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Die Welt · 1912-11-15 · 46 (15.11.1912) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46 1427 DIEX^ELT Arbeiter gleichzeitig Konsumenten der Ackerbau- Produkte sind. Einen neuen Stimulus erhielt die jüdische Kolonisation in Amerika, als nach dem Pogromjahr 1889 Baron Hirsch einen Fonds von 2 400 000 Dollar zugunsten der vertriebenen Flüchtlinge spendete. Zur Distribution, teils des Hirsch-Fonds, teils der' von der Ica zur Verfügung gestellten Mittel, bildete sich 1900 die Jüdische Ackerbau- und Industrie - Hilfsgesellschaft, die sich im § 1 ihrer Statuten die „Verbreitung und Förderung des Ackerbaues unter den Juden der Vereinigten Staaten" zur Aufgabe stellt, daneben aber auch die Industrie, besonders, soweit diese in unmittelbarer Beziehung zur Landwirtschaft steht, in ihren Tätigkeitsbereich einschließt. Die Hauptaufgabe dieser Gesellschaft ist es, jüdischen Ackerbauern Darlehen im durchschnittlichen Betrage von 500 Dollar zu gewähren, und zwar in Gestalt von zweiten, dritten oder sogar vierten Hypotheken. Im Jahre 1911 hatte die Gesellschaft Darlehen im Betrage von 686 657 Dollar ausgegeben. Daneben geht sie dem Farmer in der Auswahl des Landes, für dessen Bewirtschaftung er und seine Hilfsmittel sich am besten eignen, zur Hand. Als wichtigstes Lehrmittel für diese jüdischen Kolonisten begründete die Amerikanische Hilfsgesellschaft eine in jüdischer Sprache abgefaßte Zeitschrift: „Der jüdische Farme r", eine illustrierte Monatsschrift, die vorwiegend landwirtschaftliche Interessen behandelt, Aufklärungen auf diesem Gebiet gibt, und die jetzt ca. 5000 Abonnenten hat. Der gleiche Zweck der beruflichen Belehrung wird durch Wanderlehrer und die regelmäßigen persönlichen Besuche von Fachleuten auf den Jüdischen Farmen verfolgt. Um die Kinder jüdischer Farmer für den Beruf der Eltern zu erwärmen, hat die Hilfsgesellschaft Stipendien ausgesetzt, deren Besitzer im Winter an den Kursen der staatlichen Landwirtschaftsschulen kostenlos teilnehmen können. Ist der junge Landmann zum praktischen Arbeiter herangereift, so vermittelt ihm ein spezielles Arbeitsbureau die Gelegenheit, sich erst auf verschiedenen Gebieten der Agrikultur dienend zu betätigen, um vor dem selbständigen Erwerb von Land die nötige Erfahrung zu sammeln. Mehr als 200 junge Leute sind bisher durch das Bureau als Arbeiter auf Farmen untergebracht worden. Eine andere Gesellschaft, die ebenfalls den Pogromjahren ihre Entstehung verdankt, ist die Jüdische Ackerbauer-Hilfsgesellschaft, die in Kooperation mit dem zuvor genannten Institut steht, ebenfalls Darlehen an jüdische Farmer gewährt und seit 1888 über 400 Familien die Ansiedlung auf Regierungsland ermöglicht hat. Die genaue Anzahl der in landwirtschaftlichen Berufen tätigen Juden läßt sich bei der ungeheuren Ausdehnung der Vereinigten Staaten kaum abschätzen. Mit Sicherheit ließ sidh bei einer kürzlichen Enquete der Hilfsgesellschaft feststellen, daß sich auf 3438 jüdischen Farmen 3718 Familien, insgesamt 18 590 Seelen, befinden, die ein Terrain von 437 265 Acre Land im Werte von 22194 335 Dollar bewirtschaften. Die tatsächlichen Siedlungsverhältnisse würden indessen wohl durch doppelt so hohe Ziffern zu bezeichnen sein. Trotz der Jugend dieser gesamten Bestrebungen ist das jüdische Ackerbauwesen keineswegs in hohem Maße von Wohltätigkeitsinstituten