Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 46 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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=0 v o =9 / FEUILLETON o fr □ □ □ □ □ □ O .——- VS . ■ - —.— .- ' -- .■ O □□□□□□] Das jüdische Volkslied Von Sch. Gorelik Mein Freund, Herr Leo Winz, führte vor einiger Zeit, bevor er an die Veranstaltung der bekannten Konzertabende ging, einem kleinen geschlossenen Kreise jüdische Volkslieder vor, um ihm so jene unbekannte Welt von eigenartiger Melodik zu erschließen, die sich dem Ohr des modernen Europäers als ebenso neu wie unerwartet offenbart. Dem intimen Publikum, das sich eingefunden hatte, um diesen Liederklängen voll Trauer und Trost zu lauschen, hatte auch ich das Vergnügen, angehören zu dürfen. Und seltsam: Diese Lieder, die ich von Kind auf gehört hatte als Lieder der Straße in den jüdischen Städtchen Littauens und Polens, als Weisen, die mir meine Mutter gesungen, als unsere Kindersänge am Feiertagstisch oder an herbstlichen Abenden - diese Lieder haben in der modernen Umgebung an Kraft der Wirkung nicht nur nichts eingebüßt, im Gegenteil: eine Flut von Erinnerungen rührten sie in mir auf. Es schien mir, als hätte sich mein Blick mit der Entfernung geschärft. Es gab da Lieder, deren Wert ich erst jetzt auf dem fremden Boden erkannte und richtig einzuschätzen verstand, nicht etwa darum, weil ich sie daheim jeden Tag hörte und Gewohnheit die Wirkungen abstumpft. Es war wohl das Entferntsein an sich, das alle inneren Sympathien verstärkte. Und ich hatte den stillen Wunsch, daß sich meine Empfindungen auch auf andere übertrügen, und zugleich wollte ich die eigenen Eindrücke bannen und für eine Zeit Festhalten. Die Gedanken aber flogen heimwärts ins Vaterstädtchen. Aermlich-gedrückte fromme Häuschen, kleine Fenster und viel, viel jüdische Kinder, die bei diesen wehmutsvollen Liedern großgezogen werden. Und unwillkürlich mußte ich an die seelenwarmen, wundervollen Worte der Liebe denken, mit denen einer unserer Besten sich an die Kinder wendet: ,,Oj! Mir soll sain, jiddische Kinderlach, For aiere koschere Ejgelach . . (Oh! [Wenn euch etwas droht] jüdische Kinderlein, Mags mich treffen, statt euerer reinen Aeugelein . . .) Die folgenden Zeilen sind geschrieben unter dem Eindruck, den die Lieder an jenem Abend im intimen Kreise auf mich machten. Vielleicht werden einige Bemerkungen über Charakter und Wesen des jüdischen Volksliedes für den Leser nicht ohne Interesse sein. * Einer unserer modernen jüdischen Poeten hat einmal sein Volk im Bilde eines doppelgestaltigen Wesens gezeichnet: Bei Tage vor der großen öffentlichen Welt, in den Straßen und Gassen handelt und wandelt er, kauft und verkauft er als ein richtiges, mageres, armseliggedrücktes Jüdchen, oder besser als „der Jude“, doch kommt der Abend, dann wirft er den Schachersack ab, reckt sich in die Höhe und verträumten Auges sucht er nach der letzten Wahrheit, nach Sinn und Ziel dieses Lebens. Eben diese Zweigestaltigkeit, dieser Dualismus wird sich für jeden auftun, der sich die Mühe nimmt, in die auf den ersten Blick einfachen, in Wirklichkeit aber sehr tiefen Lieder einzudringen. In ihnen spiegelt sich durchaus nicht das „Tagsüber“, das Wache und Lärm vo 11- Rauschende wieder. In diesen Liedern ist der Jude bei sich zu Hause, daheim mit seinen Träumen und Hoffnungen. Und merkwürdig: alle, sie alle stehen in vollkommenem Widerspruch zu dem, was die Umgebung, die Nachbarn, was die anderen Völker als Wesenskern der jüdischen Natur betrachten. Für den Europäer von heute ist der Jude des Ostens das elendste, das skeptischeste, das hastende, das heimatlose Geschöpf kaf exochen - und nun: was in den jüdischen Volksliedern vor allem entzückt und erstaunen läßt, das ist der stille, elegische Ton, die Innigkeit, die Festigkeit, der Glaube, ist — der Optimismus. Der ewige Commis voyageur, der Agent und Vermittler, der so oft und so rasch eine Stadt, ein Land gegen das andere eintauscht — hier in diesen Liedern ist er ein ausgesprochen konservatives und am Orte beharrendes Geschöpf. Für niemand in der Welt ist der Abschied von einem Ort so schwer wie für einen Juden. Noch bis auf den heutigen Tag ist das „Wegfahren“ für den Juden eine der schwersten Katastrophen. Gerade und mir bei An unsere Leser/ Bestellungen auf Einbanddecken für den Jahrgang 1912 der „Welt“ werden schon jetzt entgegengenommen. Preis einer Einbanddecke inkl. l orto und Verpackung Mark 2,50. — Auch im nächsten Jahre werden wir jede Woche eine Anzahl von Exemplaren derWelt“ auf holzfreiem Papier herstellen lassen. Wir empfehlen unsern geehrten Lesern, insbesondere aber allen Vereinsbibliothek'en, Archiven usw. den Bezug dieser besseren Ausgabe der „Welt“. — Die Ausgabe kann selbstverständlich nur an gansjährige Abonnenten geliefert werden und kostet Jiir Deutschland und Österreich-Ungarn Mark 18,— pro Jahr für alle übrigen Länder.. 24,— „ ,, Der gebundene Jahrgang 1912 auf holzfreiem Papier kann ab Januar zum Preise von Mark 25,— bezogen werden. — Wir empfehlen insbesondere zu Geschenkzwecken die Anschaffung dieses Jahrganges. Verlag „Die Welt“.