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Die Welt · 1912-11-15 · 46 (15.11.1912) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1436 ==:..■ , .D 1 E 3ffiTE LT ■ - NT. 46 den jüdischen Emigranten kann man Zeuge der rührendsten Abschiedsszenen sein. An den kleinsten Bahnhöfen in Polen, Littauen und im eigentlichen Rußland werden Ströme jüdischer Tränen vergossen; cs weinen, die in die Ferne ziehen, und es weinen, die Zurückbleiben. Kein Wunder also, daß die Abschiedsmotive im jüdischen Volkslied eine solche Rolle spielen. Sicherlich am meisten von allen kehrt das schicksalsschwere Wort „Amerika“ wieder. Unter den acht Millionen Juden Rußlands und Galiziens gibt es nicht eine, aber buchstäblich nicht eine einzige Familie, die nicht irgendwie durch eines ihrer Glieder mit dem neuen Lande verbunden wäre. So klingt es wieder in den Liedern: Es weinen die Kinder, die ihre Eltern verloren, und die Eltern, die ihre Kinder verlassen haben. Brüder reißen sich los von den Schwestern. Es weint die alte Mutter, wenn der Brief des Sohnes aus Amerika kommt. Und mit Tränen in den Augen, hoffend auf das künftige Glück, wenn sie alle „drüben“ beisammen sein werden, wiegt die junge, einsame Mutter ihr Kind in den Schlaf. Wer kennt nicht das Lied? In den weltentlegensten jüdischen Winkeln wird es gesungen: „. . . In Amerika ist der Tate Deiner, üju — Gju — Gju! Du bist noch a Kind, l’eiß ate (einstweilen), Schlof-ze, Sühn’, ju-nju! Er wet schicken zwanzig Doller, Sein Portret derzu, Und wet nehmen — leben soll er! — Uns ah in zu — zu. Er wet chapen uns zu kissen, Tanzen as vor Freie!, Ich well Quallen. Tränen (Ströme von Tränen) Weinen stiller — heit. [gießen, Bis es kommt dos gute Quittei (Briefchen) Schlof-ze, Iju-lju-lju! Schiofen is a taier (köstliches) Mittel, Schlof-ze, Sühn, ju-nju.“ Natürlich nimmt das Wiegenlied, wie bei allen Völkern, so auch im jüdischen Volksgesang, einen bedeutenden Platz ein. Hier haben wir die ideale jüdische Mutter der Gasse vor uns, die da vor ihrem Kinde im Wiegenlied alle Träume, alle Hoffnungen, alle Sorgen und Kümmernisse ihres Herzens ausschüttet. Hier haben wir das Weib des einzig waffenlosen Volkes vor uns — und wenn sie Zukunftsbilder malt, so sieht sie ihren Sohn nicht auf dem Schlachtfeld, das er durchmessen wird als stolzer Sieger auf weißem Roß, sie sendet ihn nicht aus, daß er Rache nehme an ihren Beleidigern und Peinigern. Im jüdischen Volkslied — und diese Merkwürdigkeit verdient hervorgehoben zu werden — findet sich das Rachemotiv überhaupt nicht vor. Der „Feind“ ist wie vergessen — er wird, mehr aus Verachtung, völlig ignoriert. Gewiß, man lebt nicht gut, gar nicht gut — aber mit seinen Beschwerden und Reflexionen tritt der Jude vor Gott. Gottes allein ist es, die Verantwortung für alles zu tragen —- natürlich, jeder Jude trägt sie mit. Es ist auch ein Held, von dem die Mutter an der Wiege des Söhnchens träumt, aber keiner des Schlachtfeldes — es ist ein Held des Geistes, ein Ritter der heiligen Lehre: „. . . Deine jungen Johrelach Bin ich dir mekane (neide ich dir), West (wirst) doch sain a grejßinker (Wirst doch groß werden), West doch sain a tane (Meister), West daine Eltern beschützen und beschämen, Paßt doch nit für dir, sollst pischtsch'enen (greinen) und weinen.“ Aber die Volkslieder sind nicht nur ein Born von Poesie, sondern auch von Volksweisheit, von eigenartiger Lebensphilosophie. Hier begegnen wir zuvörderst jenem unverständlichen, unverwüstlichen Optimismus: Alles Unglück, alle Leiden und Verfolgungen werden als eine Art Mißverständnis, als Zufall betrachtet. Sie stürzen den Juden nicht in Zweifel — er hält sich vielmehr für den geborenen Aristokraten, glaubt immer an seine Auserwähltheit und verschmäht es jedenfalls, vor die Außenwelt als Verzweifelter hinauszutreten, Er steht über dem Verfolger, er ignoriert ihn und will sich nicht durch Rachegefühle erniedrigen. Im Gegenteil, so klingt das jüdische Lied: „As men zapt von mir dos Blut arois (wenn man mir das Blut abpreßt) Un men mutschet (martert) mich pomelach (frei: stückweis), Lach ich mich gut fun maine Ssonim (Feinde) ois Un geh mir gor a Frejlach (Und tanz mir einen ,Fröhlichen*).“ Und wenn wir von dem gläubigen Optimismus sprechen, dürfen wir die ganz besonderen Beziehungen des Juden zu Gott, wie wir sie im Volkslied antreffen, nicht unerwähnt lassen. Man versteht gar nicht, wie sonst diesem jüdischen Gotte die Attribute der Härte und Strenge zugemessen werden können — so traulich-heimelig, so freundlich-harmlos, so im höchsten Grade familiär ist das Verhältnis des Juden zu seinem Gotte. In allen jüdischen Legenden ist Gott ein weicher, gütiger Vater, der oft strenge straft, der aber selbst Reue und Mitleid hat und Tränen vergießt, da er die Leiden seiner Kinder sieht. Nur ein Volk, das ein so wunderbares Poem vom Tode des Messias geschaffen hat, bei dem man selbst im Zweifel ist, wer der Hilflosere, der Rührendere ist, Gott oder Messias, nur ein solches Volk konnte eine so warme Innigkeit, eine solche Intimität seinem Verhältnis zu Gott zugrunde legen. Da gibt es keine ersterbende Furcht, ja nicht einmal den Respekt im gewöhnlichen Sinne. Gott ist der wahrhaftige Vater, und einen Vater bittet man, gegen einen Vater darf man sich auch einmal eine Laune gestatten, und man stellt an ihn Forderungen — denn ein Vater hat seine Verpflichtungen nicht weniger als die Kinder ihm gegenüber. Was die Liebeslieder betrifft, so müssen wir ohne weiteres zugeben, daß es ihnen an Farbe gebricht, cs fehlt an Tropen, an Bildern — die Seele ist zum Ueberfließen voll, doch wie kündet man das in Worten, wo die Worte mangeln? Da erzählt ein Lied vom Verliebten, der seinen Herzensschatz mit einer Blume beschenken will und sie nicht zu benennen vermag. Schuld daran sind jedoch nur die besonderen jüdischen Bedingungen. Die jüdischen Volkslieder sind eben Goluslieder, die geschaffen wurden fern, fern, von Garten, Wiese und Wald, geschaffen in dem Lande,

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