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Die Welt · 1912-11-22 · 47 (22.11.1912) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
47 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 47 Freilich werden unsere Vertreter mit mehr Takt und Sachlichkeit vorgehen, als dies dem Artikelschreiber in seinen weiteren Ausführungen zu tun beliebt. Den Zionismus mit der Rolle der Statisten zu vergleichen, die im „Julius Lasar" das „schreiende und gestikulierende Volk" darstellen, ist in diesem Augenblicke unverfroren. Von einem Gegner, dem man, gewiß nicht ohne gewichtigen Grund, im Wahlkampfe so weitgehende Konzessionen gemacht hat und der längst das Gewissen der Wiener jüdischen Öffentlichkeit bedeutet, spricht man nicht so despektierlich. Sehr unglücklich ist auch die Berufung auf den verstorbenen Abgeordneten Dr. Emil Byk als angeblichen Verfechter jüdischer Solidarität. Jedermann erinnert sich sofort an jene bewegten Februartage des Jahres 1006, da die zionistischen Verein e G a 1 i z i e n s behördlich aufgelöst w u r d e n , da der Abgeordnete Breiter im Parlamente eine Interpellation einbrachte und der damalige Präsident der österreichischen zionistischen Partei, Dr. Isidor Schalit beim Minister des Innern, Grafen Bylandt-Rheidt, in Audienz, erschien, um gegen die Vergewaltigung der zionistischen Bewegung in Galizien Protest einzulegen. Der Name desselben Dr. Emil Byk, dessen Manen der Autor aufruft, indem er zur Einigkeit und Brüderlichkeit mahnt, ist m i t der Geschichte der Auflösungen der zionistischen Vereine Galiziens aufs t r a u r i g s t e v e r - k n ü p f t! Clara pacta! Zwei zionistische Führer sollen auf Grund eines Kompromisses in die Kultusgemeinderepräsentanz gewählt werden. Sie wollen mit ganzen Kräften mitschaffen — aber sie geben von unserem Programme, das im schärfsten Gegensätze zu den bisherigen Machthabern der Kultusgemeinderepräsentanz steht, auch nicht ein Jota au f. Im Gegenteil: Sie kommen, um die Wiener Kultusgemeinde für dieses Programm zu gewinnen und wir sind überzeugt, daß sie über kurz oder lang alle jene, die ihr Volk lieben und um seine Zukunft sorgen, als Kombattanten begrüßen werden, im Kampfe gegen diejenigen, die den gegenwärtigen Zustand tun jeden Preis erhalten wollen und sich hartnäckig der besseren Einsicht verschließen. Zur Kiewer Knabenmordaffäre Kiew. Im Justizministerium hat man den Vertretern der Presse, die sich dort nach dem gegenwärtigen Stand des Beilis- Prozesscs erkundigten, erklärt, daß die Frage der Freilassung des Angeklagten B e i 1 i s in Kiew noch im Laufe des Monats November entschieden werden wird. Neue Judenausweisungen Nachdem die Massenausweisungen von Juden in Kursk durch eine Verfügung des Ministeriums des Innern eingestellt worden waren, wird jetzt aus Kursk gemeldet, daß der dortige Gouverneur von neuem 50 jüdische Handwerkerfamilien ausgewiesen hat, darunter solche, die schon seit 15 Jahren in Kursk wohnhaft sind und deren Wohnrecht niemals angezweifelt wurde. Boykottdrohungen gegen die Juden in Warschau Warschau. Die herrschenden polnischen Parteien können es noch immer nicht verwinden, daß die jüdische Bevölkerung Warschaus sich ihrem tyrannischen Machtgebot nicht fügen wollte und den antisemitischen Dumakandidaten der ,,polnischen Konzentration", Herrn Kucharzews k i, zu Falle brachte. Was 1453 jedem unbefangenen Menschen als ein Gebot des