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Die Welt · 1912-11-15 · 46 (15.11.1912) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46 DIE2&ELT haus und Wald niedergebrannt, sein Vieh aus den Ställen geraubt, verbrannt oder in Massen verhungert. Das gleiche Schicksal hat alle anderen jüdischen Ansiedlungen auf rumelischem Boden ereilt. Tagtäglich kommen trübselige Haufen menschlichen Elends in Konstantinopel an: die Flüchtlinge aus dem Kampfgebiet. Solange die Eisenbahnzüge von Saloniki und von Adrianopel hierher noch verkehrten, hatten sie in diesen noch irgendwie Platz gefunden neben den stöhnenden Verwundeten und desertierten Soldaten, die von wahnsinniger Angst vor den sie verfolgenden Kugeln gehetzt waren, in den Vieh Waggons verstaut, auf den Trittbrettern, Plattformen und den Puffern hängend, auf den Dächern des Zuges hockend, mit Greis und Kind, in finsterer Nacht, unter den fürchterlichen Schauern ungewöhnlich kalter Herbstregenstürme. Jetzt hat auch diese Herrlichkeit aufgehört, und sie schleppen sich durch die Oeden hin zu Fuß, lange, lange Tage und entsetzliche Nächte hindurch, ln der wahnsinnigen Hast der Flucht haben manche Mütter ihre Kinder im Dunkel verloren und trotz aller herzzerreißenden Rufe nicht wiedergefunden; Kranke sind unterwegs liegen geblieben und gestorben, Schwangere haben am Wege entbunden. . . . Glücklich diejenigen, die in einem Ochsen wagen unterkriechen konnten; zu unzähligen Tausenden streben sie jetzt der rettenden Hauptstadt zu. Man muß in Stambul die endlosen Wagen- und Büffelreihen sehen, die die Straßen sperren und teilweise den Verkehr unterbrechen. Die scheuen, ängstlichen türkischen Frauen mit den weiten Pluderhosen und den verhüllten Gesichtem, aus denen nur die Nasenspitze hervorsieht, hocken mit ihrer Kinderschar mitten auf dem Pflaster. Und das ist ein Idyll, solange es nicht regnet. . . . Die jüdischen Flüchtlinge sind noch die glücklichsten. Sie bleiben wenigstens nicht auf der Straße liegen. Ihnen öffnen sich Synagogen und Wohnhäuser, ihnen öffnen sich brüderliche Arme. Niemals habe ich eine solche Hochachtung vor unseren armen und. ärmsten Juden von Balat empfunden, wie in diesen Tagen. Es ist rührend, wie sie sich der unglücklichen Emigranten annehmen, wie sie Wohnstatt, Herdfeuer und Brot mit ihnen teilen. Die Kinder in der Schule sogar umgeben die neuen Schützlinge, die da Aufnahme gefunden haben, mit besonderer Fürsorglichkeit und Liebe. Der Großrabbiner und die verschiedenen Hilfskommissionen und Vereine in der Gemeinde tun alles Menschenmögliche, um die Hilfe zu organisieren. Man schafft vor allen Dingen Matratzen und Decken herbei, dann Kohlen für ein Beckenfeuer, dann Lebensmittel. Die Seele dieser ganzen Hilfsarbeit ist unser Gesinnungsgenosse Aron B a r z i l a i, dessen Namen Hunderte gequälter und getrösteter Menschenleben heute preisen. Alles, was auf dem Oroßrabhinate beschlossen wird, wird durch ihn erst ausgeführt. Wir können stolz auf diesen Mann sein. Selbstverständlich konnte einem so furchtbaren Elend gegenüber die private Mildtätigkeit nicht ausreichen. Die Gemeinde hat aber kein Geld; in der Not dieser Tage ißt die ärmere Bevölkerung der Stadt kein Fleisch, und damit sind die einzigen Einnahmen der Kehillah, die Koscherfleischsteuer oder Gabella, hinfällig geworden. Für den Moment haben daher die Hilfskomniissionen von Balat, von Hasköj und die für die Erdbebengeschädigten aus den ihnen noch übriggebliebenen Fonds die nötigen Summen vorgestreckt, bis die Hilfe von Seiten des ausländischen Judentums, die man mit schmerzlicher Ungeduld erwartet, das Nötige herbeischafft. (Seit einigen Tagen verteilt zwar die Regierung zwei Piaster pro Kopf und Tag der Flüchtlinge, aber das kann unmöglich längere Zeit Vorhalten.) Bis gestern waren schon über 1203 Emigranten hier eingetroffen, lind tagtäglich kommen