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Die Welt · 1912-11-22 · 47 (22.11.1912) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
47 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT IEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRQ. BERLIN, 22. November 1912 umhlh Y'cnn 'X 3"' ,^-Q Nr. 47. Ist das wirklich Liberalismus? I. In voller Oeffentlichkeit tagten vor kurzem die Delegierten und Mitglieder der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland“, — in voller Oeffentlichkeit, aber unter gänzlichem Ausschluß aller vielleicht andersdenkenden Juden. Das hatte einen großen Vorzug. Infolgedessen konnten alle Beschlüsse ohne Widerspruch und einstimmig angenommen werden, und da dies offenbar liberal ist, so empfehlen wir dieses praktische Vorgehen zur Nachahmung. Besonders erfreulich ist es, daß die vorher ausgearbeiteten und festgelegten Richtlinien, auf die sich die liberale Vereinigung für so lange festlegt, als es tunlich erscheint, einstimmig angenommen wurden. Denn damit erfahren wir endlich einmal, wenn auch noch immer in nicht ganz klaren Begriffen, was sich die Wortführer des angeblich liberalen Judentums unter liberalem Judentum vorstellen. Das ist besonders uns interessant, deren Väter und Vorväter bereits als kämpfende Genossen dem echten Liberalismus angehörten. Dieser echte, politische Liberalismus würde, wenn er seinen eigenen Vorteil gut versteht, wohl daran tun, von dem weit abzurücken, was hier an Talmiware unter seinem Namen angeboten wird. Denn mit dem, was rnan als Liberalismus sonst kennt, hat das neue liberale Judentum durchaus nichts zu tun, um so mehr, als es ja eine alte Tatsache ist, daß die wirklich demokratischen Elemente im Judentume immer gesetzestreue und stammesstolze Juden waren, daß dagegen die Mitglieder der Reformgemeinde und ihr Anhang — und das ist eben das liberale Judentum — schon in den ersten Jahrzehnten ihrer Tätigkeit sich bemühten, so weit politisch konservativ zu sein, als die judenfeindlichen konservativen Machthaber das durch ihre gegenteilige Politik zuließen. Treues Festhalten am alten Judentum, an Stammeseigenart und Stammesformen, ging stets einher mit echtem demokratischem Bürgersinn. Das hängt auch mit der sozialen Schichtung der deutschen Judenheit zusammen, in der die allerreichsten Kreise am meisten der Versuchung unterlagen, aus dem Judentum hinauszustreben, während die Verlockung durch Reserveoffizier- Uniformen und bürgerliche Ehrenstellen sowie durch Ordensauszeichnungen auf die weniger reichen jüdischen Stammesgenossen nur wenig einwirken konnte. In jüngster Zeit hat das liberale Judentum wiederholt das Bestreben gezeigt, aktiv zu werden, während es ein Jahrhundert lang nur der Durchgangspunkt vom alten Judentum zur Taufe gewesen war. Es bleibt abzuwarten, wie weit ihm das gelingt. Von unserem Standpunkte der Erhaltung des Judentums aus wäre es sehr freudig zu begrüßen, wenn es gelingen sollte, das liberale Judentum nicht bloß künstlich zu galvanisieren, sondern ihm die Kraft der Erhaltung zu geben, damit es nicht immer mehr zur Religionslosigkeit und völliger Aufgabe des Judentums führt. Wir werden uns am meisten und neidlos über diesen Verjüngtingsprozeß freuen, wenn er erfolgt. Aber erst müssen wir sehen, daß die Gruppe, die sich heute liberal nennt, und zu der kein einziger gehört, der von links gekommen ist, nicht bloß die von der alten Ghetto-Erziehung der kleinen posenschen Orte Abgefallenen auf nimmt, sondern anfängt, auf die Gruppe links von ihr Anziehungskraft auszuüben. Die in Posen angenommenen ,,Richtlinien“, erwecken diese Hoffnung nach keiner Richtung. Dazu sind sie zu schwächlich, und Schwächlichkeit hat keine werbende Kraft. So lange aber der Liberalismus nur die aus Bequemlichkeit von der Orthodoxie Abgefallenen umfaßt, bleibt er, was er gewesen ist: die Durchgangsstation für die schwächeren Elemente des Judentums, die sich, meist ohne ihr eigenes Wissen, auf dem Wege aus dem Judentume heraus befinden. Aber selbst, wenn es der liberalen Vereinigung gelingen sollte, auch nur diesen Uebergang aus dem Judentume heraus zu verlangsamen, so wäre das schon ein, wenn auch kleiner Gewinn und würde ihre Existenz rechtfertigen. So stehen wir der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland“ ohne Uebelwollen gegenüber, und wünschen nur, daß sie weniger unfruchtbar wie bisher sein möge. Freilich bewegt sich die Vereinigung ganz und gar in den Fußtapfen anderer. Sie hinkt, ohne sich dessen bewußt zu sein, hinter der für sie vorbildlichen protestantischen Theologie einher. Daher betont sie immer und immer wieder: „Die Anerkennung der Freiheit der Wissen-

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