht eingelaufen. Auch den englischen Botschafter hat der Großrabbiner am Donnerstag aufgesucht und eine Zusicherung englischen Einschreitens von ihm erhalten.^ Auch die Großloge Rene Berith unserer Stadt ist für die Salöniker Juden eingesprungen, indem sie auf Antrag ihres Sekretärs Dr. Auerbach telegraphisch das Exekutiv-Komitec des Ordens in Chicago hat, hei der amerikanischen Regierung eine Intervention in Saloniki nach zu suchen. Das Exekutiv- Komitee hat, wie telegraphisch zurückgemeldet wurde, das Nötige veranlaßt. Jetzt heißt es, den Erfolg aller dieser Maßnahmen abzuwarten. Wenn auch angenommen werden darf, was gestern hier eingelaufene Nachrichten glauben lassen, daß die obersten hellenischen Autoritäten den Exzessen fernstehen und sie bedauern, so dürfte es sie doch sicherlich zu bedeutend energischerem Einschreiten gegen die Exzedenten, sowie gegen die verhetzende und vergiftende Tätigkeit der Salöniker griechischen Presse veranlassen, wenn ihnen fühlbar gemacht wird, daß die Salöniker Juden keine versprengte und verlassene Gemeinde sind, mit der man umspringen kann wie man will, sondern der integrierende Teil eines Volkes, das sich mitbetroffen fühlt und sieh kräftig zu wehren wissen wird. Ganz besonders heilsam aber dürfte es sich erweisen, zu erkennen, daß die hellenischen Bäume nicht allzu wild in den Himmel wachsen dürfen und daß Großmächte da sind, die das siegestrunkene Griechenland an seine Zivilisationspflichten mit allem Nachdrucke erinnern. Hoffen wir, daß die Schuldigen gebührend bestraft werden und die geschädigten Juden im vollsten Umfange Genugtuung und Entschädigung für ihr gerauhtes und zerstörtes at erhalten werden, Die Salöniker Vorgänge und die Konstantinopeler griechische Presse Nur allzu gern sind die griechischen Blätter in Konstantinopel auf die Winke ihrer Salöniker Hetzkollegen ein gegangen, und von Athen aus wird ein übriges getan, um die schwälenden Feuerehen zu schüren. Zu allererst wurde hier einfach die aus Athen verbreitete Notiz von der Vergiftung von zwölf hellenischen Evzonen durch Salöniker Juden weiterverbreitet. Hernach erfüllten zwar einige griechische Blätter die elementare Anstandspflicht, auch das offizielle Dementi der hellenischen Regierung zu publizieren. Andere aber kamen auf einem hinterhältigen Umwege wieder auf die alte Lüge zurück, indem sie einer Meldung der Agence d’Athenes Raum gaben, derzufolge das Faktum der Vergiftung wahr sein sollte und die hellenische Regierung nur aus übertriebener „Menschenfreundlichkeit“ ein solches Dementi veranlaßt habe, damit das gute Einvernehmen zwischen den beiden Elementen nicht getrübt werde. Es werden außerdem weiter Märchen verbreitet, die einerseits dazu dienen sollen, die Untaten der

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