Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 47 nowskis, die anläßlich eines Runs der jüdischen Bevölkerung auf die Sparkassen in jüdischen Plakaten und Flugzetteln um Erbarmen bitten und die Rabbiner um Hilfe anflehen, waren nicht nur nicht gewillt, dem jüdischen Kaufmannsstand hilfreiche Hand zu bieten, sondern wagten es, die jüdische Not noch zu verhöhnen. Diese Bankdirektorenkonferenz trat zusammen, um über den Kredit der Kaufleute zu beraten, während die Bauernfrage gar nicht in ihrem Programm lag. Sie schloß mit der Rettung der Bauern, und die Kaufleute hatte man inzwischen längst vergessen. Dabei veröffentlicht der Kreditorenverein täglich spaltenlange Ausweise der Bankerotte, panikartige Stim- 1457 mung beherrscht die Märkte, der ganze Handel liegt darnieder. Kein einziger Moment im jüdischen Leben Galiziens hat mir die Notwendigkeit einer würdigen jüdisch-politischen Repräsentanz so sehr vor Augen geführt, wie gerade diese Krise und diese Bankdirektorenkonferenz. Und so stehen wir machtlos den Ereignissen gegenüber. Nach der planmäßigen Depossedierungspolitik in der Schänkerfrage folgt eine vernichtende Kreditentziehung. Der Pauperisierungs- und Proletarisierungsprozeß der jüdischen Massen schreitet mächtig vorwärts und der Wanderstab ist das letzte Anskunftsmittel der jüdischen Not. PALASTINA-RUNDSCHAU (T (Von unserem Berichterstatter.) Einweihungsfeier des neuen Lehrerinnenseminars in Jaffa Cer vor zwei Jahren verstorbene hebräische Schriftsteller E. L. Lewinsky hat vor etwa zwanzig* Jahren eine Erzählung „Reise nach Palästina im Jahre 5800" geschrieben. Die Helden dieser in der Phantasie nach 150 Jahren unternommenen Palästinareise sind ein jüdisches Ehepaar — der Mann sowie die Frau sind Lehrer der hebräischen Sprache. Die Reise nach Palästina ist zugleich ihre Hochzeitsreise. Sie wollen nämlich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und die freie Zeit dazu verwenden, um sich in Palästina, wo seit Menschengedenken das Hebräische d i e Volkssprache ist, im Hebräischen zu vervollkommnen, - wie etwa Lehrer der französischen oder englischen Sprache für einige Zeit zu gleichem Zwecke nach Paris oder London gehen. Nun folgt eine Schilderung der kulturellen Einrichtungen, die das Ehepaar auf der Reise durch Palästina zu sehen bekommt, die mit einer Ausstellung in Jerusalem ihren Höhepunkt erreichen. Als Lewinsky diese Erzählung schrieb, war sie nichts weiter als eine fromme Utopie. Es waren noch keinerlei Anzeichen für eine baldige Inangriffnahme großzügiger kultureller Schöpfungen in Palästina vorhanden. Er selbst war eine kurze Zeit vorher im Lande gewesen, hatte aber keine erfreulichen Eindrücke empfangen. Alles war noch unansehnlich und selbst das Winzige, das inan zu sehen bekam, segelte planlos im französischen Fahrwasser. Aber Lewinsky, der zeitlebens ein unverbesserlicher Optimist im edelsten Sinne des Wortes gewesen ist, ließ sich durch die trostlose Gegenwart seine Hoffnung auf eine bessere, frohere Zukunft nicht rauben. Und er schuf jene herrliche Dichtung, jene Schilderung der Palästina-Renaissance, die uns wie ein Sommernachtstraum anmutet und die für die jüdische Volksseele voll der zartesten Hoffnungen ist. Wenn er heute unter uns weilte, wenn es ihm beispielsweise vergönnt