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Die Welt · 1912-11-15 · 46 (15.11.1912) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1422 DIETOELT Nr. 46 Kriegsschrecken in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Infolge des Krieges zwischen der Türkei und den Balkanstaaten sind zahlreiche jüdische Familien in größtes Elend geraten, da die Familienväter unter die Fahnen gerufen wurden. Angesichts der traurigen Situation, in der sich diese Familien befinden, deren Ernährer in den Krieg gezogen sind, hat die von den hiesigen jüdischen Klubs gemeinsam gebildete Kommission ein Hilfswerk organisiert und einen dringenden Appell an die jüdische Bevölkerung gerichtet. Zahlreiche Bewohner der Städte im Innern des Landes, z. B. in Istip, Köprülü und anderen, hauptsächlich Mohammedaner, haben voll Schrecken über das Vordringen der feindlichen Armeen in größter Hast ihre Wohnsitze verlassen und sich nach Saloniki geflüchtet. Es fehlt diesen Flüchtigen an Nahrung und Kleidung und man muß hier für sie sorgen. Unter ihnen befinden sich auch etwa 400 Juden, Männer, Frauen und Kinder. Die Unglücklichen haben große Märsche zurücklegen müssen, manche sind 14 Stunden hintereinander unterwegs gewesen. Unsere unglücklichen Brüder, die unter größten seelischen und körperlichen Qualen zu leiden haben, werden von der Stadtverwaltung nicht berücksichtigt, da diese nur für Unterkunft und Nahrung der Mohammedaner sorgt. Die Juden hat man wie gewöhnlich ihrem Schicksal überlassen. Die Kommission der jüdischen Klubs hat sich daher mit ihrer Unterbringung beschäftigt und hat auch die nötigen Maßnahmen getroffen, um für ihren Unterhalt während der ganzen Zeit ihres Aufenthaltes in Saloniki zu sorgen. Gaben aller Art strömten herbei lind die jüdische Bevölkerung zeigte wieder die rühmliehst bekannte jüdische Solidarität. Die Kommission der jüdischen Klubs hat auch den verwundeten Soldaten Hilfe zu bringen gesucht, indem sie den Roten Halbmond unterstützte. Die jüdischen Schulen eröffneten Subskriptionen zugunsten des Roten Halbmondes und alle jüdischen Gesellschaften beteiligten sich durch Spenden und Beschaffung des zur Pflege nötigen Materials an diesem Werk. Das Hirsch-Krankenhaus wurde seitens der jüdischen Gemeindeverwaltung zur Verfügung gestellt. Für die Juden der Türkei und der Balkanstaaten Berlin. Der Hilfsvereiri der deutschen Juden schreibt uns: Durch den Krieg auf dem Balkan ist in die jüdischen Gemeinden der kriegführenden Staaten, namentlich in Bulgarien und der Türkei, sehr großes Elend eingezogen. Schon die Unterhaltung derjenigen Familien, deren Ernährer unter die Fahnen gerufen worden sind, erfordert große Opfer. Die Schrecken und Verheerungen des Krieges haben abei weiterhin - besonders in der Türken über viele Tausende von Juden Unheil und Verderben gebracht. Aus den dringlichen Bittgesuchen, die dem Hilfsverein der Deutschen Juden täglich in großer Zahl zugehen, ist die Not dieser unglücklichen Opfer des Krieges, die mit Weib und Kind alles ini Stiche lassend, aus ihren Wohnstätten haben flüchten müssen, ersichtlich, und der Hilfsverein hat dementsprechend gemeinsam mit der Großloge für Deutschland U. O. B. B. unverzüglich eine geeignete Hilfsaktion in die Wege geleitet. Zur Linderung der ersten Not sind 10 000 Frs. zur Verfügung gestellt worden. Da die vorhandenen Mittel gegenüber den umfangreichen Anforderungen nicht -genügen, bittet er alle Freunde seiner Bestrebungen um möglichst reichliche Beiträge für diesen Zweck. Ueber