Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1454 Die Angst vor Palästina (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Bekanntlich haben die jüdischen Assimilanten dem ersten Postulate unserer jüdischen Volkspolitik, der systematischen Kolonisation der heimatlosen jüdischen Massen, zustimmen müssen. Ueber das Territorien, wo diese Kolonisation vorzunehmen wäre, herrscht in ihren Reihen, soweit sie der Sache praktisch nähertreten, die vollste Uneinigkeit. Einig* sind sie nur in einem Punkte: in dem Bestreben, das Kolonisationswerk in Palästina und seine Erfolge zu vertuschen und zu diskreditieren, damit ihre Anhänger ja nicht erfahren, daß unsere Arbeit in Palästina, während sie den ganzen Erdball nach „Territorien“ absuchen, prächtige Fortschritte macht. Die Angst vor Palästina treibt sonderbare Blüten. Als Beispiel mag hier eine Auslassung dienen, welche im „Egyenlöseg“, dem assimilatorischen Kampf Organe Ungarns, das seit einiger Zeit als „Gegengift“ gegen unsere Bestrebungen den Itoismus kultiviert, dieser Tage zu lesen war: „Die Ito begann schon vor Jahren die systematische Ansiedelung armer Juden in Galveston, im Staate Texas, um das Massenelend zu lindern. Ein Zionist machte uns Vorwürfe, warum wir nicht in Palästina kolonisieren? Ich muß bemerken, daß wir in Galveston trotz allen Verleumdungen immer fortschreitende Erfolge erzielen. Aber ich benütze die Gelegenheit, um zu erklären, warum wir Palästina zur Kolonisation nicht gebrauchen können. Darum, weil in Palästina Hungersnot wütet; weil Palästina leider die Masse der Einwanderer nicht fassen kann. Die Ito erwies daher im Grunde genommen den Zionisten einen großen Dienst, als sie die Auswanderung von Palästina ablenkte und damit das geplagte Land vor der endgültigen Verwüstung bewahrte und es ihnen überließ . . Nachdem das Blatt dann noch einen Bericht Dr. W e i z m a n n s über die jüdische Landarbeiterfrage in Palästina tendenziös entstellt, schließt es den in seiner Naivetät erheiternden Aufsatz mit folgendem schwungvollen Erguß: „Wir kolonisieren, bis die Stunde der großartigen Lösung (!) schlägt, in Galveston. Das Land Galveston ist voll mit glücklichen Menschen. Gehen Sie auf die Wiesen: arbeitende Juden. Sehen Sie sich die Fabriken an: arbeitende Juden. «Blicken Sie auf die freien Berge und Hügel und Sie sehen ein wundervolles Landschaftsbild: jüdische Farmen und Synagogen.“ So sorgt Herr Szabolcsi für die Erbauung frommer antizionistischer Seelen. Wir aber können mit Genugtuung fentstellen, daß unseren Gegnern im Kampfe gegen uns nur Lügenmärchen und territorialistischc Potemkiriiaden zur Verfügung stellen. Hilfeleistung für die Verwundeten Die jüdische Gemeinde in Belgrad hat sich an die Budapester Kultusgemeinde und Chebra Kadischa mit dem Ansuchen gewandt, ihr bei der Hilfeleistung für die Verwundeten des Balkankrieges beizustehen. Sämtliche Spitäler sowie die zu Spitalzwecken adaptierten Gebäude sind mit Verwundeten überfüllt, die täglich neu ankommenden Züge vom Sehlachtfelde bringen eine immer größere Anzahl von Verwundeten, welche kaum mehr unterzubringen sind. Unter den Verwundeten sind verhältnismäßig sehr viele Juden. Die Verwundeten leiden auch unter dem Mangel an geschulten Aerzten und Verbandzeug. Deshalb sah sich die jüdische Gemeinde in Belgrad veranlaßt, die Hilfe ausländischer jüdischer