abhängig. Am besten von allen jüdischen Kolonien haben diejenigen in den Staaten New York und New Jersey prosperiert; im ersteren gibt es 715, im letzteren ca. 1000 jüdische Farmen; diese sind durchaus nicht alle von den großen amerikanischen Hilfsgesellschaften gegründet, sondern zum großen Teil aus eigenem Antrieb einer Gruppe von Einwanderern oder Arbeitern, die ihre Ersparnisse im Erwerb von Ackerboden anlegten, entstanden. Diesen Siedlungen, die häufig mit schwierigen Boden- und Wirtschaftsverhältnissen zu kämpfen hätten, kamen dann allerdings die Institute zur Förderung jüdischer Landwirtschaft in weitgehendem Maße zu Hilfe, nicht allein durch bare Unterstützung, sondern, indem eine einsichtige Verwaltung dem Farmer Absatzmärkte schuf, z. B., indem sie in der Nähe der Farmen Konserven - und andere Fabriken anlegte, die als Konsumenten der Bodenprodukte fungierten und zugleich den Ackerbauern die Möglichkeit einer Nebenbeschäftigung boten. Alle Branchen der Landwirtschaft sind in diesen Siedlungen vertreten, doch scheint aus den Berichten der Jüdischen Ackerbau- und Industrie- Hilfsgesellschaft hervorzugehen, daß sie hauptsächlich die Einrichtung von Obstkultur und Milchwirtschaft protegiert, was sich auch — besonders bei Farmen in der Nähe großer Städte — vielfach bewährt hat. Außerdem machen die Farmer in den beiden genannten Staaten aus der A u f n a h m e v o n L o g i e r - gästen ein Nebengeschäft, jedoch nicht in höherem Maße, als dies andere Farmer der Umgegend tun. Sobald es tunlich ist, gewöhnen die Hilfsgesellschaften den Farmer daran, sich allmählich v o n ihre r Unterstützung zu emanzipieren, was ihnen in Hunderten von Fällen bereits vollständig geglückt ist. Eine besonders interessante Form von jüdischer Siedlung ist die Kolonie Woodbine in New Jersey, die 1891 aus dem Baron-Hirsch-Fonds gegründet wurde und heute ca. 30 jüdische Farmer hat. Diese Siedlung, die sich agrikulturell infolge der spärlichen Bodenverhältnisse nicht recht entwickeln konnte, wuchs sich mehr zu einer landwirtschaftlich industriellen Kolonie aus, indem sich neben einer Werkzeugfabrik fünf Textilfabriken auftaten, die mehreren hundert Personen Arbeit gewähren. Woodbine ist das einzige munizipale Gemeinwesen des Landes, das durchweg von Juden verwaltet wird. Seine sämtlichen öffentlichen Institute, wie Schulen, Bäder, Feuerwehr, Gotteshäuser usw. sind ausschließlich auf jüdische Verhältnisse zugeschnitten. Eine jüdische Kolonie auf rein kommunistischer Grundlage findet sich im Sacramento- Tal (Kalifornien), wo vorwiegend Orangenkultur und Geflügelzucht betrieben wird. In Utah ist eine Gruppe von 15 Farmern, die auf kooperativer Basis arbeitet, dabei, den Boden für eine Ansiedlung von 150 Familien urbar zu machen, die je 40 Acre Land mit Weizen, Hafer und Luzerne bestellen sollen. Sehr interessante Ausblicke eröffnet das soziale Leben der jüdischamerikanischen Farmer, das sich in fast allen Fällen — wie die gesamte jüdisch-amerikanische Kolonisation — aus sich selbst heraus zu bilden beginnt, jedoch durch von außen kommende Hilfe gefördert wird. So entsendet z. B. die New Yorker Chautauqua Rabbiner auf die Farmen, urn Gottesdienst abzuhalten, oder die Landwirtschafts- und Hilfsgesellschaft errichtet, wie in South Jersey, Bibliotheken, Hör- und Versammlungssäle, schafft Turnvereine usw.

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