Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 die Beobachtung des alle verpflichtenden Gesetzes, auch der Verwaltungsvorschriften, auf denen das gesellschaftliche und staatliche Leben beruhte, war selbstverständlich verbindlich. Daher war das historische Judentum, das sehr törichterweise „orthodox“ genannt wird, stets dogmenlos. Es war wirklich liberal, ohne es nötig zu haben, sich liberal zu nennen. Reaktionär war erst im Judentum die Reform, die, um das Nationale im Judentum zu zerstören, das Dogmatische erfand. Sie nannte sich „Reform“ in Anlehnung an den Namen der Reformation, weil sie nach'ahmte, was sie bei den protestantischen Christen sah. Da sie jüdisch-protestantisch war, so bildete sich gegen sie unter dem Namen der „Orthodoxie“ eine Gegenbewegung, die, im Gegensatz zum neuen jüdischen Protestantismus, ebenso jüdisch-katholisch wurde, eine kleine, aber sehr regsame Richtung, mit der die gesetzestreue Judenheit nicht zu verwechseln ist. Beide religiösen Richtungen, der jüdische Protestantismus, der sich früher „Reform“ nannte und sich, nachdem er unter diesem Namen keinen Erfolg hatte, jetzt in Anlehnung an eine Richtung im Protestantismus „liberales Judentum“ nennt, und der jüdische Katholizismus, haben bezeichnenderweise in derselben Stadt Frankfurt am Main ihren Stammsitz und sind beide dem fortschrittlichen Volksjudentum und Volljudentum 1451 gleich feindlich gesinnt. Beide sind klerikal, aber nicht einmal jüdisch-klerikal, weil sich echtes Judentum und Klerikalismus ausschließen. Es ist natürlich, daß diese unter dem Namen eines jüdischen Liberalismus auftretende Fortsetzung der früheren „Reform“ eine neue Dogmatik aufstellen muß, die ihre vom alten Judentuine mehr oder weniger entfernten Glieder einigt, wenn anders überhaupt an ein Festhalten zu denken ist, und die Wanderung aus dem Judentume heraus nicht fortgesetzt werden soll. Das ist um so mehr nötig, als tatsächlich die Begeisterung, die der Zionismus der neunziger Jahre in die jüdische Jugend trug, bewirkt hat, daß auch der im Abfall begriffene Teil des Judentums, ohne bereits jüdischnational werden zu können, sich auf sich selbst besinnt und als Anhang der neuen nationalen Bewegung im Judentume beharren will. Daher bedarf das Reformjudentum, das jetzt Liberalismus heißt, einer neuen Dogmatik. Und diese Dogmatik wurde unter dem Namen „Richtlinien“ in Posen von der Ordentlichen Versammlung der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland“ als bindend angenommen, so daß wir nunmehr in der Lage sind, uns diese neue Glaubenslehre genauer zu betrachten und festzustellen, was sie mit dem alten Judentum und ob sie mit dem Liberalismus etwas gemeinsam hat. Darüber in einem zweiten Artikel. □ □□□□□ WELTCHRONIK - —-.-.—.-=-=-^v □ □ □ □ □ □" j) o —.—.»- J/ Die Heilung der Kriegsschäden (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Das Kriegselend steigt und steigt wie eine unstillbare Flut. Und mit ihm schwillt der Strom der Flüchtlinge an, die unserer Stadt zueilen. Die Straßen und Plätze von Stambul sind nur noch ein Knäuel von Wagen, Säcken, Ochsen und notdürftig bekleideten Menschen, die in einer unsagbaren Lache von Schmutz zusammenlungern. Tausende und Tausende kommen so mit den kümmerlichen Resten ihrer Habe hier an, und so viele auch durch die Fürsorge der Behörden über den Bosporus hinweg weiter nach Kleinasien hin abgeschoben werden, um dort die elendeste und traurigste aller Wanderungen wer weiß wie weit fortzusetzen: unter den Zurückbleibenden ist kaum eine Lücke fühlbar, und sofort wird sie von neu anlangenden Menschen, Karren und Herden ausgefüllt. Die Enge wird immer beängstigender. Die grausigen unhygienischen Bedingungen, unter denen die Flüchtlinge hausen, fordern ihre Opfer. Die Cholera, der Typhus und die Blattern wüten unter ihnen und bedrohen um sich herum den ganzen muselmanischen Teil der Hauptstadt. Und zu denken, daß genau die gleiche furchtbare Lage in Adrianopel und ebenso in Saloniki herrschen muß, ist eine unsägliche Vorstellung. Auch unsere armen jüdischen Brüder schwimmen in diesem Strome der Kriegsflüchtlinge mit, wenn sie auch unter immerhin besseren Bedingungen anlangen. Sie finden alle sorgende Bruderherzen und Obdach. Bis jetzt sind über 1700 Juden hier hergeflüchtet, und es kommen immer noch mehr. Aber keiner von ihnen liegt auf dem Pflaster. Die Revier-Kommissionen, deren Arbeit in der Zentralkommission auf dem Großrabbinate konzentriert ist, leisten Uebermenschliches. Nicht nur die steigende Ziffer der Ankömmlinge, auch der relativ gestiegene Umfang ihrer Bedürfnisse stellt die Kommission vor schwierige Probleme. Die Geldausteilung seitens der Regierung hat, wie vorausgesehen, sehr schnell wieder aufgehört; nur in Hasköj geben die Behörden noch etwas Brot aus; für alles müssen also jetzt die Juden selber sorgen. In allen Stadtteilen waren die verfügbaren Zufluchtsstätten, die Synagogen, bald in gefährlicher Weise überfüllt, so daß Epidemien zu befürchten waren Die Hilfskommissioii hat daher an eine weitere Verteilung der Massen denken müssen und zu diesem Zwecke längs des Bosporus, außerhalb der eigentlichen Stadt, Häuser ausfindig gemacht, in die die Armen überführt werden konnten. Diese neuen Konzentrationsstellen befinden sich vornehmlich in Bei kos, wo vier große verlassene Gebäude gemietet wurden, und in Pascha-Bagtsche, wo die leere Glasfabrik der jüdischen Firma Modiano den Unglücklichen zur Verfügung gestellt worden ist. Eine hygienische Kontrolle wird an allen den Zufluchtsstätten regelmäßig vorgenommen, Kranke erhalten sofort ärztliche Hilfe und Pflege; und diesen außerordentlichen Anstrengungen allein ist es zuzuschreiben, daß der Gesundheitszustand unter den jüdischen Emigranten ein verhältnismäßig guter ist. — Für die Herbeischaffung der nötigen Hilfsgelder sorgt die Hilfskommission für die Erdbebengeschädigten in enger Zusammenarbeit mit dem Großrabbiner, dessen Anstrengungen alle Anerkennung verdienen. Den bisherigen Hilfskommissionen hat sich jetzt noch die Damenkommission zugesellt, die bisher für den Roten Halbmond gearbeitet hatte und nun für unsere Einwanderer Geld und Brot, Wäsche- und Kleidungsstücke, Decken und Kissen sammeln wird. Aber die Mittel, die für die Armen vorhanden sind, sind bald aufgebraucht, und man ist erst am Anfänge der Arbeit. In dieser Erkenntnis hat die jüdische Zentralhilfsstelle einen Aufruf an die gesamte Judenheit erlassen, der hoffentlich sein Ziel erreichen wird. Als erste Gabe des Auslands sind 2000 Mark vom Hause Camondo in Paris eingelaufen.