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Die Welt · 1912-11-29 · 48 (29.11.1912) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
48 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1484 Nr. 48 DIEl^ELT freigelassen wurden. Da sehr bedenkliche Folgen dieser Hetze zu fürchten waren, so haben sich die griechischen Behörden entschlossen, die Beschuldigung zu dementieren. ln verschiedenen Synagogen wurden Heiligtumsschändungen verübt und die Thoravorhänge in Stücke gerissen. Ein jüdischer Leichenzug wurde durch griechische Soldaten zerstreut. Diese Liste von Schandtaten könnte noch durch zahlreiche andere Fälle verlängert werden. Angesichts dieser traurigen Situation begab sich eine Kommission des Gemeinderats mit dem Großrabbiner Jacob M e i r an der Spitze, sowie eine Kommission der jüdischen Presse zu Herrn A r g li i r o p o u 1 o s , dem Stadtpräfekten, und zu Herrn J. Dragoumis, dem politischen Kommissar des griechischen Generalstabes. Beide Herrn sagten energische Maßregeln zum Schutz der jüdischen Bevölkerung zu und versprachen, am folgenden Tage die verantwortlichen Leiter der griechischen Zeitungen zu sich zu berufen und sie mit den nötigen Anweisungen zu versehen. Es hätte den Forderungen der Gerechtigkeit weit mehr entsprochen, wenn sofort eine strenge Bestrafung der Schuldigen erfolgt wäre, anstatt sich mit Worten zu begnügen, die der Bevölkerung nichts nützen. Inmitten dieser erregten Stimmung läßt sich die Stimme des griechischen Dichters Matzoucas vernehmen, der sich die größte Mühe gibt, die Bevölkerung zu beruhigen und in einer Versammlung die Griechen aufforderte, ein gutes Einvernehmen mit der jüdischen Bevölkerung herzustellen. In dem griechischen Blatt „Makedonia“ veröffentlichte er einen Brief an die Juden von Saloniki, in dem er sie auffordert, zu den Griechen Vertrauen zu haben und gemeinsam mit ihnen zu arbeiten. Es ist unsere besondere Pflicht, angesichts dieser traurigen Vorfälle die mutige Haltung hervorzuheben, die die hiesige jüdische Zeitung „Ldndependant^ einnahm, die die Schandtaten der Griechen in scharfen Worten brandmarkte und so die griechischen Behörden zwang, ihre Pflicht zu tun. ln der letzten Woche begab sich der Großrabbiner Jacob Mei’r mit dem Präsidenten der jüdischen Gemeinde und zwei angesehenen jüdischen Bürgern zu einer Audienz zum Koni g von Griechenland, der sich gegenwärtig in Saloniki auf hält. Der König nahm die Deputation sehr freundlich auf und äußerte sich in sehr anerkennender Weise über die Juden, die er sehr achte und die in Griechenland in sehr befriedigenden Umständen lebten. Der König sprach sein Bedauern über die Zwischenfälle aus und versicherte, daß sie sich nicht wiederholen sollten. Der Großrabbiner und seine Begleiter dankten dem König für sein Wohlwollen gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Griechische Ausschreitungen gegen die Juden in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel, 23. November. Am 8. November marschierte die siegreiche hellenische Armee in Saloniki ein und wenige Tage darauf hielt auch König Georg von Griechenland seinen feierlichen Einzug in die Stadt. Es scheint, daß dem ungeheuren Enthusiasmus der Saloniker griechischen Bevölkerung gegenüber die Haltung der dortigen Judengemeinde als allzu kalt empfunden wurde. Tatsache ist, daß die Saloniker Juden, gute osinanische Patrioten, die sie gestern noch waren, nicht heute schon flammende Begeisterung für die hellenische Herrschaft empfinden konnten und sich daher heim Einzuge der Sieger in einer würdigen Reserve hielten, die alle Verehrer wahrer Mannhaftigkeit begreifen und achten müssen. Sie