Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 1462 - .-i. ------- DIEMKE LT Praktischen zu verschmelzen. Bei seinem anderen Vetter, Isak Goldschild, tritt die Entartung des altjüdischen Wesens in dein harten, rücksichtslosen Egoismus zutage. Die Reaktion auf den den Juden aufgedrängten besonderen Daseinskampf äußert sich bei ihm in seiner Tätigkeit als Bankier. In den folgenden Generationen vollzieht sich auch im Hause dieses Vertreters der Familie Goldschild die Entwicklung zum Abfall von der angestammten Gemeinschaft. Trotz den Bemühungen des greisen David, der in den Ucberlieferungen der jüdischen Vergangenheit noch lebende Werte sieht, gelingt es dem Sohne Raphaels, der als Pfarrer in einem Vororte Wiens in christlichsozialen: Sinne wirkt, den jüngsten Träger des Goldschildschen Namens zum Christentum zu bekehren. David steht nun einsam da, das Schicksal seiner Familie scheint ihm das Symbol seines Stammes zu sein, der Untergang unter den Völkern unausbleiblich - - da öffnet ihm der Zionismus neue Ausblicke, die Zukunft der jahrtausendealten Gemeinschaft grüßt seine hoffende Seele. — Können wir über die unparteiische, künstlerisch hochstehende Behandlung des modernen Judenproblems durch einen Nichtjuden nur unsere Freude kundgeben, so erfüllt uns ein Gefühl der Scham und des Unwillens, wenn wir die Geschichte ,,Der König von Juda“' betrachten. Der Verfasser, der seinen wahren Namen hinter dem Pseudonym Benedictus L e v i t a verdeckt, ist allem Anschein nach ein Jude oder ein Täufling. Obwohl er sagt, daß er in seinem Buche eine Geschichte darstelle, „die einmal wahr werden könnte“, trägt die Erzählung den Stempel einer ungezügelten, ausschweifenden Phantasie. Der Autor läßt die Juden — auch die getauften! - Deutschlands und Oesterreichs heimlich eine kriegerische Expedition nach Palästina unternehmen und dort eine neue Heimstätte errichten. Nach schwierigen Kämpfen gegen die Türkei gelingt es ihnen, sich dort festzusetzen, doch haben sie noch blutige innere Fehden mit den strenggläubigen Juden aus dem europäischen Osten zu bestehen, deren sie jedoch schließlich Herr werden - um das jüdische Königreich mit christlicher Spitze zu errichten. Der Heerführer, General von Simson, wird als Siegfried 1. (!) der neue Inhaber der Davidskrone. Obwohl Abkömmling einer schon seit fünf Generationen christlichen Familie (!), ist er der Inspirator dieses „Kampfes um Jerusalem“. Die Neuschöpfung einer vermittelnden jüdisch-christlichen Sekte durch den ehemaligen Pater Benedikt besiegelt würdig dieses ebenso wirre wie unerfreuliche Traumbild einer schönen Renegatenseele. Der widerlichen Tendenz entspricht auch die ganz unzulängliche sprachliche und künstlerische Form der Erzählung. Berlin. Th. Harb u r g e r. Die Ethik des Judentums. Dargestellt von Prof. Dr. M. Lazarus. Zweiter Band. Aus dem handschriftlichen Nachlaß des Verfassers, herausgegeben von I. Winter und Aug. Wünsche. Frankfurt a. M. Verlag von I. Kaufmann. 1911. Nahida Ruth Lazarus, die Witwe des verewigten Philosophen, hatte vor einigen Jahren Professor August Wünsche ein Bündel von losen Blättern, Zetteln und allerhand unzusammenhängenden Aufzeichnungen ihres verstorbenen Mannes eingeschickt, mit der Bitte, dieses Konvolut von Blättern und Blättchen zu ordnen und zu einer Einheit zusammenzufassen. Dieses ungeordnete Bündel von Manuskripten enthielt die Vorarbeiten zum zweiten Band von Lazarus’ „Ethik des Judentums“, den er selbst nicht mehr vollenden konnte. Jetzt liegt uns ein großer stattlicher Band von 400 