Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 46 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1420 Nr. 46 DIE^TELT Entwicklung Palästinas interessierten Staaten finden muß dieser Grundsatz bleibt für alle erdenklichen Macht- und Besitzverschiebungen im Orient bestehen. Wenn demnach unsere allgemeinen Prinzipien von den politischen Tagesereignissen unabhängig sind, so erhebt sich doch die Frage, nach welchen Methoden wir im einzelnen verfahren sollen, um unser Werk durchzuführen. Wir alle empfinden in diesem kritischen Zeitpunkt die Notwendigkeit, uns darüber klar zu werden, wie sich der Prozeß der Kolonisation Palästinas vollziehen wird, auf welchen Wegen wir unserem Ziele näherkommen, welche Mittel wir zur Beseitigung etwaiger Hindernisse anwenden sollen. Während über unsere Absichten selbst, über die Grundsätze unserer Politik nicht der geringste Meinungsunterschied besteht, können über die von Fall zu Fall nötigen Mittel dieser Politik Zweifel und Differenzen herrschen. Wir sind nicht in der Lage, hier alle Möglichkeiten der nächsten Zukunft zu erörtern. Doch muß mit Entschiedenheit betont werden, daß die Ereignisse der Gegenwart uns keineswegs vor gänzlich neue Probleme stellen. Es wurde bereits ausgeführt, daß unser Programm das gleiche bleibt und wir fügen hinzu, daß die aus diesem Programm resultierenden politischen und wirtschaftlichen Arbeitsmethoden ebenfalls i m w e s e n 11 i c h e n keine Veränderung erfahren werden. Wir müssen uns völlig darüber klar sein, daß die Kolonisation Palästinas, auch unter den besten politischen Bedingungen, ein allmählicher, organisch wachsender Prozeß ist, der durch politische Ereignisse zwar gefördert oder aufgehalten werden kann, in der Hauptsache aber von uns selbst, von unserer finanziellen und moralischen Kraft abhängt. Wenn wir uns dies vor Augen halten, so werden wir unsere Bemühungen nicht darauf richten, einen formalen Rechtszustand herbeizuführen, der mit den Realitäten des wirtschaftlichen und politischen Lebens in Palästina nicht im Einklang steht, da sich aus einer solchen Vorwegnahme späterer Möglichkeiten kein erkennbarer Vorteil ergäbe und manche Schwierigkeit daraus erwachsen könnte. Diese Auffassung mag als Resignation erscheinen, doch ist es eine Resignation, die aus politischen und kolonialpolitischen Erwägungen hervorgeht. Wir müssen Politik treiben, aber nüchterne Realpolitik. Gewiß erleben wir jetzt einen wichtigen Moment, aber nicht in dem Sinne, daß wir vor der endgültigen Entscheidung unserer Sache stehen, sondern in dem Sinne, daß Ereignisse eintreten können, die unsere Arbeit vielleicht günstig oder ungünstig beeinflussen werden, und zwar in einem Grade, der sich heute überhaupt noch nicht abschätzen läßt. Bei dieser Sachlage ist größte Zurückhaltung und strengste Prüfung am Platze. Alle Einzelheiten müssen der alleinigen Entscheidung des Acti-ons-Comites überlassen bleiben, denn es tauchen jetzt zahlreiche Sonderfragen auf, die auch andeutungsweise nicht öffentlich diskutiert werden dürfen. Was wir fordern müssen, ist, daß die Beziehungen zu allen Kreisen, die auf die Gestaltung unserer Arbeit in Palästina Einfluß üben können, sorgfältig gepflegt werden. Wir müssen, um jeder möglichen Gefährdung unserer Sache auszuweichen, rechtzeitig informiert sein und rechtzeitig informieren. Als Grundlage unserer Bemühungen dienen die allgemeinen Gedankengänge unseres Programms, während alle speziellen Maßnahmen sich streng an die nächsten Möglichkeiten halten müssen. Die Verbindungen, die zur allmählichen Verwirklichung unserer Sache da und dort angeknüpft wurden oder angeknüpft werden müssen, gleichen dünnen Fäden. Sie können stärker werden, wenn Klugheit und Geduld sie bedienen sie können jählings reißen, wenn unbesonnener Eifer an ihnen zerrt. R. L. □□□UDO WELTCHRONIK □□□□□□ Die Kriegsnot in der Türkei (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel, 9. November. Der Balkankrieg, der unsagbares Elend über die ganze Halbinsel heraufbeschwört, schlagt auch dem Judentum des Landes furchtbare Wunden. Von den jüdischen Kämpfern, die mit hinausgezogen sind, fehlt einstweilen fast jede Nachricht. Nur sehr wenige von ihnen sind bisher unter den Leichtverwundeten (die Schwerverwundeten blieben wohl zumeist auf dem Felde liegen) in der Hauptstadt wiedererschienen. Der allergrößte Teil von ihnen, besonders die dem ersten Armeekorps einverleibten Konstantinopler, hat höchstwahrscheinlich an den schrecklichen Schlachten, denen von Kirkklisse und Lüle-Burgas, im Vordertreffen teilgenommen. Es ist leider bekannt, daß diese Bataillone fast völlig aufgerieben worden sind; die Hoffnung, sehr viele von diesen unseren Brüdern wiederzusehen, ist daher nur eine geringe. Leider ist auch das erste hier bekannt gewordene Opfer der im Kampfgebiete wieder aufgetauchten Cholera einer der Unsrigen, ein wackerer Lokomotivführer der Orientalischen Eisenbahnen, der tagelang gleich dem Gros der türkischen Soldaten von der Qual des Hungers durchrütteit war und mit dem ersten Bissen, der dem Halbverschniachteten dann in die Hände fiel, den schwarzen Tod in sich aufnahm. Es scheint, daß dieses Opfer nicht das: einzige bleiben wird, das die Seuche wieder fordert; es sollen gestern schon über zwanzig ähnlicher Fälle in der Hauptstadt aufgetaucht sein. Das ist eine recht düstere Aussicht in die nahe Zukunft. Aus dem ganzen weiten Lande des rumeiiotischen Wilajets kommen Schreckenskunden über die Verwüstungen, die der Krieg anrichtet und die die jüdischen Wohnstätten ebensowenig verschonen wie die aller übrigen Einwohner. Es wird von beide-» Seiten, von Freund und Feind, geplündert und gesengt. Die einen zerstören, gleich den Russen von 1812, alles hinter sich, um nichts in die Hände der Feinde fallen zu lassen, und die anderen zerstören, um den Widerstand in den letzten Schlupfwinkeln zu brechen. Hin und wieder fallen auch unter den friedlichen Juden der Ortschaften einige Opfer der fanatischen Mordvvut zwischen Kreuz und Halbmond. Die unglückliche Stadt Tschorlu, deren Judengemeinde bekanntlich durch das Erdbeben so furchtbar gelitten hatte, ist von den abziehenden Türken von einem Ende zum anderen eingeäschert worden, so daß auch kein Stein auf dem anderen blieb. Alles Lebendige war schon vorher geflüchtet. Ein russischer Jude, der in der Umgegend dieser Stadt eine große Farm besaß, ist vorige Woche als Bettler in Lumpen gehüllt hier eingetroffen; seine Felder sind zerstampft, Wohn-