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Die Welt · 1912-11-22 · 47 (22.11.1912) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
47 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1450 Nr. 47 DIE3^ELT schaft ist eine Forderungdes liberalen Judentums auch den religiösen Urkunden gegenüber.“ Daß man diesen Satz von der protestantischen Forschung übernommen hat, kann der billigen, der niemals erst nötig hatte, sich zu der Anerkennung der Wissenschaft als etwas Besonderem mühsam durchzuringen. Aber leider, leider gibt es ja gar keine Wissenschaft des liberalen Judentums. Es gibt eine protestantische Bibelkritik, die zerstörend und krittelnd versucht hat, die Echtheit der alttestamentlichen Berichte zu vernichten, die glaubte, es könne gewiß nichts schaden, wenn man vom Edelrost des „auserwählten Volkes“ etwas abkratze, und die stets mit nicht mißzuverstehender judentumsfeindlicher Tendenz die Entwicklung der ethischen und philosophischen Ideen im Alten Testament in möglichst junge Zeit herabzurücken sich bemühte, während sie umgekehrt beim Neuen Testament die genau entgegengesetzte Tendenz verfolgte. Zwei, drei im liberalen Lager stehende Rabbiner haben kleine unbedeutende Monographien veröffentlicht, die ganz abhängig von ihren protestantischen Lehrern sind, und diese nicht einmal beachteten Arbeiten fügen sich in den vorhandenen judentumsfeindlichen Rahmen ein. Eine jüdische bibelkritische Arbeit gibt es jedoch nicht. Hajim Stein thal hat das oft genug beklagt. Diese protestantische Bibelkritik, die heute für das liberale Judentum „die Wissenschaft von der Bibel“ darstellt, hat den uralten hebräischen Gottesbegriff von der hohen historischen Stelle herabgezerrt, auf der er geboren ist und die ihm gebührt, und hat ihm eine angeblich „religionsgeschichtliche Entwicklung“ gegeben, die er nicht hatte, die aber den Ruhm des „auserwählten Volkes“ erheblich herabsetzt. Man erfand die Monolatrie des jüdischen Volkes. Unsere Väter hätten gar nicht von Moses die Lehre von dem einen Gott empfangen, sondern sie hätten nur einen einzigen Götzen gehabt. Wie die Moabiter ihren Spezialgott Kemosch, so hätten die Juden einen Spezialgott gehabt, neben dem nach ihrem Glauben die Götter aller anderen Völker ebenso real gewesen seien. Bei dieser angeblichen Wissenschaft war der Wunsch der Vater des Gedankens. Es ist doch auch wirklich unerträglich, daß gerade die Juden den Glauben an den einzigen Gott in die Welt gesetzt haben. Der Gott unserer Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jaakobs sollte zu einem Sondergötzen hebräischer Beduinen werden. Der große geniale Wurf hebräischen Stammesgeistes wurde in eine „langsame Entwicklung“ umgemodelt, wie sie bei allen Völkern, bei den Griechen und schon vorher bei den Babyloniern von selbst zum Monotheismus führen muß. In dieser Wissenschaft können wir, die wir nicht nötig haben, erst liberal zu werden, weil wir in der Verehrung der reinen Wissenschaft groß geworden sind, nicht jene Freiheit erkennen, die wir auch den religiösen Urkunden des Judentums gegenüber selbstverständlich walten lassen. Wir vertreten wirklich nicht bloß mit Worten den in der Monatsschrift „Liberales Judentum“ gesagten Satz: „Wir haben eine geschichtliche Religion. Unserer Väter Religion ist unsere Religion, der Gott unserer Väter ist unser Gott.