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Die Welt · 1912-11-22 · 47 (22.11.1912) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
47 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 47 verständlich, daß eine große Schar jüdischer Wähler dem Kandidaten ihres eigenen Stammes ihre Stimmen gibt — teils aus Dankbarkeit für die Wohltätigkeit der Familie Straus gegen ihre Volksgenossen, teils weil man sich von seiner Wahl eine Vertretung speziell jüdischer Interessen verspricht, zum Teil auch weil sich der Jude ja aller Orten durch die Erhebung eines Mitjuden auf einen ehrenvollen Posten mitgeadelt fühlt. Sehr eigentümlich wirkt nun der Inhalt des Briefes, der an Straus neulich von den Vertretern einiger jüdischer Organisationen gerichtet wurde. In diesem Briefe nämlich wird Straus gebeten, von der Kandidatur zurückzutreten, und zwar zugunsten von Sülzer, weil dieser in der russisch-amerikanischen Paßangelegenheit so viel für die Juden getan und sich überhaupt so sehr als deren Freund erwiesen habe, daß ihm die jüdische Bevölkerung schon aus Dankbarkeit eine Wiederwahl schulde. Der Brief appelliert an Straus’ Großmut, an sein Gefühl als Mensch und als Jude. Es ergibt sich also der merkwürdige Zwiespalt, daß man sich an einen Vertreter des jüdischen Volkes als solchen wendet, um ihn zu verhindern, ein Vertreter des jüdischen Teiles des amerikanischen Volkes zu werden. Falls es sich wirklich nur darum handelte, eine Dankesschuld an den nichtjüdischen Volksvertreter Sulzcr abzutragen, falls man sich wirklich nur von ihm eine wirksame- Vertretung jüdischer Interessen verspräche, so hätte dieser Appell an den Jude n Straus natürlich seine Berechtigung. Ein ganz anderes Aussehen aber erhalten die Aktion und ihre Motive für jemanden, der zwei Tage später den ob seiner häufigen Gesinnungswechsel bekannten Rabbiner S. W i s e in der Freien Synagoge reden hörte. Seiner „reformierten“ Auffassung entsprechend erklärte nämlich Dr. Wise, es sei ein Unglück für die Juden, wenn man sie öffentlich als eine Volksgesamtheit mit gemeinsamen Interessen stempele und sie in der Politik als eine jüdische Macht hinstelle. Im Verlauf seiner Rede drückte Dr. Wise dies folgendermaßen aus: „Die ganze Wahlzeit über hat man den jüdischen Wähler in schamloser Weise veranlassen wollen, von seinem Standpunkt als Jude aus zu wählen. Selbst kluge und wohlmeinende Juden scheinen vergessen zu haben, daß jeder Versuch, ein jüdisches Votum zu schaffen, verhängnisvoll für Israels höchstes Interesse wäre und daß jüdische politische Führer, die das jüdische Votum für oder gegen einen Kandidaten oder eine öffentliche Maßnahme beeinflussen wollen, ihren Mitjuden einen schlimmen Dienst erweisen.“ Daher also die Abneigung, gegen einen jüdischen Kandidaten! Wenn die Juden nichts weiter sind als eine Religionsgemeinschaft - - wenn Dr. Wise und seine Meinungsgenossen das sagen, so muß es wohl so sein — wie kommen sie dann dazu, einen politischen Willen zu äußern? Daß dieser jüdische Volkswille, den die reformierten Herren so oft totgeschlagen haben, sich doch wieder als lebendig erwiesen hat, muß sie eigentlich wundern. Jahresversammlung der Vereinigung für jüdisches Wohltätigkeitswesen Bei der Versammlung, die am 30. Oktober vorigen Jahres stattfand, erstattete der Präsident Leopold Plaut den Bericht über die Tätigkeit der Organisation, die im letzten Jahre für laufende Ausgaben 313 247 $ und für Kapitalsanlagen 202 655 8 erhalten hat. Für Spenden wurden im Laufe des Jahres 258 138 8 