einfachsten Ehrgefühls und der elementarsten Selbstachtung erscheinen muß, das stellen die edlen Polen Warschaus als einen „hakatistischen" Akt der Feindseligkeit gegen die polnische Gesellschaft dar. Die bürgerlich-polnische Presse Warschaus, die sonst eine mehr salonfähige Abart des Antisemitismus pflegte, schlägt jetzt den Ton der rüdesten russischen Pogromblätter von der Art der „Semstschina“ an. Die polnische Gesellschaft wird aufgefordert, alle geschäftlichen Beziehungen zu den Juden abzubrechen und nichts mehr in jüdischen Geschäften zu kaufen. Infolge dieser wüsten Hetze kam es bereits in einer Markthalle und vor einigen, jüdischen Läden, wo polnische „Wachtposten" aufgestellt waren, um christliche Kunden vom Einkauf abzuhaltcn, zu Zusammenstößen und Schlägereien, so daß die Polizei einschreiten mußte. Inzwischen setzt die judenfeindliche polnische Presse die Boykotthetze und die ganze heldenhafte Kampagne gegen die Juden ruhig und ungestört fort . . . Staatsbürgerliche Treue Sofia. Das bulgarische Regierungsorgan „Mir" schreibt am 23. Oktober 1912: „Es ist uns eine angenehme Pflicht, auf die Einhelligkeit der bulgarischen Bevölkerung als etwas besonders Schätzenswertes hinzuweisen, nicht bloß was die einzelnen politischen Parteien anbelangt, sondern auch bezüglich der Angehörigen der verschiedenen Volksstämme und Glaubensbekenntnisse. Erfreulich ist der von uns mit besonderem Stolz vermerkte Wetteifer zwischen den verschiedenen Nationen lind Glaubensgemeinschaften. Er ist zwei fei oh ne das beste Zeugnis für ihre Anhänglichkeit an das Vaterland. Diese Vaterlandsliebe verdanken wir dem Umstande, daß sie (die verschiedenen Nationen und Konfessionen) in unserem Rechtsstaat alle Freiheiten und Rechte genießen. Denn wenn man auch z. B. die Opferfreudigkeit der griechischen und sonstigen christlichen Staatsangehörigen mit religiösen Gefühlen erklären wollte, so ist doch augenscheinlich die Ergebenheit der Juden und Türken nur aus dem Vollgenuß aller Rechte und Freiheiten zu erklären, welche ihnen die Möglichkeit geben, sich gleichmäßig mit der bulgarischen Bevölkerung zu entwickeln. Die Bemühungen der bulgarischen Regierung zur Erhöhung des Prestiges unseres Staates tragen somit jetzt ihre Früchte. Das wird uns auch für die Zukunft eine Lehre sein.“ Es ist sehr erfreulich, daß die bulgarische Regierung hier feststellt, daß nur die Prinzipien der Gerechtigkeit und Freiheit uie verschiedenen Nationalitäten an ihr Vaterland ketten können. Bulgarien hat, im Gegensatz zu Rußland und Rumänien, seine jüdischen Bürger stets mit wohlwollender Gerechtigkeit behandelt. So wird uns beispielsweise jetzt aus Rustschuk mitgeteilt, daß auf Betreiben unseres Gesinnungsgenossen, des Stadtverordneten Muschon R o s a n i s , zwei Zionisten in die Kommission zur Verteilung von Lebensmitteln an die Familien der im Felde stehenden Soldaten gewählt wurden. Es gelang auch unseren Gesinnungsgenossen, dem jüdischen Teil der Bevölkerung die auf sie entfallende Unterstützung zu sichern. Der erste jüdische Abgeordnete Serbiens Belgrad. Vorige Woche wurde an Stelle des radikalen Abgeordneten M. Marjanovits, der sein Mandat niedergelegt hatte, der Bankier Benzion Bull y als Abgeordneter der Stadt Belgrad beeidet. Herr Bully legte den Eid nach jüdischem Ritus im Beisein des Großrabbiners Herrn Dr. J. Alcalay ab.

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