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Die Welt · 1912-11-22 · 47 (22.11.1912) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
47 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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DIETOELT: Nr. 47 darauf erfolgten, aber nur in abgeschwächter 1456 Falls wirklich der Geist des Friedens und der Versöhnung die Leiter der Agudath beherrscht, so war hier die beste Gelegenheit, bei Herausgabe des Berichts einzulcnkcn. Die Herausgeber hätten nur nötig gehabt, über diesen Passus hinwegzugehen und in indirekter Rede zu berichten, daß der Redner in scharfer Weise gegen die Zionisten polemisiert habe. Statt dessen hielten sie es für nötig, d i e s e n g a n z e n P a s s ti s mit d e n uner h ö r t cn B e s c h i m p f u n g e n w ö r 11 i e h a b z u d r u c k e n , die E r w i d e r u n g e n , die indirekter Rede mit wenigen Sätzen zu bringen!! Der Wirt also, der seine eingeladenen Gäste beleidigt, erhält vollste Redefreiheit, damit nur ja keine Silbe seiner kostbaren Worte verloren gehe, — der Angegriffene aber, der sich verteidigen will, wird unterdrückt! Diese Kampfesweise der neuen ,,Weltorganisation“, die angeblich vom Geiste der Einigkeit beseelt ist, mußte öffentlich festgenagelt werden. H e r mann S t r u c k. Krise in Galizien Von Dr. M. Schmorak Die galizischen Juden erleben jetzt eine schwere Zeit, im Dezember 1 Ql 1 hatte der Generalsekretär der österreichisch-ungarischen Bank, Herr Pranger, in einer Versammlung der Bankdirektoren zur Einschränkung des Kredits in Galizien aufgefordert, und die Herren der großen Wiener Banken ließen sich das nicht zweimal sagen. Man zog allmählich aber unausgesetzt und zielbewußt den Kredit zurück und die Folgen stellten sich bald ein. Massenhafte Bankerotterklärungen und Zahlungseinstellungen waren das notwendige Resultat der allgemeinen und ausnahmslosen Kreditverweigerung. - Diese Krise verschärfte sich infolge des Krieges und der Siegesmeldungen des Balkanbundes immer mehr, und jetzt, nach zehn Monaten, bietet sich uns ein Bild vollständiger Verwüstung und wirtschaftlicher Vernichtung des galizischen Handelsstandes. Der Vorsitzende des Kreditorenvereins in Wien bercchnei die Verluste der Textilbranche in Galizien auf 10 Millionen Kronen. Die der anderen Industriezweige dürften zusammen mindestens ebensoviel betragen. Man geht nicht fehl, wenn man die Zahl der Fallissements insgesamt mit 1000 beziffert. —- Wenn man nun berechnet, daß die Juden nach der letzten amtlichen Statistik in Galizien 03,5 des ganzen Waren- und Geldhandels in ihren Händen hatten, kann man leicht ermessen, wie sehr die wirtschaftliche Katastrophe die jüdischen Interessen berührt. Es ist mm der Erörterung wert, oh denn diese Krise eine natürliche war, oder vielmehr „gemacht“ wurde? War sie wirklich unvermeidlich und durch die ökonomischen Gesetze gegeben? Gewiß nicht. Zur Zeit der Rede des Herrn Pranger lag keine triftige Ursache vor, Galizien den Kredit zu sperren. Als dies dennoch geschah, konnten die folgenden Ereignisse, der türkisch-balkanischc Krieg und die Gefahr eines Krieges mit Rußland, die Sachlage nur noch verschärfen. Gerade der Verlauf der Krise war der schlagendste Beweis unserer Behauptung. Monatelang stand Galizien trotz der planvollen Erstickungspolitik wirtschaftlich gesund da. Als man aber nach und nach duschen mußte, daß es sich hier nicht um einen SäubcrungsprozcB zur Gesundung der Krcdüverhältnisse, sondern um einen Vernichtungsfeldzug handelte, da konnte der Handelsstand sich nicht länger verteidigen. Es häuften sich die Fälle, daß völlig aktive Geschäfte ihre Zahlungen einstellen mußten, eine Erscheinung, die über allen Zweifel diese Krise zu einer „gemachten“ stempelt. Gewiß, für den Fall eines Krieges mit Rußland ist Galizien das meist bedrohte Land und mahnt daher zur Reserve; aber wir haben in Friede ns Zeiten einen Kriegszustand, wie er nicht ärger sein kann, und Galizien war kreditwirtschaftlich schon lange vor dem Auftauchen der Kriegsgefahr lahmgelegt. Diese ganze Finanzpolitik der Staats- und Privatbanken war eine große wirtschaftspolitische Sünde gegenüber einem Lande, das seit jeher ein Ausbeutungsterrain für die Industrie und das Großkapital der westlichen Kronländer gewesen ist. Zu Zeiten der wirtschaftlichen Blüte kamen die Wiener Banken mit ihren Filialen hierher, um das „glänzende Geschäft“ zu machen, und tatsächlich haben sie, wie berechnet wurde, in den letzten Jahren" gewaltige Profite erzielt. Sie explodierten Galizien mit den Spargeldern der einheimischen Bevölkerung, um dann beim ersten ungünstigen politischen Wind sich rasch zurückzuziehen. Die Staatsbanken, hauptsächlich die österreichisch-ungarische Bank, die doch in erster Reihe berufen ist, hilfreich einzugreifen, wo. es sieh um die Existenz von Tausenden österreichischer Staatsbürger handelt, billigten diese Vernichtuugspolitik gegen den galizischen Handelsstand, gegen die galizischen Juden. Die sichtbaren Verluste sind nicht die größten. Mit den 1000 Bankerotten und 20 Millionen verlorenen Kapitals ist eine durchgängige wirtschaftliche Depression, eine allgemeine Schwächung der wirtschaftlichen Kraft verbunden. Dieses Krisenjahr wird sich in seinen Wirkungen lange Zeit bemerkbar machen. Mußte das so kommen? Andere Staaten verstehen es besser, das Wohl ihrer Bürger zu schützen. Frankreichs ausschlaggebendster Faktor in der Politik ist das wirtschaftliche Wohl der Staatsbürger, lind eine Börsenderoute wird ebenso zu verhüten gesucht, wie eine Mobilisation. Auch Oesterreich versteht es besser, wenn es sich nicht um die galizischen Juden handelt. Hätten die Interessen der Latifundienbesitzer, der böhmischen oder polnischen Schlachta auf dem Spiele gestanden, wie anders hätte sich die Regierung verhalten, wie anders wäre da die österreichischungarische Bank vorgegangen! — Eines konnte noch die Situation retten, nämlich das Eingreifen der großen Landesbanken und der parlamentarischen Repräsentanz. Und richtig. Der Hilferuf der gesamten Presse brachte die Herren Bankdirektoren aus Galizien in den Salons des Finanzministers Zaleski zusammen, um die Situation zu besprechen. Und siehe da, es geschah ein Wunder, die Herren waren eines Sinnes und der Direktor der galizischen Landesbank, Herr Zgörski, hatte den Mut, zu erklären, die finanzielle Lage der Kaufleute bedürfe gar keiner Aktion, es sei alles in Ordnung. Hingegen müsse man für die Bauern wegen des ungünstigen Ansganges der Ernte eine großzügige, mit Mitteln des Staates und Landes ausgestattete Aktion in Angriff nehmen. Dieselben Zgörskis und Stroy-

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