gewesen wäre, bei der Einweihungsfeier des seinen Namen führenden Lehrerinnenseminars in Jaffa zugegen zu sein, er würde vielleicht den Mut gefaßt haben, seinen herrlichen Traum von der großen Auferstehung der jüdischen Kultur auf weniger als auf 150 Jahre hinauszuschieben. Denn mag auch die Gründung eines Lehrerinnenseminars hei einem anderen Volke eine Alltagssache sein, in den Annalen der jüdischen Geschichte bedeutet die Gründung* eines h e b r ä i - s c h e n Lehrerinnenseminars einen Markstein, man kann ruhig sagen, den Anbruch einer neuen Epoche. Es bedurfte langwieriger und mitunter aufreibender Kampfe hauptsächlich mit altersgrauen Vorurteilen, bis die jüdische Nation zu dieser Tat der Selbstbefreiung schreiten konnte. Nun ist dem jüdischen Mädchen, welches bis jetzt mit der Sulamith des hohen Liedes sagen konnte: „Sie machten midi zur Hüterin der Weinberge; meinen eigenen Weinberg bah' ich nicht gehütet“ - der Weg zum eigenen Weinberg", zu ihrem Volke und seinem Dienst gewiesen. Die Einweihungsfeier selbst, die am 16. Chesclnvan, nachmittags um 4 Uhr, im großen Saale der Mädchenschule begann, nahm einen würdigen Verlauf. Sie begann mit einem „El mole rach am im" für Lewinsky, das die Anwesenden stehend anhörten, worauf Dr. Nissan Turoff, der Leiter des Seminars, über die Bedeutung Lewinskys und des neugegründeten Instituts sprach. Der palästinische Lehrer und die palästinische Lehrerin, die nach beendigtem Studium in die Diaspora hinausziehen, um dort die jungen Seelen und Herzen für das Judentum zu gewinnen und Licht und Wärme und Liebe zu Erez Israel überall zu verbreiten - das war ein Lieblingstraum Lewinskys. „Vor zwei Jahren erst wurde beschlossen, zum Andenken an „Rabbi Karow“ (wie sein Schriftstellername lautete) dieses Lehrerinneriseminar zu begründen, und heute hat diese Schule, dank der Opferfreudigkeit der jüdischen Massen, deren Lieblingsschriftsteller Lewinsky war, bereits ein eigenes Gebäude, Schulgeräte und Lehrmittel, und morgen beginnt der Unterricht." Im Namen des Odessaer Komitees, das die Schule begründet hat, sprach M. Scheinkin, im Namen der „B’nei Mosche", zu deren eifrigsten Mitgliedern Lewinsky gehört hatte, lind die immer die Bedeutung der kulturellen Arbeit erkannt haben, j. B a r s i 1 a i (Eisenstadt). Es wurden abwechselnd von den Schülerinnen Lieder gesungen und aus den Schriften L e w in s k y s lind Bia! i k s deklamiert. Zum Schluß verlas Dr. Turoff die eingelaufenen Gratulationen und dankte dem Baumeister, dem Aufseher und den Handwerkern für ihre treue Arbeit. „Wenn wir die neue jüdische Schule einweihen, muß inan auch die jüdischen Hände segnen, die sie erbaut haben." Damit war der offizielle Teil erledigt, und alle Anwesenden, die zumeist Vertreter von Schulen und kulturellen Institutionen waren, begaben sich ins gegenüberliegende Seminargebäude, wo man in zwangloser, fröhlicher Unterhaltung noch lange beisammen blieb. Das Seminar wurde mit 26 Schülerinnen eröffnet. Die meisten haben die Jaffaer Mädchenschule (Beth-Sepher Le- Banoth), die wie das Seminar unter der pädagogischen Leitung des Dr. Turoff steht, absolviert. Einige sind aus Rußland zum Besuch des Seminars gekommen. Dem Lehrkörper der Anstalt gehören außer dem Direktor Dr. N. Turoff an: Wald stein (Bibel), Dr. Zifroni