Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316561--56745-3350700- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Burgas 1× ep/1044292
OCR text
1452 DIE&XELT Nr. 47 Die englische Botschafterin und die Familien der Soldaten Die Hilfskommission für die Familien der osmanischen Soldaten, die unter dem Vorsitze von Lady L o w t h e r, der englischen Botschafterin in Konstantinopel stellt, ersuchte das Großrabbinat, ihr die Adressen der jüdischen Familien Galatas und Peras anzugeben, deren Söhne auf dem Schlachtfelde kämpfen. Die Kommission verteilt nun unter diese Familien zweimal wöchentlich Lebensmittel, Brennmaterial u. a. Der (iroßrabbiner machte Lady L o w t h e r darauf aufmerksam, daß der größte Teil der jüdischen Soldaten den armen Vierteln von Balat und Hasköj entstammen, so daß die Hoffnung besteht, daß auch diese Stadtteile von der Hilfskommission bedacht werden. Die jüdische Gemeinde Konstantinopels für den Roten Halbmond Die Sammlungen unter der Judenschaft der Hauptstadt zugunsten des Roten Halbmonds haben die stattliche Summe von 605 türkischen Pfund, d. i. nahezu 12 000 M. erreicht, die durch Vermittlung des Senators Be hör Ef feudian das Zentralkomitee des Roten Halbmonds abgeführt wurden. Der Präsident desselben hat nun in einem warmgehaltenen Schreiben dem (iroßrabbiner für diese eifrige jüdische AAitarbeit gedankt. Neben der Sammeltätigkeit geht die Anfertigung von Wäschestücken einher, der ein Kreis jüdischer Damen in den Räumen des jüdischen ,,Petit Gerde“ obliegt. Uebrigens ist diesen Damen der jüdischen oberen Zehntausend das leuchtende Beispiel hierzu von den bescheideneren jüdischen Stadtvierteln gegeben worden, wo, wie in Ortaköj, die Frauen in fast allen Häusern eitrigst mit der Herstellung von Wäsche und Verbandzeug für die Verwundeten beschäftigt sind. Es verlautet, daß die Mädchenschule der Alliance Israeliie in (ialata für einige Zeit gänzlich schließen wird, um dort in allen Klassen den Näharbeiten Platz zu machen, denen die Schülerinnen zum besten der Verwundeten obliegen sollen. Unsere Studenten und die nationale Jugend Die studentischen Freiwilligen sind trotz wochenlanger Ausbildung und trotz ihres dringenden Verlangens nicht an die Front gesandt worden, so daß auch die drei jüdischen Freiwilligen unter ihnen, Rabbinowitz, Remes und Cohen, in der Hauptstadt bleiben mußten. Der Verein der jüdischen Studierenden Konstantinopels, die nationale ,,Agudatii Hamitlamdim" hat neuerdings in einem Aufrufe alle jüdischen Studenten aufgefordert, sich in die Sanitätskorps als Freiwillige ein schreiben zu lassen. Die jüdischen Offiziere im türkischen Heere wohlauf Unsere beiden jüdischen Offiziere in der Front, Herr E i s e n b e r g aus Rehoboth und S c h e in to v R e v a c h aus Saloniki, sind bisher vom Schlaclitengotte gnädig behandelt worden. Wir erfahren, daß der erste re wohlbehalten vor Tschataldscha stellt, und der zweite als Leichtverwundeter nach Saloniki gelangt ist, wo er jetzt wohl schon wiederhergestellt sein dürfte. Beide haben die bitteren Tage von Wisa und Lüle Burgas hinter sich. ln einem Interview mit einem Diplomaten, das der „Jeune Turc" veröffentlicht, betont der Staatsmann mit besonderer Wärme, daß sich unter den Nichtmuselmanen die Armenier und die Juden durch ganz besondere Tapferkeit ausgezeichnet hätten. Clara pacta! (Zum K u 11 u s w a h 1 k o m p r o m i ß.) (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Die Wiener Zionisten haben anläßlich der Wahlen in den Kultusvorstand einen Pakt geschlossen. Die Beweggründe ihres Entschlusses und die Bedingungen des Abkommens wurden in der jüngsten Nummer der „Welt" und unseres Wiener Parteiblattes, der „Jüdischen Zeitung“ mitgeteilt. Dieses Ereignis wird nun im offiziösen Organe der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, in „Dr. Blochs österreichischer Wochenschrift" von einem Mitgliede des offiziellen Zentralwahlkomitees, Herrn I)r. Oswald Byk, besprochen und es erscheint zweckdienlich, auf seine Ausführungen an dieser Stelle zurückzukommen. Den Charakter des Uebereinkommens hat Herr Dr. Byk richtig erfaßt. Es liegt tatsächlich nichts anderes vor, als eine Vereinbarung ad hoc zu einem bestimmten Zwecke, und „dieses ad hoc bedeutet in unserem Falle: die Wahlen in den Kultusvorstand". Wer in dem Kompromisse mehr sieht, als einen äußeren Waffenstillstand, den unsere Gegner loyalerweise anboten, weil sie sich durch die veraltete Wahlordnung im Vorteil wissen, weil unser zäher Kampf ihr Verantwortlichkeitsgefühl gehoben hat, weil manch Einsichtiger unter ihnen unseren Argumenten zugänglich geworden ist, und den wir annahmen, weil die Bedingungen gut sind und der großen Sache dienlich erscheinen — der ist in einem bedauerlichen Irrtume befangen. Denn zwischen den Gesinnungsfreunden des Herrn Dr. Byk, der sich als bedingungslosen Anhänger der Assimilation bekennt („die allein ein dauerndes, friedliches Zusammenleben ermöglicht") und den erprobten, einer Weltorganisation verantwortlichen Verfechtern des zionistischen Volksgedankens gibt es natürlich keinen „ganzen Frieden". Darum müssen wir Herrn Dr. Byk in dem naiven „Bedenken", das er hegt und das uns unmittelbar nach Darlegung seiner zutreffenden Auffassung vorn Wesen des Wahlkompromisses merkwürdig anmutet, schleunigst bestärken. Er meint nämlich: „Unseres Wissens besteht die Zusage der Zionisten in diesem Kompromisse nur darin, eine friedliche und ungestörte Wahl zu ermöglichen, aber nicht auch eine friedliche Ein- und Unterordnung im Kultusvorstande. Wenn das allein schon ein Gewinn ist, so können wir uns dennoch des Gedankens nicht erwehren, daß die jugendlich-stürmischen zionistischen Elemente, einmal im Vorstande sitzend, nicht wie sanfte Lämmer zu allem „Ja und Amen!" sagen werden, sondern daß sie eher die harte Nuß bilden werden, an der die anderen 34 Mitglieder und namentlich das Präsidium schwer zu kauen haben werden." Herr Dr. Byk hat doch gewiß, bevor er für das Kompromiß stimmte, unser Programm geprüft, das zu verfechten die berufensten zionistischen Führer in die Kultusstube ziehen sollen. Männer, die für das allgemeine und gleiche Wahlrecht einzutreten haben, für eine Reform der so rückständigen Gemeindeorganisation an Haupt und Gliedern, für Durchführung des Oeffentlichkeitsprinzips im Gemeindeleben, für die Umgestaltung der „israelitischen Kultusgemeinde" in eine jüdische Volksgemeinde, für Erreichung einer öffentlich-rechtlichen Gesamtorganisation aller Kultusgemeinden des Reiches — solche Männer kommen wahrlich nicht als „Ja- und Amensager" oder als allerergebenste Opposition des Präsidiums in den Wiener Kahal.