ausgegeben. Der Bericht führt aus, daß sich trotz der Zunahme der jüdischen Bevölkerung die Ersuchen um Unterstützung vermindert haben — ein Beweis dafür, wie schnell der Jude in Amerika wirtschaftlich in die Höhe 1455 kommt Während demnach die Notwendigkeit temporärer Unterstützung seltener wird, ist eine Zunahme von dauernden Unterstützungen notwendig geworden, als Resultat von Krankheit, Arbeitsunfähigkeit oder Tod des Ernährers. Eine neue jüdische Organisation Gewissermaßen als Folge des Rosenthal-Prozesses hat sich hier eine neue jüdische Gesellschaft mitten im jüdischen Ostseite-Distrikt gebildet. Die Gesellschaft nennt sich Society of the Jewish Institute und hat bereits 250 Mitglieder. Die Gesellschaft, deren Mitglieder meistens junge Leute aus sozial untergeordneten Schichten sind, bezweckt die moralische Hebung der jüdischen Jugend in New York. Sie sucht diesen Zweck durch Einrichtung von Kursen in jüdischer Geschichte und Ethik zu erreichen sowie durch ein Erziehungswerk, das man wohl am besten mit „jüdischer Innenmission“ bezeichnen kann. Die Kampfesweise der neuen „Weltorganisation“ Vor kurzem hat die ,,A g u d a t h Israel“ einen Bericht über ihre bisherige Tätigkeit herausgegeben, der auch für uns Misrachisten ein ganz besonderes Interesse bietet. Wie sattsam bekannt ist, hat der Rabbiner der „Israelitischen Religionsgesellschaft“ zu Frankfurt am Main, Herr Dr. Breuer, in einer großen Rede bei Eröffnung der Kattowitzer Konferenz die Zionisten und die Misrachisten a 1 s Leugner der Grund w ahrh eiten des J u d e n t u in s und als Gesetzesübertreter zu brandmarken versucht. Von diesem Dr. Breuer, der jetzt an der durch den großen S a m son R a p li a e I Hirse h geweihten Stelle sitzt, erwartet niemand die Bescheidenheit unseres Lehrers Mose. Herr Rabbiner Dr. Breuer sitzt behaglich in seinen vier Wänden, — und wenn auch das Judentum an allen Ecken und Enden brennt, und wenn auch alle Sturmwinde der neuen Zeit an unseren Mauern rütteln, - dieser Herr findet keine dringendere Aufgabe, als diejenigen zu stören lind zu verunglimpf en, die redlich bemüht sind, den Brand zu löschen, den bedrohten Bau zu festigen. Welche Vorstellung macht sich solch ein geistlicher Führer in Israel eigentlich von der furchtbaren Notlage des Judentums? Hat er nie den Geist des wahren Friedens und die Stimmung wirklicher Versöhnung empfunden? Weiß er nicht, daß im Talmud sogar dem Rabbi J o s u a Ben P e r a c h j a der Vorwurf gemacht wird, daß er den Mann aus Nazareth nicht an sich heranzog, — und er wagt cs, unzählige, auf ihre echt jüdische Gesinnung hin doch wirklich erprobte Männer einfach zurückzu stoß e n , weil sie nicht g a n /. auf seinem Standpunkte stehen? Wie gesagt, die Bescheidenheit unseres Lehrers Mose erwartet niemand von Herrn Rabbiner Dr. Breuer, aber die Art und Weise, in der er in der Kattowitzer Konferenz die öffentliche Meinung gegen den Zionismus und den Misrachi zu beeinflussen suchte, verdient eine scharfe Zurückweisung; und eine solche ließ ihm auch der Niehtzionist Rabbiner Dr. Kaatz in vorzüglicher Rede zuteil werden, — ebenso wie Herr Dr. Frank, der Präsident unserer Föderation, sich gegen die Angriffe verwahrte. Und nun zu dem, was mir heute die Feder in die Hand gab. Das Zentral-Komitee des Misrachi erklärte, bevor die von Herrn Dr. Breuer ausgesprochenen Beschimpfungen nicht offiziell desavouiert sein würden, den Misrachisten den Anschluß an die „Agudath Israel“ nicht empfehlen zu können.

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