Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 48 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1482 Takt und mit anderen Schritten in der gleichen Richtung mit uns. Voll inniger Ueberzeugung rief der junge V o g e 1 s t e i n auf der Posener Tagung aus: „Die jüdische Religion ist Geist vom Geiste des jüdischen Volkes, in dem eine stete Offenbarung Gottes sich vollzog.“ In den Begriffen hat sich also die jüngere Generation der liberalen Rabbiner uns bereits bedeutend genähert, und wenn sie es versteht, die intransigenten Elemente in ihren eigenen Reihen im Zaume zu halten, so wird der Kampf zwischen den nationalen Parteien im Judentum und ihnen im Interesse des Gesamtjudentunis in Zukunft durch ein praktisches Zusammengehen ersetzt werden können. Aber es wird ihnen sehr schwer werden, ihre eigenen Prinzipien bei solchen Mitstreitern zur Geltung zu bringen, die in ihren Reihen etwas anderes suchen als die Zukunft des Judentums. Nach Dr. Vogelstein „ist niemand befugt, einen andern, der in wichtigen religiösen Fragen anders denkt, aus dem Judentum auszuschließen“. Wer es also für seine jüdische Pflicht erachtet, für die jüdische Zukunft im Sinne des alten nationalen Ideals zu arbeiten, soll nicht mehr in den liberalen „Cherem“ getan, nicht mehr als -ein Vaterlands Verräter angesehen werden, der auch dem Judentum nicht mehr angehört. Ja wir begrüben mit Freuden den Satz 14 der Richtlinien: ,,Zur Mitarbeit an den Gemeindeaufgaben, insbesondere auch auf dem Gebiete der Wohltätigkeit und der sozialen Fürsorge sind möglichst alle Gern e i n d e m i t g 1 i e d e r h e r a n z u z i e h e n.“ Man will also mit dem Geigerschen Prinzip brechen, das in der großen liberal regierten Berliner jüdischen Gemeinde herrscht, daß jemand untauglich für Ehrenämter in der Gemeinde und Beamtenstellungen ist, wenn er den Mut hat, seine zionistische Gesinnung offen einzugestehen. Wir begrüben diesen Fortschritt um so mehr, als auf dem Posener liberalen Konzil von drei Rednern der Zionismus in ganz ungehöriger Weise angegriffen wurde. Bezeichnenderweise waren sämtliche Angreifer nicht Anhänger der ,,objektiven Religion“, also liberale Rabbiner, sondern zwei Rechtsanwälte und ein junger Dr. pliii. oder jur., die also alle drei Mitglieder der „s u b j e k t i v e n R e 1 i g i o n“ sind. Der Justizrat B 1 a u will ,,in nationaler Beziehung deutsch und nichts anders als deutsch sein“, und dieses Deutsch-sein-wollen, das sicher noch gröber ist als sein Deutsch-sein-können, ist das Prinzip seines jüdischen Liberalismus. Das ist sein gutes Recht. Heber seinen Willen hat er allein zu entscheiden. Wenn er aber von der zionistischen Partei behauptet, daß sie klein sei, wenn er mit den den Scharfmachern reaktionärer politischer Parteien abgelernten Worten zu wissen behauptet, „wie diese kleine Partei durch ihr lautes und t e r r o r i s t i s c h e s S ch r e i e n , durch ihre der schlimmsten Demagogie abgeguckten Agitationsmethoden alle andersdenkenden und -empfindenden Elemente einzusc h ii c h t e r n bestrebt ist“, so steht er hier mit den Tatsachen in einem klaffenden Widerspruch. Denn die zionistische Partei klein zu nennen, war ihm Vorbehalten, der offenbar den Sinn für Mab Verhältnisse verloren hat. Aber Terrorismus nennt man es, wenn z. B. liberale Wortführer die Parole ausgeben, daß Zionisten nicht als jüdische Gemeindebeamte angestellt werden dürfen. Der schlimmsten Demagogie aber sind jene Agitationsmethoden abgeguckt, mit denen liberale Führer durch wüsten Skandal bei den Berliner Gemeindewahlen zionistische