Gemeinden anzürnten. Die Vorstände der Kulturgemeinde und der Chebra Kadischa traten sofort zu einer Beratung zusammen und be- Nr. 47 schlossen, vorläufig vier Aerzte sowie eine größere Menge Verbandzeug nach Belgrad zu senden. Die Einleitung einer größeren Hilfsaktion ist in Aussicht genommen. Ein Hilferuf der Juden in Philippopel Berlin. Die jüdische Gemeinde in P h i 1 i p p o p e 1 ersucht uns um Veröffentlichung des folgenden Aufrufs: (Uebersetzung aus dem Hebräischen.) . . . Aus unserer Stadt sind etwa 700 Juden im Alter von 20—46 Jahren unter die Waffen gerufen worden. Sie haben unmündige Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern daheim zurückgelassen. Die Anzahl der in gewöhnlichen Zeitläuften unterstützungsbedürftigen jüdischen Familien unserer Stadt beträgt 350. Infolge des Krieges hat sich ihre Zahl um weitere 157 Familien vermehrt, deren ins Feld gezogene Ernährer Handwerker, kleine Krämer, Tagelöhner usw. sind, deren Angehörige nunmehr völlig mittel- und hilflos dastehen. 1200 jüdische Seelen rufen nach Brot! Die jüdische Gemeinde, deren Einkünfte sich auf die Steuerbeträge ihrer Mitglieder beschränken, kann jetzt auch nicht einen Pfennig von den verarmten jüdischen Bürgern erheben, ist also jeder Möglichkeit beraubt, ihre Beamten zu bezahlen und ihre Armen selbst zu unterstützen. Der Preis der notwendigsten Lebensmittel ist außerordentlich in die Höhe gegangen und steigt noch immer weiter. Im ganzen Lande herrscht eine furchtbare geschäftliche Krise, es gibt keinen Kredit und kein gegenseitiges Vertrauen, und speziell die meisten Mitglieder unserer Gemeinde sehen stündlich dem völligen finanziellen Zusammenbruch entgegen. Unsere Gemeinde, die in Friedenszeiten viele Opfer für auswärtige hilfsbedürftige Brüder gebracht hat, so z. B. bei der großen Feuershrunst in dem nahegelegenen Adrianopel, wo’ wir die Abgebrannten bei uns auf nahmen und ihnen in jeder Weise zur Seite standen, ebenso gelegentlich der massenhaften Ausweisung italienischer Juden aus - der Türkei vor einigen Monaten — sieht sieh jetzt genötigt, selbst an das Mitgefühl auswärtiger jüdischer Brüder zu appellieren. Brüder und Schwestern! Bedenket, daß der Winter bereits ins Land gezogen ist und unsere Armen hungern und frieren müssen. Auch der Typhus und andere furchtbare Seuchen bedrohen unsere Stadt. Täglich fallen viele unserer Brüder auf dem Schlachtfelde, so laßt denn ihre bejammernswerten Familien nicht noch durch« Hunger, Krankheit und Frost umkommen! Schleunigste Hilfe tut d r i n g e n d n o t. Spenden sind an die Adresse: C o rn m u n a u t e Israel ito de Philippopoli (Bulgarie) zu senden. Die jüdischen Zeitungen aller Länder werden um Vbdruck des vorstehenden Aufrufes ersucht. Straus oder Sulzer? (Von unserem Berichterstatter.) New York. Ein so eigentümliches politisches Intermezzo, wie eben nur das Golus mit all seinen Widersprüchen und Unzulänglichkeiten es schaffen kann, hat es drei Tage vor der Präsidentenwahl in New York gegeben. Bekanntlich kandidierte Oscar S. Straus als Vertreter der progressiven Partei für den Gouverneurpostcn und war der einzige wahrhaft ernstliche Konkurrent des inzwischen statt seiner erwählten Demokraten W. Sulzer. Obgleich von einer „jüdischen Wahlpartei“ im Sinne einer einheitlichen Körperschaft in Amerika keine Rede sein kann, ist es doch selbst-