“ Eine Wissenschaft, die aus unserer Väter Gott einen Stammesgötzen machen wollte, ist für uns keine freie Wissenschaft. Eine andere, etwa von liberalen Juden begründete oder gepflegte Bibelwissenschaft gibt es nicht. Deshalb muß das liberale Judentum, wie es dies bisher getan hat, weiter die judentumsfeindliche protestantische Bibelkritik für ihre Bibelwissenschaft ansehen, oder ihre Anerkennung der Freiheit der Wissenschaft gegenüber den religiösen Urkunden ist eine inhaltslose Phrase, über deren Inhaltlosigkeit sich nur die Wortführer des liberalen Judentums infolge völliger Unkenntnis der einschlägigen wissenschaftlichen Materie noch unklar geblieben sind. Indem das Organ der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland“ der Väter Gott anerkennen will, was wir ihm wiederum hoch anrechnen, ist es der Meinung, keine neue Religion zu schaffen, „ja nicht einmal eine neue religiöse Anschauung auszusprechen“. Aber hier befinden sich die Wortführer dieses angeblich liberalen Judentums insofern im Irrtum, als die Reform, deren bewußte Fortsetzung sie sind, das alte Judentum durch ein neues ersetzte, das gerade religiös vom historischen Judentum grundverschieden ist. Denn bis dahin hatte das Judentum niemals ein Dogma gehabt. Sogar die selbstverständliche Grundlage alles jüdischen Denkens, unser unerschütterlicher Grund, die Einheit unseres Gottes, ist kein Glaubensartikel, sondern ein Gesetz. Nämlich das Gesetz: „Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen.“ Der vom Reformjudentum zum Propheten gemachte Moses Mendelssohn sprach es klar aus, daß das Judentum keine religiöse Glaubenslehre, sondern ein geoffenbartes Gesetz habe. Die neue Religion, die die in Anlehnung an das Reformations-Christentum gegründete „Reform“ in die Welt setzte, war die Betonung des Glaubens im Judentum. Erst die Reform schuf im Judentum eine Dogmatik, und das zu einer Zeit, wo das liberale Christentum, das man sich zum Vorbild nahm, bemüht war, sich in etwas von den Fesseln der Dogmatik zu befreien oder sie mindestens ein wenig zu lockern. Ganz entsprechend schreibt der Wortführer des liberalen Judentums: „Wir stehen fest und unerschütterlich auf dem Boden der objektiven Religion, wir erkennen die absolute Autorität der göttlichen Wahrheiten und sittlichen Forderungen an. Sie sind uns unantastbare Offenbarung, in welchem Sinne auch dieses theologische Wort genommen werden mag. Sie sind uns, wenn ich dieses Wort gebrauchen darf, dogmatische unerläßliche Forderungen.“ Das ist wahrhaftig eine ganz neue Religion. Es ist die objektive Religion. Aber „die objektive Religion“ zu sein, gegenüber der jede andere nur eine subjektive ist, beansprucht jede allein-seligmachende Religion. Und hier sehen wir deutlich, welche reaktionäre Macht sich hier des Namens des Liberalismus bedient. Eine neue allein seligmachende Religion, die sich „die objektive Religion“ nennt, die in das Judentum, das stets liberal war, unter dem angemaßten Namen „Liberalismus“ eine Dogmatik, d. h. die Reaktion einführt. In demselben Zusammenhänge erklärt der Wortführer dieser neuen jüdisch-liberalen Religion die dogmatischen Forderungen als unerläßlich und die Rabbiner als die Vertreter der objektiven Lehre. Selbstverständlich die liberalen Rabbiner. Denn andere Rabbiner haben wohl niemals den Anspruch erhoben „die Vertreter der objektiven Lehre“ zu sein. Vielmehr hat die in der Fabel von den drei Ringen, die bereits im Mittelalter den orthodoxen Juden in den Mund gelegt wird, klar gekennzeichnete Lehre von der Gewissensfreiheit im Judentum, das, bei aller Ueberzeugung von seiner inneren Wahrheit, sich niemals für „die objektive Religion“ gehalten hat, zu allen Zeiten die moderne Forderung von der subjektiven Religion gelten lassen. Die Lehre war frei. Nur

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