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Die Welt · 1912-11-15 · 46 (15.11.1912) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 15. November 1912 Y'onn 'n Nr. 46. POLITIK Die ernsten Ereignisse, die sich gegenwärtig abspielen, mußten naturgemäß in allen zionistischen Kreisen die Frage wachrufen, welche Folgen sich aus den Vorgängen der Weltpolitik für die Lage des Zionismus ergeben, welche Stellung die Leitung unserer Organisation einnehmen, welche Schritte sie vorbereiten solle. Daß diese Fragen auftauchen, ist sehr natürlich, und daß sie nicht unbeantwortet gelassen werden, ist die Pflicht einer ihrer Aufgabe bewußten Führung. Es muß jedoch bei der Behandlung dieser Probleme größte Besonnenheit herrschen, denn die Lage des jüdischen Volkes gestattet uns nicht, Voreiligkeiten zu begehen. Jeder Schritt, der nicht sorgsam erwogen ist, kann verderbliche Folgen nach sich ziehen und vieles zerstören, was mühsam erbaut wurde. Daß die Einzelheiten der politischen Fragen, die jetzt und in der nächsten Zukunft auftauchen können, sich der Erörterung in der breiten Öffentlichkeit entziehen, leuchtet ein. Wohl aber dürfen wir die allgemeinen Richtlinien unserer Politik skizzieren, die nichts zu verbergen hat, sondern vor der vollsten Öffentlichkeit zu bestehen wünscht. Soweit für die Realisierung des Zionismus unsere eigenen Absichten in Frage kommen, ist eine Aenderung selbstverständlich ausgeschlossen. Wir sind nach wie vor bestrebt, Palästina zur Heimstätte des jüdischen Volkes zu machen, und wir werden uns durch kein Ereignis der Weltgeschichte von diesem Vorhaben abbringen lassen. Da aber Palästina kein unbewohntes Land ist und da sein Schicksal durchaus an die allgemeine politische Entwicklung der Zukunft gebunden ist, so müssen wir vor uns selbst und vor der Welt ein Programm aufstellen, das unsere Absichten mit den Landesverhältnissen und den vorhandenen nichtjüdischen Interessen in Einklang bringt. Dieses Programm ist von lins auf dem ersten Kongreß festgelegt und seitdem immer wieder entwickelt worden. Es besagt in Kürze, daß die Besiedlung Palästinas durch die Juden die einzig mögliche Lösung der Judenfrage in allen ihren Teilen darstellt und daß diese Lösung gleichzeitig allen anderen an Palästina interessierten Faktoren erwünscht sein muß. Die 600 000 Araber des Landes erfahren durch die Zuwanderung der Juden eine ganz außerordentliche wirtschaftliche Bereicherung. Von einer Verdrängung der Araber kann keine Rede sein, denn Palästina, das heute nur 700000 Einwohner zählt, könnte allein durch landwirtschaftliche Betriebe drei Millionen Menschen ernähren. Für die Türkei ist die Einwanderung eines Volkes, das heute viele Vaterländer, aber kein Mutterland hat, das sich also in nationaler und religiöser Beziehung nicht auf ein außertürkisches Staatswesen stützt, von höchstem Nutzen. Nur durch innere Kolonisation konnte und kann die Türkei sich als selbständiger Staat behaupten. Die Besiedlung Palästinas durch die Juden bedeutet also für die Juden selbst ihre nationale Erlösung, für die Türken eine gewaltige Bereicherung und Aktivierung ihres Staats'wesens, für alle Völker der Erde die Erschließung neuer Absatzgebiete und handelspolitischer Beziehungen. So muß der Zionismus als eine Kulturtat ersten Ranges angesehen werden, und nur Böswilligkeit kann ihm hindernd in den Weg treten. — Diese allgemeinen Grundsätze, die wir seit fünfzehn Jahren propagieren, erleiden durch die Ereignisse der jüngsten Zeit selbstverständlich keine Abschwächung oder Veränderung. Ganz im Gegenteil müßten die Türken sich jetzt, da ein großer Teil ihres europäischen Besitzes verloren scheint, mit aller Energie an die wirtschaftliche Hebung der ihnen verbleibenden Reichsteile machen. Wenn jüdisches Kapital lind jüdische Arbeit in Palästina Eingang findet, so wird dies den von den Leitern des osmanischen Reiches angestrebten Prozeß der türkischen Regeneration erheblich beschleunigen. Sollten die türkischen Staatmänner ihre Zeit nicht zu nutzen verstehen, so wird der europäische Einfluß sich freilich immer deutlicher fühlbar machen. Der nähere Orient ist in sichtbarem Aufschwung begriffen, ln wenigen Jahrzehnten ist Aegypten durch gute Verwaltung zu einem dichtbesiedelten blühenden Lande geworden und bald wird Anatolien, Syrien und Palästina von einem Netz von Eisenbahnschienen durchzogen sein, auf denen alle Güter der Zivilisation bis in die entferntesten Winkel dieser Länder rollen werden. Daß die jüdische Kolonisation zu einem bedeutenden Faktor dieses wirtschaftlichen Aufschwungs werden und daher die Förderung der an der 1

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