Seiten vor, der beim Lesen in keiner Weise den Eindruck des Unfertigen, Fragmentarischen macht. Noch mehr als den Fleiß und die Gelehrsamkeit der beiden Herausgeber, bewundere ich ihre stilistische Kunst. Sie haben die Schreibweise des Verfassers nicht nur in sprachlicher Beziehung, sondern auch in der ganzen Art der Komposition und Konstruktion der Gedanken meisterhaft nachgeahmt, was ohne ein liebevolles Versenken in die Gedankenwelt des heinigegangenen Philosophen nicht möglich gewesen wäre. Im übrigen haften alle Vorzüge und Schwächen, die den ersten Band der Lazarusschen Ethik auszeichnen, auch dem zweiten Bande an. Die klare Darstellung und die übersichtliche Anordnung des Stoffes können uns über die methodologischen Mängel des Werkes nicht hinwegtäuschen. Dieses behandelt die Ethik des Judentums weder rein systematisch noch historisch. Eine historische Darstellung rechtfertigt keineswegs die Gleichstellung und Verquickung von prophetischer und rabbinischer Ethik. Es ist meines Erachtens ein unwissenschaftliches Verfahren, alle ethischen Sätze des Judentums aus dem Prophetismus und Rabbinismus zugleich abzuleiten. Dieser methodologische Grundirrtum beruht aber zum Teil auf der Eigenart des Quellenmaterials. Wie den meisten Werken der sogenannten Wissenschaft des Judentums, haftet auch diesem Werke zuviel Apologetik an. Der Verfasser will immer etwas beweisen und befindet sich stets in der Defensive. Daraus erklärt sich der Predigerton an manchen Stellen . . . Ganz verfehlt ist die übertriebene universalistische Auffassung des Judentums. Es mutet sonderbar an, daß der Begründer der Völkerpsychologie, der ein feines Gefühl für ethnische und nationale Differenziertheit hatte, gerade am Judentum das ethnisch und national Eigenartige nicht erkannte oder nicht anerkennen wollte. Trotz, dieser Mängel wird jedoch das Buch gewiß von jedem mit Gewinn und Genuß gelesen werden, denn es ist schön und mit Geist geschrieben und bietet eine dankenswerte Zusammenstellung des weithin verstreuten Materials. London. Dr. S. M. M e 1 a m e d. Jüdischer Volkslieder-Abend in Berlin Mit der Veranstaltung der jüdischen Volkslieder-Abende hat sich die Redaktion von „Ost und West“ unter Leitung des Herrn Winz ein Verdienst erworben. Sie hat hier an einem praktischen Exempel gezeigt, wie die ostjüdische Innenwelt dem westlichen Publikum nähergebracht werden kann. Und cs ist an einem besonders schwierigen Beispiel geschehen. Denn gerade das jüdische Volkslied ist durchaus „bodenständig“, wurzelhaft, mit dem Milieu seines Ursprungs organisch verknüpft. Es mochte daher zunächst gewagt erscheinen, es von seiner Eigenstätte losgelöst in eine neue Sphäre hineinzutragen. Der Erfolg hat jedoch den Versuch gerechtfertigt. Die innigen, wehmutsvollen Melodien, die schlichten, naiven, von stiller Hoffnung und stummen Leiden zugleich getragenen Worte des Liedes umfingen unsere Seele, hoben uns aus unserer Umgebung heraus und versetzten uns in jene anspruchslose und doch so geheimnistiefe Welt, in der das jüdische Volkslied seine Urquelle hat. Die Töne nahmen Gestalt an, die Worte wurden zu Bildern geformt, zu Bildern des Jammers, verklärt durch unerschütterlichen Glauben. Wir schauten diese Gestalten, fühlten ihre Nähe, befanden uns in ihrer Mitte. Da sahen wir: Beim Lämpel sitzt a’n Alter Im Kämmerle vermacht; Sein Bart schneeweiß, Die Aengen glihen, Er weint recht heiß Beim Schaare-Zien. Aus Herzens Tifen Hert män ehm rifen Einzig un allein das Wort: Jeruschalajim, Jeruschalajim Du mein teirer Ort ...