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Die Welt · 1912-11-15 · 46 (15.11.1912) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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antisemitisches Credo offenbarte. Die Zumutung, jüdische Wähler sollten für einen Verfechter jüdischer Rechtseinschränkungen stimmen, ist charakteristisch für die Polen, denen die Verachtung der Juden in Fleisch und Blut übergegangen ist und die von den jüdischen Assimilanten in ihrer Ueberzeugung bestärkt werden, die Juden würden es nie wagen, ihre eigene Sache zu verteidigen. Kein Wunder also, daß trotz der so ausgeprägten jüdischnationalen Physiognomie des jüdischen Wahlmännerkollegiums die polnische Gesellschaft und ihre Presse sicher waren, daß sich die Juden nicht herausnehmen würden, die Kandidatur Kucharzewskis zu bekämpfen. Als dies aber wider Erwarten geschah und die jüdischen Wahlmänner mit einem Polen aus einer linksstehenden Partei, Herrn J a - g e 11 o, als den einzigen Anhänger der jüdischen Gleichberechtigung, Verhandlungen unternahmen, begann in der gan zen polnischen Presse eine Hetze gegen die Juden. Diesen Angriffen schlossen sich, wie zu erwarten stand, in würdiger Weise auch die jüdischen Assimilanten an. Für diese war schon das jüdische Wahlmänner-Kollegium ein furchtbarer Schlag, der die Assimilation vor der polnischen Gesellschaft kompromittierte und die Legende von der Macht und dem Einfluß der Assimilanten bei der jüdischen Masse zerstörte. Es wurden gegen das jüdische Wahlmänner-Kollegium Proteste verfaßt, in denen sogar zur Politik der Provokation Zuflucht genommen wurde, indem das gesamte Judentum Polens — mit Ausnahme natürlich der einigen hundert Protestler —- der Feindseligkc.il gegen Polen beschuldigt wird. IJm so erfreulicher ist es. daß die 45 jüdischen Wahlmänner sich nicht ein schüchtern ließen, durch einmütiges Auftreten die Kandidatur Kucharzewskis zu Falle brachten und am §. November Herrn Jagiello in die Duma wählten. * Aus Warschau wird ferner zum Ergebnis der dortigen Dumawahl gemeldet: Die für Donnerstag, den 7. November, anberaumte Dumawahl verlief zunächst ergebnislos. Für Kucharzcwski wurden 35, gegen ihn 45 Stimmen abgegeben; der Kandidat der Arbeiterpartei Jagello erhielt 37, Dr. Alexander Lippstadt, ein jüdischer Rechtsanwalt, 33 Stimmen. Da keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit erlangt hatte, mußte ein zweiter Wahlgang für den darauffolgenden Tag angesetzt werden. Trotz des unerhörten Terrorismus der Polen und ihrer Verbündeten, der würdelosen jüdischen Assimilanten (von denen einzelne ,,führende Persönlichkeiten“ drohten, — sich taufen zu lassen, wenn die jüdischen Wahlmänner nicht den Erwählten des edlen Polenvolkes, den erklärten Antisemiten Kucharzcwski, wählen würden), und obgleich alle Mittel, von unverhüllten Pogrom- und Boykottdrohungen bis zu den schamlosesten Bestechungsversuchen angewandt wurden, um die jüdischen Wahlmänner den Wünschen der ,,unterdrückten“ Polen gefügig zu machen, beharrte das jüdische Wahlmännerkollegium bei seinem Entschluß, unter keinen Umständen die Wahl eines Abgeordneten zuzulassen, der sich nicht unbedingt zum Grundsatz der jüdischen Gleichberechtigung bekennt. Nur ein einziger jüdischer Wahlmann war umgefallen und hatte schon am Donnerstag für Kucharzcwski gestimmt, während ein anderer Jude der Wahlhandlung fernblieb. Bei dem zweiten Wahlgang am Freitag, den 8. d. M., stimmten nun die jüdischen Wahlmänner für den Kandidaten der Arbeiterpartei Eugen J a g e 11 o , der sich verpflichtet hatte, für die absolute Gleichberechtigung der Juden einzutreten. Jagello erhielt auf diese Weise die absolute Majorität (43 Stimmen), während für Kucharzewski 34 und für Dr. Lippstadt 36 Stimmen abgegeben wurden. Jagello wurde also zum Dumaabgeordneten von Warschau gewählt. In jüdischen Kreisen Rußlands herrscht Befriedigung über die Standhaftigkeit der jüdischen Wahlmänner, wenn es auch nicht an einigen Stimmen fehlt, die bedauern, daß die Warschauer Juden nicht noch weitergegangen sind und einen Juden gewählt haben. Manche Kreise halten die Rücksicht auf die nationale Empfindlichkeit der Polen, die sich ihrerseits, wo die „Wahlgeometrie“ für sie günstig ist, gar kein Gewissen daraus machen, die Juden zu vergewaltigen (in Wilna z. B. wollen die über eine Zufallsmehrheit verfügenden Polen den 250 000 Juden nicht ein einziges ihrer fünf Mandate abtreten!), nicht für angebracht. Die neue Duma (Von unserem Berichterstatter.) Odessa. Die Wahlen in die neue Duma sind so gut wie abgeschlossen. Von 442 Abgeordneten sind 440 bereits gewählt. Man weiß nun ganz genau, wessen man sich von dieser Duma zu versehen hat. Im Vergleich zu ihrer Vorgängerin hat die vierte Duma eine sehr beträchtliche Schwenkung nach rechts gemacht. Extreme Reaktionäre und Nationalisten allein sind unter den neuen Abgeordneten 227; es folgen dann SO Oktobristen und nur 133 Angehörige der verschiedenen oppositionellen Parteien. Zu dieser Gruppe gehören übrigens auch die polnischen Abgeordneten, deren oppositionelle Gelüste bekanntlich nicht übermäßig groß sind und sich auf nichtpolnische Angelegenheiten kaum erstrecken. Namentlich in der J u d e n f r a g e könnten die Herren sehr wohl etwa zwischen Nationalisten und Oktobristen sitzen. Man sieht also, daß eine Besserung der jüdischen Lage von dieser Duma keineswegs erhofft werden darf. Im Gegenteil: der rüde Ton und die pöbelhaften Ausfälle gegen die Juden dürften liier eine noch häufigere Erscheinung sein als in der dritten Duma. Bei dieser Sachlage wird es um so schmerzlicher empfunden, daß die Hoffnung der jüdischen Bevölkerung auf eine wenigstens cj u a 1 i t a 1 i v gute Vertretung in der Duma, die den gemeinen Hetzen von rechts mit Würde und Geschick begegnen könnte, zunichte geworden ist. J ab o t i n s k y und Grusen borg werden nicht in der Duma sitzen. Auch Rechtsanwalt K a 1 in a n o w i t s c h , ein sehr fähiger Redner, der für das jüdische Mandat aus Kurland in Betracht kam, wurde im letzten Augenblick unter dem Vonvande aus den Wählerlisten gestrichen, daß er kein Zeugnis über Hochschulbildung vorgelegt habe, um daraus das Recht auf Gründer'werb außerhalb des Ansiedlungsrayons - die Vorbedingung des Wahlrechts — abzuleiten. Als ob man in Rußland ohne Hochschulbildung die Rechtsanwaltschaft ausüben könnte! Die jüdische Vertretung in dieser Duma besteht nun aus folgenden Personen: Rechtsanwalt Friedmann, der gewesene Abgeordnete der dritten Duma, der leider ein sehr unzulänglicher Redner ist, ferner Dr. Romasch aus Lodz und Dr. Hurwitz aus Kurland, beide bis jetzt wenig bekannte Persönlichkeiten. Die jüdischen Wahlmänner Warschaus haben keinen jüdischen Kandidaten gewählt. Von den 45 jüdischen Wahl man nenn forderten zweiunddreißig — die zionistische Gruppe — die Wahl eines jüdischen Abgeordneten, die übrigen bestanden hingegen auf der Wahl des sozialistischen Wahlmannes Jagello. Bei der Abstimmung erhielt der jüdische Kandidat Dr. Lippstadt nur 36 Stimmen. Um die Wahl Kucharzewskis zu verhindern, sah sich die Mehrheit der jüdischen Wahlmänner gezwungen, der Minderheit nachzugeben und für Jagello zu stimmen. Und so wurde denn der bescheidene polnische Arbeiter, der kaum Russisch versteht, unerwartet der Vertreter des jüdischen Warschau.

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