Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 1458 (Mischna und Agadah), F i c li m a n n (Literatur), Dr. L u r i e (Geschichte), Ing. Kaplan sky (Physik), Berger (Naturkunde), Dr. agr. Zag orod sky (Landwirtschaft), Frau Busagio (Französisch), Orloff (Turnen), Eisenstein (Zeichnen), Karschewsky (Gesang) und Frau Katz (Nähen). Gründung eines landwirtschaftlichen Verbandes in Untergaliläa Die landwirtschaftliche Ausstellung, die anläßlich der diesjährigen Herzlfeier in Kinereth veranstaltet wurde, im Verein mit der seit einem halben Jahre in Palästina erscheinenden landwirtschaftlichen Monatsschrift „Hachaklai“ haben die Kolonisten Untergaliläas angeregt, über die zur Hebung ihrer Wirtschaft notwendigen Mittel und Wege nachzusinnen. Die Not der Zeit drängte auch dazu. Bekanntlich sind die Kolonien Untergaliläas: Sedschera, Mescha, Jabneel (Jemma), Milli amie, Kinereth, Mizpah und vorläufig auch die Farmen Kinereth, Dagania und M erch a w j a (wenn man auch die letztere weder geographisch noch nach dem Charakter ihrer Vegetation zu Untergaliläa rechnen darf) fast ausschließlich auf den Körnerbau basiert. Aber gerade der Körnerbau hat in den letzten Jahren, wohl infolge des Mangels an jedwedem Dünger, immer mehr versagt. Da nun üppige Ernten, von denen Ersparnisse für schlechte Jahre zu machen wären, immer seltener werden, so genügt im Grunde eine Mißernte, um den Kolonisten aus dem Sattel zu heben. Ein Beispiel dafür bildet die Kolonie M i 1 h a m i e. Sie galt immer in verschiedener Beziehung als die beste in Untergaliläa. Die jungen Kolonisten waren durchweg tüchtiger Nachwuchs aus alten Kolonien. Sie waren also klimafest, der Landesverhäitnisse kundig, mit der Landwirtschaft vertraut und vor allem fleißig und arbeitsfroh — lauter Eigenschaften, die eine gute Entwicklung versprachen. Die natürlichen Bedingungen waren ebenfalls gut: guter Boden, natürliche Weide usw. Tatsächlich hat sich auch Milhamie in den ersten Jahren gut entwickelt. Hier wurde der erste Konsumverein gegründet und gut verwaltet. Die Kolonisten von Milhamie waren auch die ersten, die sich mit der Verwaltung der j. C. A., bezüglich der Rückzahlungen verständigt haben. Sie hatten ein stolzes Selbstgefühl und wollten wissen, was der J. C. A. und was ihnen gehört. Trotzdem genügte eine unbefriedigende Ernte, um Milhamie in eine schwere Stagnation, wenn nicht gar in den Zustand des Niedergangs zu versetzen. Allerdings hat diese Kolonie besonders durch den Umstand zu leiden, daß sie zu klein ist lind die allgemeinen Verwaltungsausgaben zu schwer auf den 20 Kolonisten lasten. Viele Kolonisten sehen nun den einzigen Ausweg in der Anlage von Pflanzungen und der Einrichtung von Milchwirtschaften. Denn erstens ist eine gemischte Wirtschaft sicherer als Monokultur, zweitens hat sich auch der Pflanzenbau besser als der Körnerbau bewährt lind wird auch nicht durch die Oschergcsetze schikaniert. Die jetzt im großen Stile angelegten Pflanzungen in Poriah haben auch ihrerseits diese Neigung bestärkt. Die Anlage von Pflanzungen verlangt aber natürlich ein größeres Kapital, das die Kolonisten nur darlehensweise sich beschaffen können, außerdem liefern Pflanzungen erst nach sechs Jahren einen entsprechenden Ertrag, die Kolonisten Untergaliläas bedürfen jedoch einer bald i g e n Verbesserung ihrer Lage. Andererseits konnten sich gerade die geistig regeren Kolonisten der Einsicht nicht verschließen, daß, so schlimm es auch jetzt mit dem Körnerbau in Palästina durch die verheerenden Oschergesetze und alle anderen mißlichen Zustände bestellt sein mag, immerhin auch unter den jetzigen Verhältnissen der Körnerbau an sich rentabler zu gestalten wäre und ein gut Teil des Mißgeschicks aufs Konto des bisherigen Mangels an jeder landwirtschaftlichen Erfahrung und Unterweisung zu buchen ist. Als daher Herr Ing.