Redner dadurch widerlegten, daß sie Lärmszenen verursachten, wenn sie außerstande Nr. 48 waren, die Redner sachlich zu widerlegen. Wenn schließlich Herr Rechtsanwalt Blau auf dem Posener Konzil ohne Widerspruch davon gesprochen hat, die zionistische Partei sei bestrebt, - „die nicht- und antizionistische Kolonisation, auch die des heiligen Landes 1 a h m z u 1 e g e n “ , so wird es schwer, an den ehrlichen Willen des Redners zu glauben. Wir tun es dennoch in der Kenntnis der Tatsache, daß die liberalen Wortführer ja sehr oft über Dinge unterrichtet zu sein glauben, von denen sie nicht einen Schimmer haben. Wir gestehen ihm deshalb die subjektive Wahrhaftigkeit ebenso wie die subjektive Religion zu, indem wir feststellen, daß diese Behauptung o b - j e k t i v d a s Gegenteil d e r Wahrheit i s t Der zweite Nichtrabbiner, Rechtsanwalt K a e m p f e r, der auf dem Posener Konzil zu Worte kam, hat ebenfalls seine Rede in ganz einseitigen Angriffen auf Zionismus und Zionisten gipfeln lassen. Er geht von dem Gedanken aus: „Der Zionismus hat dem liberalen Judentum auf dem Baseler Kongreß den Krieg bis aufs Messer erklärt!“ Auch dieser Redner sprach über eine Sache, die er nicht kennt. Im Gegenteil hat «.der Zionismus zwar einen Satz aufgestellt, der ihm jetzt vom jüdischen Konzil zu Posen nachgeahmt wird, daß er nämlich offiziell nichts unternehmen will, was das frömmste Gewissen in Israel verletzen könnte. Die Nachahmung beruht in der Erklärung, daß gewisse üemeindeinstitutionen auch die religiöse Minderheit befriedigen sollen. Aber sonst überläßt der Zionismus allen seinen Anhängern und Vertretern jede Entscheidung in religiösen Dingen, und den weitaus meisten Zionisten ist der echte, nicht der Talmi-Liberalismus, in Fleisch und Blut übergegangen, weil sie ja aus jenen Kreisen hervorgegangen sind, die nicht erst mit der Posener Ghetto-Orthodoxie brechen mußten, die eben zu dem falschen Liberalismus der „subjektiven Religion“ führt. Aber der mutige Kämpfer gegen den Zionismus hat in dieser Rede nicht bei solchen haltlosen Behauptungen Halt gemacht, sondern sich bemüßigt befunden, aus dem Arsenal der Antisemiten einen Satz gegen den Zionismus herzuholen, den der Antisemitismus erfand, um die Nichtbefähigung der Juden zu Staatsämtern daraus abzuleiten: „Wir sind der Meinung,“ sagte dieser liberale Kämpfer, ohne den geringsten Widerspruch hervorzurufen, „daß die Befähigung zur Staatenbildung den Bekenne™ der jüdischen Religion nicht in dem besonderen Maße innewohnt, um mit dieser Befähigung einen neuen Staat zu bilden.“ Erstlich steht nirgends etwas von der Staatsgründung im zionistischen Programm und kein Wort dafür ist je auf irgendeinem Zionistenkongreß gesprochen worden. Es blieb den liberalen Kämpfern Vorbehalten, diese Tatsache zu entdecken. Aber es blieb auch ihnen als besonderes Verdienst beschieden, jüdischerseits diese angebliche Passern i n d e r w e r t i g k c i t der J u d e n a u f d e m G e - biete des Staatslebens zu bescheinigen. Aus dem Arsenale der Antisemiten hat der liberale Kämpfer auf dem Posener Konzil auch die Methode übernommen, die es anständigen Politikern unmöglich macht, mit den Antisemiten zu diskutieren. Denn wenn Gründe versagen, so zeigt der Antisemit seine scheinbare Objektivität durch den Satz: ,,N un ja, ich will auch z u g e b e n, daß es auch anständige Juden gibt.“ Die Konstruktion des anständigen Ausn ahmejude n ist der allerschlimmste Antisemitismus, und wird von jedem anständigen Politiker als das gebrandmarkt, was sie ist, als politische Brunnenvergiftung.