hatten ihre Korrektheit schwer zu büßen. Sofort begann die griechische Presse Salonikis ein furchtbares Kesseltreiben gegen sie, indem sie ihnen Gehässigkeit, Feindseligkeit, Falschheit und Hinterhältigkeit vorwarf. Es kam aber schlimmer. Es wurde auf einmal die Anklage gegen sie geschleudert, daß einige Mitglieder der Gemeinde zwölf Soldaten der hellenischen Armee vergiftet hätten, Soldaten und Pöbel brachten die als die Schuldigen Bezeichneten ins Gefängnis. Diese wahnwitzige Beschuldigung gab das Signal zu den wildesten Ausbrüchen roher Zerstörungs- und Plünderungswut. Der Saloniker Mob verband sich mit der undisziplinierten, ausschweifenden, vom Sieg berauschten Soldateska zu Raub, Gewalttätigkeit und Schändung. In den Tagen des 12.,/13. und 14. November (vielleicht auch schon früher und noch später, darüber fehlen uns noch die Daten) fielen die Unholde in die jüdischen Stadtviertel ein, schlugen die Juden, nahmen allen, denen sie auf den Straßen begegneten, fort, was sie bei sich trugen, raubten Kaufläden und Wohnungen aus, vergriffen sich an Frauen und Mädchen, und brachen in mehrere Synagogen ein, deren Schmuck sie plünderten und deren Thorarollen sie zerrissen und mit Füßen traten. Es war, wie es scheint, der neueingesetzten griechischen Stadtverwaltung und der Heeresleitung, auch wenn sie den guten Willen dazu hatte, nicht möglich, die Ordnung aufrechtzuerhalten und die Ruhe wiederherzustellen. Es lagen zwar eine Anzahl europäischer Kriegsschiffe im Hafen vor Anker; aber ihre Matrosen, die einige Tage in der Stadt patroulliert hatten, waren nach Einzug der Hellenen auf deren Aufforderung hin an Bord zurückberufen worden, so daß sie nicht ein sch reiten konnten. Erst spät kam der bessere Teil der griechischen Bevölkerung zur Besinnung und gab sich Mühe, die Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Wie weit ihr das gelungen ist, stellt noch dahin. Die schwer getroffenen Saloniker Juden taten ihrerseits alles Mögliche, um eine Wendung herb-eizuführen. Die Vertreter ihrer Klubs begaben sich zum Stadtpräfekten Drag u m i s, um gegen die Haltung der lokalen griechischen Presse und die Untaten des Mobs und der Soldateska Klage zu führen. Der Präfekt sprach ihnen sein Bedauern aus, meinte aber, daß die Haltung der Juden den Anlaß zu den Voi fällen geliefert hätte. Die Delegation verstand es jedoch, dem Präfekten diese Haltung verständlich zu machen, so daß er selbst sie berechtigt fand. Er versprach sodann, eine Enquete über die Vergiftungsaffäre einzuleiten und im übrigen alle Maßregeln zur Wiederherstellung der Ruhe zu ergreifen. Tatsächlich ließ die versprochene Untersuchung nicht auf sich warten, und der Stadtpräfekt ließ in allen Blättern ein offizielles Dementi veröffentlichen, welches feststellte, daß die Vergiftungsanklage ganz grundlos sei und nur aus Böswilligkeit erhoben wurde. Dieses Dementi wurde auch offiziell nach Athen gemeldet und von dort durch die Regierung verbreitet. Gleichzeitig hatte auch der Saloniker Großrabbiner Jacob M e i' r Schritte getan. Er begab sich zum Metropoliten, der sich ebenfalls durch die peinlichen Vorkommnisse sehr betroffen zeigte und nachdrücklich versprach, alles, was in seinen Kräften stände, aufzubieten, um die Bevölkerung zu beruhigen und zur Wiederherstellung* brüderlicher Beziehungen zwischen dem hellenischen und jüdischen Elemente beizutragen. Neuesten Mitteilungen zufolge hat auch König Georg eine jüdische Abordnung empfangen und ihr sein Bedauern ausgesprochen, sowie Schutz gegen weitere Ausschreitungen und Sühne für das Vorgefallene zugesagt

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