neue Trupps an, so daß die Ziffer in die vielfachen Tausende steigen kann. Adrianopel hat 1421 durch seinen Großrabbiner Bidgerano einen Hilfeschrei hierher gesendet. Dort ist die Lage eine ganz ähnliche, nur noch um vieles verschlimmert. Die reichen Juden haben sich von dort schon alle rechtzeitig nach Konstantinopel geflüchtet; die dort verbliebenen haben von Feuerbrünsten und Plünderungen gelitten, und durch die Tore der Stadt sind auch dort die Massenzüge jüdischen Elends hereingekommen, die nun die Misere der an und für sich kleinen, geschwächten und verarmten Gemeinde auf den Gipfel bringen. Man hat telegraphisch Geld dahin überwiesen. Aber was kann dies helfen? Und jetzt, da der Post- und Telegraphenverkehr mit Adrianopel eingestellt ist, ist auch das nicht einmal mehr möglich. Was wird erst sein, wenn Adrianopel fällt, was jeden Tag geschehen kann? Es ist grausig, sich dies vorzustellen. ln Saloniki noch einmal dasselbe Bild. Dort ist alles zusammengepfercht, was aus dem südlichen und nördlichen Mazedonien vor dem anrückenden Griechen- und Serbentum sich retten mußte. Es scheint, daß dort ein paar Tage hindurch mit den Tausenden der Flüchtlinge eine Hungersnot in die Stadt eingezogen war und Unruhen nahe am Ausbruch waren. Schon war in Konstantinopel das ganz bestimmte Gerücht verbreitet, daß in Saloniki Massakres stattgefunden hätten und 40 Juden dabei umgekommen wären . . . Glücklicherweise entsprach das nicht der Wahrheit. Und jetzt liegen ja europäische Kriegsschiffe im Hafen, die eine Garantie gegen solche Möglichkeiten sein dürften. Möglicherweise ist Saloniki schon in Händen der Griechen. Auch in diesem Falle ist wenigstens für die Sicherheit des Lebens unserer dortigen Brüder nichts mehr zu befürchten. Wenn der Krieg zu Ende sein wird, dann erst wird sich das Elend der hiesigen Juden in seinem ganzen Umfange übersehen lassen. Die vielen Tausende Obdachloser werden wieder heimkehren und Obdach finden wollen. Wo wird Arbeit lind Brot für sie sein? Was werden die anderen Tausende von Unglücklichen machen, deren Ernährer auf dem Schlachtfelde gebliehen sind? Auf den Lippen aller der Armen schwebt jetzt der Name Baron Hirsch. Er war es gewesen, der die ähnliche, wenn auch viel geringere Not nach dem türkisch-russischen Kriege mit Millionen gelindert hatte. Wo ist aber heute ein neuer Baron Hirsch, Tränen zu trocknen und Hungernde zu stillen? Man wisse, daß hier der Jammer alles bisher Dagewesene übersteigt und man handle dementsprechend. Trotz alledem hat das türkische Judentum nicht aufgehört, seine patriotische Pflicht zu erfüllen. Die Konstantinopler Gemeinde hat nahezu 15 000 Franken für den Roten Halbmond aufgebracht und abgeliefert; jüdische Aerzte und Pflegerinnen gehen in die Spitäler, um die Leiden der Verletzten zu lindern; die jüdischen Studenten stellen sich korporativ dem Sanitätsdienst zur Verfügung; im jüdischen Spital ist ein Teil der Betten mit Soldaten belegt, und die Frauen der jüdischen Gesellschaft stellen Wäschestücke für die Verwundeten her. Auch Konstantinopel hat wie Saloniki seine Panik gehabt, glücklicherweise bisher ohne jede Ursache. Die europäischen Kriegsschiffe sind heute auch hier Schlitz und Beruhigung. Die jüdischen Schulen sind nach wie vor geöffnet, und sie werden auch wohl kaum dem Beispiel der griechischen folgen, deren Schließung gestern vom Patriarchat verfügt worden ist, ohne daß eine zwingende Ursache sichtbar wäre. Erst wenn die Notwendigkeit sich ergeben sollte, alle öffentlichen Gebäude der Stadt der Regierung für die Verwundeten zur Verfügung zu stellen, werden auch die jüdischen Schulanstalten sich in Spitäler verwandeln. Und das kann sehr wohl über kurz oder lang geschehen, denn der Krieg geht fort, und die Sichel des Todes mäht in furchtbaren Schwaden weiter. . . .

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