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Die Welt · 1912-11-29 · 48 (29.11.1912) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
48 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 Nachdruck ganz ausschließlich auf der zweiten Hälfte des Satzes liegen: „J e d e Werktag s a r b e i t a b e r soll u n t e r b 1 e t b e n." Daß hier der Einfluß der liberalen Rabbiner absolut gleich Null ist, gibt gleich der folgende Satz der Richtlinien klar zu: „Solange die volle Erfüllung dieser Forderung an den wirtschaftlichen Verhältnissen scheitert, ist der häuslichen Ruhe, dem Besuch des Gottesdienstes, der Feier der Freitagabende erhöhte Pflege zuzuwenden." Das heißt doch klar und unzweideutig die Waffen strecken vor den wirtschaftlichen Verhältnissen, die stärker sind als alle religiösen Grundsätze. Und worin soll die häusliche Ruhe bestehen, wenn das Geschäft, das Anwaltsbureau geöffnet sind, wenn der Hausherr zur Börse geht und in der Fabrik sitzt? Es handelt sich hier um keinen grundsätzlichen Standpunkt des Liberalismus, sondern um ein Verlegenheitsprinzip. Wir würden es noch verstehen, wenn die Rabbiner der liberalen Richtung etwa sagen würden: Fahren mit der ohnehin fahrenden Bahn ist erlaubt, das Schreiben sei keine Arbeit, das Rauchen keine Entweihung des Sabbats, wenn man nur die wirkliche Werktagsarbeit ruhen läßt, die Geschäft e schließt und den G a n g z u r B ö r s e unterläßt. Das aber kann in den Richtlinien deshalb nicht stehen, weil die Gemeindemitglieder ein anderes Judentum vertreten als die Rabbiner, weil sie gar nicht in demselben Sinne liberal sind. Immerhin ist es erfreulich, daß hier auf die häusliche Feier, das Anzünden der Sabbatlichte, auf Kiddusch, wenn auch nicht auf Habdala, auf Seder und Chanukah Nachdruck gelegt wird. Aber der Seder und Chanukah sind ja auch im höchsten Maße nationale Erinnerungen des jüdischen Volkes, und jede nationale Begeisterung der Jugend trägt dazu bei, dem alten Stamm eine Zukunft zu sichern. Wir halten daher den Versuch der liberalen Rabbiner, Richtlinien zu schaffen, die zu einem Festhalten am Judentum führen sollen, deshalb für begrüßenswert, weil damit zum erstenmal der Liberalismus nicht wie die Reform, aus der er hervorgegangen ist, bloß zur Auflösung alten Judentums wirken, sondern im Gegenteil bestrebt sein will, auch unter denen für Erhaltung des Judentums zu arbeiten, die bisher in der Abwanderung vom Judentum begriffen waren. Das hindert uns aber nicht, festzustellen, daß es sich trotzdem nicht um Grundsätze, sondern um ein B e q u e m 1 i c h k e i t s j u d e n t u m handelt, das aus Zugeständnissen an die reichen, einflußreichen Spitzen der Gemeinden besteht. Es kam gewiß dem Wortführer Dr. S e 1 i g m a n n aus dem Herzen, wenn er es für die Rabbiner in Anspruch nahm, die berufenen Vertreter des geschichtlichen Erbgutes zu sein, das uns v o n d eil Vätern üb e r k o m m e n i s t. Aber daß er den Nichtrabbinern, die keine Vertreter des geschichtlichen Gutes durch ihren Beruf und ihre Stellung im Leben sind, zugestehen muß, daß dieser Standpunkt der subjektiven Religion, die eben nicht die jüdische ist, der rabbinischen objektiven Religion gleichberechtigtsei, das ist eine Tragik, deren Schwere wir dem Manne durchaus nachfühlen. Darum muß er zu Konzessionen kommen, die zu einer objektiven Religion natürlich im Widerspruch stehen. „Zwischen Ihre m Standpunkt, der Subjektivität der Religion an sich",, so ruft er aus, „und der Subjektivität des einzelnen innerhalb der Religion und unserem! Standpunkt der Bewahrung der objektiven Religion