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Die Welt · 1912-11-29 · 48 (29.11.1912) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
48 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48 Von dieser Methode sollten sich wenigstens Juden allezeit freihalten. Auf dem Posener Konzil sagte aber Rechtsanwalt Kaempfer wörtlich: „Ich will vorweg erklären, es gibt Ausnahmen, es gibt anständige Blätter, es gibt selbstverständlich auch anständige Orthodoxe, und ich will hinzufügen, es gibt auch anst ä n d i ge Führer des Zionismus, die in der Form nicht fehlgreifen. Aber sie sind in der Oeffentlichkeit von geringem Einfluß. Tonangebend in diesen Kreisen sind diejenigen, die die häßlichen, ehrverletzenden Formen nicht scheuen.“ Das ist denn doch eine ganz neue Tonart im Judentum. Das ist die Methode, wie wir sie verurteilen, wenn wir sie von Stöcker hörten und in der Staatsbürge r z e i t u n g lesen. Aber obwohl kein Wort des Widerspruchs auf der liberalen Tagung, kein Ton des Mißfallens gehört wurde, als hier einer, der nicht auf die Rednerbühne hätte gehen dürfen, davon sprach, daß es auch anständige Orthodoxe, a u c h anständige zionistische Führer gäbe, wollen wir nicht gleiches mit gleichem vergelten. Wir würden uns vor unserem Gewissen schwerer Verfehlung schuldig machen, wenn wir etwa die ungeheuerliche Behauptung aufstellen wollten, „es gibt auch anständige Liberale“. Nein, wir nehmen im Gegenteil an, daß die Masse der Liberalen durchaus a n s t ä n d i g ist, daß wir vor ihrem ehrlichen Wollen allen Respekt haben, auch dort, wo wir mit ihnen nicht übereinstimmen. Wir stellen nur fest, daß, wie das überall möglich ist, sich minderwertiges Gesindel auch zu den Liberalen findet. Aber wir betrachten dieses g e s c h ä f t s 1 i b e r a 1 e G e s i n d e 1 als die A u s n a h m e , für die wir die liberale Vereinigung ebensowenig verantwortlich machen wollen, wie irgendeine Partei oder Nation für ihr Gesindel, das sich an ihre Rockschöße hängt. Auch der dritte Redner der Vertreter der „subjektiven Religion“, will viel weniger für die jüdische Religion, als gegen den ihm unangenehmen Zionismus wirken, wenn er sich in die Reihen der angeblich Liberalen stellt. Er glaubt, wie er sagt, „daß es die höchste Zeit ist, daß die jüdisch-liberale Jugend, ebenso wie für die liberalen Ideen 1483 der Religion, Stellung nimmt gegen die Idee des Zionismus“. Also die Kräfte der Herren, die sich in der liberalen Vereinigung zusammenfanden, sind verschieden gerichtet. Die Rabbiner als Vertreter der „objektiven Religion“ wollen das Judentum auf historischen Grundlagen erhalten unter Konzessionen an die Vertreter der subjektiven Religion, die eben keine Religion ist. Die Vertreter der subjektiven Religion wollen einzig lind allein von den historischen Grundlagen des Judentums, von den Ghetto- Erinnerungen, die sie als schwere Bürde durch das Leben schleppen, loskommen, und deshalb die Partei des historischen Judentums, die zionistische, bis aufs Messer bekämpfen. Die Richtlinien sollen dazwischen die Diagonale der Kräfte anzeigen. Wir werden ja sehen, welche Kraft stärker ist, die der liberalen Rabbiner oder die der aus dem Ghetto von Posen lind Klein-Posen in eine neue soziale Umgebung gewanderten Vertreter der „subjektiven Religion“. Wir w ii nscli e n , daß die Diagonale durch die Haltung der liberalen Rabbiner bestimmt wird, aber wir fürchten, daß die Kraft der Zerstörer des Judentums drüben stärker ist. Der Zionismus wird unbekümmert darum seinen Weg siegreich weiter schreiten. Die Richtlinien der liberalen Rabbiner sind keine Richtlinien, wie sie selber bereits zugegeben haben. Aber die eine Richtlinie ist uns rnit allen Organisationen gemeinsam, die die Einheit der Gesa m t j u d e n - heit auf ihre Fahne geschrieben haben, mit den Liberalen und mit den Gesetzestreuen, mit der Alliance und mit dem Hilfsverein, ebenso wie mit den Logen, das ist durch Einigkeit der G e samt j u d e n h e i t da f ii r z u w i r k e n , d a ß das J u d e n t u m a u c h ei n e Zuk u n f t haben s o 11. Wenn jede Partei, wie unsere, den Kampf der Ideen vornehm zu führen gewillt ist, so wird jede sachlich vorhandene Differenz weit Überholen von dem Interesse der Gesamtjuden heit. Dazu bedarf es aber der Fernha 11un g jener El e m e n t e , die ihrer Partei zu nützen glauben, wenn sie den Gegner beschimpfen und denunzieren. Durch F r i e d e u n d einige Arbeit zur Zukunft des Judentums! o -5 WELTCHRONIK o o □□□□□□no Die Leiden der Juden in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki, 15. November 1912. Die Empfindungen des Hasses und der Eifersucht über die blühende Entwicklung der Juden von Saloniki, die bei der griechischen Bevölkerung schon unter der türkischen Herrschaft bestanden, zeigten sich nach der Einnahme der Stadt durch die griechische Armee in deutlicher Weise. Sobald die Griechen in Saloniki eingezogen waren, wurden wir tatsächlich Zeugen eines wahren Kreuzzuges, den die Griechen und die griechische Presse gegen die Juden unternahmen. Die niedrigsten Anschuldigungen und Beleidigungen wurden gegen die Juden gerichtet lind erregten in allen Kreisen der griechischen Bevölkerung Haß und Rachegelüste. Die griechischen Zeitungen beschuldigten die Juden, sich im Bahnhof vereinigt und die griechischen Gefangenen angespuckt zu haben. Es wurde behauptet, sie hätten eine Delegation an Bord des französischen Kreuzers geschickt, um bei dem französischen Kommandanten den Schutz Frankreichs gegen die griechische Armee zu erwirken usw. Die griechischen Zeitungen, insbesondere die Zeitung „Imbros“, waren voller Beschuldigungen und Beleidigungen der Juden. Insbesondere wurden diese angeklagt, griechische Soldaten vergiftet zu haben, und die Griechen wurden aufgefordert, nichts bei den Juden zu kaufen. Ueberall hört man die Worte „Nieder mit den Juden!“ „Man muß die Juden totschlagen!“ Das Ergebnis dieser Hetze ist erschreckend. Ueberall wurde bei den Juden seitens der griechischen Bevölkerung und der griechischen Armee geraubt und geplündert. Auf offener Straße wurden Juden unter Androhung* des Todes ausgeplündert. Man fühlt sich weder zu Hause noch auf der Straße sicher. Jeden Augenblick fürchtet man das Nahen der Plünderer, gegen die man sich machtlos fühlt, da nicht die geringste Bestrafung erfolgt ist*. Von den vielen Uebeltaten seien nur folgende genannt: Es wurde das Märchen von der Vergiftung* der griechischen Soldaten verbreitet, das gläubige Ohren fand und zur Verhaftung von zwei Juden führte, die allerdings bald wieder

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