-Agr. J. Golde, der in den letzten zwei Jahren die Farm Kinereth verwaltet hat, die intelligenteren Kolonisten aufforderte, landwirtschaftliche Vereine zu bilden, fand er bald in einigen Kolonien williges Gehör. Und in den letzten Tagen konnte eine Konferenz von Delegierten dieser Vereine sowie von einzelnen Kolonisten abgehalten werden. Die Konferenz, an der sich ca. 30 Personen beteiligten, fand im Mittelpunkt dieser Kolonien, in Jabneel, statt. Der Rosch Hawaad (Vorsteher) von Jabneel begrüßte die Anwesenden, worauf Herr Golde, der Initiator der Konferenz, über den Zweck der Versammlung referierte. Er konstatierte zunächst, daß dies das erstemal sei, wo Delegierte der Kolonien um Tiberias zusammentreten, um über ihre Lage und über rein landwirtschaftliche Fragen nachzudenken, ohne daß äußere plötzliche Vorfälle sie dazu nötigten. Zu der Lage der Landwirtschaft übergehend, meinte er, daß es darauf ankomme, an beiden Seiten des landwirtschaftlichen Betriebes, sowohl bezüglich der Einnahmen wie der Ausgaben, entsprechende Veränderung vorzunehmen, und dies könne nur bei Organisierung aller Kräfte und gegenseitiger Hilfe geschehen. In erster Reihe müsse die Kenntnis der Landwirtschaft durch Vorträge, Literatur, Musterfelder, Ausstellungen usw. erweitert werden. Auch der Ein- und Verkauf muß für den Kolonisten rentabler und auf kooperativer Basis gestaltet werden. Ebenso müssen Arbeiten aufgenommen werden, die mit landwirtschaftlichen Industrien, wie die Verarbeitung von Milchprodukten, Konserven usw. in Zusammenhang stehen. Um all diese Arbeiten mit Erfolg durchzuführen, bedarf es einer festgegliederten und gut funktionierenden Organisation der Landwirte, die auch alle anderen intelligenten Kräfte zur Mitarbeit heranziehen wird. Die Organisation wird aber auch als die geeignete Repräsentanz der Kolonisten bei den in Betracht kommenden Institutionen (J. C. A., Nationalfonds usw.) gelten können und wird auch gleichzeitig die bereits in den Kolonien bestehenden Institutionen wie Leihkasse, Vieh Versicherungsgesellschaft, Bibliothek usw. fördern können. Kurzum, ein weites Feld der nützlichen und vielversprechenden Betätigung eröffnet sich der Organisation, und es wird nur davon abhängen, ob sich überall für diese so wichtige Aufgabe arbeitsfreudige Leute finden werden. Die Anwesenden waren im großen und ganzen mit den Ausführungen des Herrn Golde einverstanden. In der Diskussion wurde daher neben Organisationsfragen hauptsächlich die Frage behandelt, welche Arbeiten zuerst von dem Verbände in Angriff genommen werden sollen. Es wurde nun beschlossen, den „landwirtschaftlichen Verband in Galiläa“ zu gründen, dessen Vorstand in Jabneel sein wird. Der Vorstand wurde beauftragt, sich mit dem Studium der Agrargesetze zu befassen, für die Beschaffung finanzieller Mittel zur Ausdehnung der Viehzucht Sorge zu tragen, sowie bei den zuständigen Gesellschaften sich für Ernennung solcher Schullehrer zu verwenden, die mit irgendeinem Zweig der Agrikultur vertraut sind und die die Schuljugend für ihren ländlichen Beruf vorbereiten könnten. Es wurde ferner beschlossen, an das Odessaer Komitee mit dem Ersuchen heranzutreten, in Untergaliläa eine Musterdorfschule zu begründen. Es bleibt nur zu wünschen, daß der neue Verband bei den Schwierigkeiten, die sich ihm gewiß bieten werden, nicht zurückschrecke und auf dem nun betretenen Wege mutig ausharre.