gilt es die Diagonale zu ziehen!" „Diese Diagonale glauben 1481 wir in unseren Richtlinien gefunden zu haben." Dieser Ausgleich zwischen der Lehre der Rabbiner und dem Leben der Nichtrabbiner, die sich verteufelt wenig um die rabbmisclfe Lehre bekümmern, ist ein Kompromiß, das deshalb nicht kompromittiert, weil es doch nur auf dem Papier stehen bleibt. In dem Parallelogramm der Kräfte, in dem Rabbiner und Gemeinde nach verschiedenen Seiten streben, fiel die Diagonale bisher mit der Richtung der Kraft der Gemeinde zusammen, da die Kraft der Rabbiner zu klein war, um überhaupt gemessen zu werden. Die Erstarkung geschichtlicher Kräfte im Judentum, die vom jungen Nationaljudentum ausgeht, stärkt auch den liberalen Rabbinern den Rücken, so daß sie anfangen, ihre eigene Kraft in dem Parallelogramm der Gemeindekräfte merkbar zu machen, und es soll uns mit ihnen freuen, wenn es gelingen sollte, zu zeigen, daß die Richtung der Diagonale nicht mehr identisch ist mit der Richtung aus dem Judentum heraus. Dann soll es uns auch nicht stören, daß sie sich1 noch immer nicht so stark zeigen, wie sie es wünschen. Denn es ist bereits ein Zeichen der Schwäche, wenn sie bereits jetzt von den „einstimmig" angenommenen Richtlinien ein Stück zurück weichen. Denn wenn es auch geschieht, um die Berührung mit den rechtsstehenden und gesetzestreuen Juden nicht zu verlieren, ein anerkennenswertes Streben im Interesse der Gesamtjuden heit, die uns höher als alles Parteiinteresse steht, so zeigt es doch die Schwäche jeder aus Konzessionen bestehenden vermeintlichen Prinzipien, wenn sie bereits heute erklären, daß sie in allen Punkten, aus denen ein Schisma entstehen könnte, eine Verständigung mit der konservativen Richtung herbeiführen wollen. Diese Richtlinien sind also keine Richtlinien. Wenn aber tatsächlich die liberalen Rabbiner Deutschlands nicht vergessen, daß über allen Parteianschauungen die Einheit und Zukunft des Gesamtjudentums stehen, so werden wir uns stets mit ihnen verständigen können, auch wenn ihre Richtlinien nicht unsere Richtlinien, ja überhaupt nicht Richtlinien sind. Wir werden dann doch die im Sinne des Judentums gelegene Diagonale der Kräfte in der Einheit und Einigkeit des Gesamtjudentums finden. Zum Schlüsse liegt uns ob, noch über die Stellung der Vereinigung für das liberale Judentum zu d e r Partei im Judentum zu sprechen, die überhaupt erst den Gedanken der Einheit der Gesamtjudenheit in die jüdische Jugend getragen hat, und die weiter die berufene Trägerin dieses Einheitsgedankens sein und bleiben wird. In früheren Jahren haben liberale Rabbiner den Volksgedanken im Judentum abgelehnt. Sie wandelten damit vollständig in den Fußtapfen der Gründer der Reformgemeinde, die alles Nationale im Judentum vertilgen wollten, damit nur das Religiöse bestehe. Sie haben das genaue Gegenteil von dem erreicht, was sie erstrebten. Sie konnten zwar alles vernichten, was irgendwie religiös im Judentum war. Dagegen blieb die Stammeseinheit unverletzt zurück, und zwar auch bei der großen Masse aller derer, die mit der jüdischen Ueberlieferung gebrochen hatten. Zum erstenmal gab es Tausende von Juden, die gar nicht daran dachten, sich taufen zu lassen, die ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Kinder in der Verbindung mit der alten Geschichte des Volksstammes erhalten und fortführen wollten, die aber nichts von der jüdischen Religion mehr wußten oder wissen wollten. Die liberalen Rabbiner der jüngeren Generation gelten in bezug auf den Volksgedanken in einem anderen

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