die Schrecken des Krieges und die Leiden, die der Krieg besonders auch über unsere Glaubensgenossen auf dem Balkan gebracht hat, gibt auch nachfolgender Brief, der noch vor dem Falle Salonikis an ein Mitglied des Vorstandes des HilfsVereins gerichtet worden ist, beredte Auskunft. . . Die Worte fehlen mir, um Ihnen die Schrecken und die Not der Zeiten, die wir durchleben, zu schildern. Saloniki macht den Eindruck einer Stadt in Trauer. Unsere Gemeinde, die durch die ökonomische Krise aller ihrer Mitglieder seit dem türkisch-italienischen Kriege bereits verarmt ist, befindet sich jetzt, seitdem der Balkankrieg mit allen seinen Greueln zum Ausbruch gekommen ist, in der allerelendesten Lage. Die Stadt selbst sieht aus wie ein großer Friedhof. Wir Juden stehen vor der ungeheuren Aufgabe, solidarisch Hilfe zu leisten, und sind doch völlig unfähig, sie zu erfüllen. Es handelt sich zunächst um die bedürftigen Familien der israelitischen Soldaten, die ohne Mittel zurückgeblieben sind und die buchstäblich Hungers sterben müssen, wenn ihnen nicht Hilfe gebracht wird. Dazu kommt die große Schar eingewanderter Juden, die vor dem Kriege aus dem Innern geflohen sind und mit jedem Zuge ankommen. Es sind Arme, Greise, Frauen, Kinder, Kranke, ganze Familien aus Karaferia, Istip, Uesküb usw., die ihr Hab und Gut im Stiche gelassen haben. Es ist ein namenloses Elend mit seinem ganzen Gefolge von Schrecken, Trauer und Hilflosigkeit. Und es kommen alle Tage mehr. Wir sind schon überschwemmt; das Publikum gibt; es opfert sich auf, denn es leidet gleichfalls unter der schrecklichen Krise." Infolge der immer neuen Schreckensmeldungen, die aus allen Teilen der kriegführenden Staaten kommen, hat der Hilfsverein der Deutschen Juden gemeinschaftlich mit der Großloge für Deutschland U. O. B. B. die erste Rate für das Hilfswerk auf 25 000 Frcs. zu erhöhen beschlossen. Gegenüber der Größe des Elends, das von Tag zu Tag wächst, ist auch diese Summe nur sehr geringfügig. Daher werden alle Glaubensgenossen gebeten, weitere reichliche Spenden für die Opfer des Balkankrieges einzusenden. Die Geldsendungen sind zu richten an: Commerz- und Diseon to-Bank, Depositenkasse C, Berlin, Charlottenstr. 47, oder an den Vorsitzenden des Hilfsvereins der Deutschen Juden, Herrn Dr. James Simon, Berlin, Tiergartenstr. 15a, und an den Präsidenten der Großloge für Deutschland U. O. B. B., Herrn Geheimrat Timendorfer, Taubenstr. 16 IS. Auch die Alliance IsraeÜte Universelle hat für die jüdischen Opfer des Balkankrieges 25 000 Frs. bewilligt. Der Wahlkampf in Warschau (Von unserem Berichterstatter.) W a r s c h a u. Der jüdische Wahlkampf in Warschau, der das ganze Judentum Polens in wachsender Spannung gehalten hat, bildet einer, interessanten Beitrag zur Charakteristik der Situation der Juden. Bekanntlich haben die Juden in Warschau über eine Majorität der Wahlmänner verfügt und die Möglichkeit gehabt, aus ihrer Mitte eilten Kandidaten für die Duma zu wählen. Trotzdem haben die jüdischen Wahlmänner, von Rücksichten des Taktes gegenüber der polnischen Hauptstadt geleitet, die Resolution gefaßt, für einen Polen zu stimmen, der das Prinzip der jüdischen bürgerlichen Gleichberechtigung anerkennt. Diese Courtoisie der Juden den Polen gegenüber erwiderten letztere mit der gebieterischen Aufforderung, die Juden möchten ihre Stimmen für den offiziellen polnischen Kandidaten, Herrn Jan K u c h a r z e \v s k i, abgeben, der in seiner Programmrede sein

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