Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 45 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 45 Agronom Aaronsohn In Washington (Von unserem Berichterstatter.) New York. Herr Aron Aaronsohn, der sich von der Versuchsstation in Haifa beurlaubt hat, um dem Internationalen Kongreß für Trocken Wirtschaft in Kanada beizuwohnen, erregt hier mit seinen Ausführungen größtes Interesse. In einer Konferenz mit den Leitern des Landwirtschafts- Departements in Washington äußerte er seine Hoffnung, daß die Landwirtschaft in Palästina wieder zu größter Blüte gebracht werden könne. In einem Interview machte Herr Aaronsohn folgende Angaben über den jetzigen Stand seiner Tätigkeit: „Die Erfolge der Versuchsstation übertreffen die ursprünglich gehegten Erwartungen. Nicht nur an wildem Weizen, sondern auch, an Hafer und Gerste haben wir wertvolle Experimente gemacht. Außer der Hauptstation in Haifa haben wir einige Nebenstationen in anderen Teilen des Landes eingerichtet, um verschiedene Boden- und Klimaverhältnisse in den Kreis unserer Erfahrung einzuschließen. Unsere Hauptaufgabe ist die Kreuzung von kultiviertem und wildem Weizen, doch befassen wir uns auch mit der Veredlung von Oelbäunien und Weinstöcken, und haben z. B. ein vorzügliches System zur Kultivierung von Dattelpalmen gefunden. Unser nächstes Ziel ist es, eine Schule und Bibliothek zu errichten und praktische Landwirtschaftskurse abzuhalten.u Zur Berufswahl in Palästina Von Dr. M. Zagorodsky Ich halte es für nützlich, unserer zionistischen Jugend, soweit sie sich nach Abschluß ihres Studiums nach Palästina begeben und dort ihren Beruf ausüben will, einige Fingerzeige zu geben. Für Naturwissenschaftler bieten sich in Palästina gute Gelegenheiten. Das Gymnasium in Jaffa, das Gymnasium in Jerusalem, die Realschule in Haifa und das Technikum werden sicherlich eine ganze Anzahl von Lehrkräften erfordern, da in den vorhandenen Schulen das Lehrerpersonal ergänzt werden muß und in den neuen Anstalten eine Reihe von Lehrerstellen zu besetzen sein wird. Besonders gute Aussichten haben Botaniker, die einen regelmäßigen Studiengang in der Botanik abgeschlossen haben. Die palästinensische Pflanzenwelt unterscheidet sich zwar von der europäischen, aber die Unterschiede sind nicht so wesentlich, daß der Botaniker in Palästina seine in Europa erworbenen Kenntnisse nicht verwerten könnte. Wenn er für seine Doktorarbeit ein Thema aus der palästinensischen Pflanzenwelt gewählt oder gar eine kleine Reise in das Heilige Land unternommen hat, so wird er hier gewiß seinen Beruf ausüben können und dem Lande Nutzen bringen. Der Mangel an solchen Spezialisten ist so empfindlich, daß in Jerusalem in jüdischen Mittelschulen die Botanik von Nichtjuden gelehrt wird. Das gleiche gilt auch für den Zoologen, nur mit dem Unterschiede, daß es erheblich leichter ist, sich mit der palästinensischen Tierwelt vertraut zu machen, als mit der Pflanzenwelt, besonders wenn man berücksichtigt, daß es sich doch nur um einen Unterricht in Mittelschulen handelt. Die meisten Objekte der palästinensischen Tierwelt sind in allen größeren Universitäten zu haben. Spezielle Zoologie wird nicht von besonderem Wert sein, dagegen wäre es vorteilhaft, wenn die nach Palästina kommenden Zoologen sich besonders mit der Entomologie befassen. Andernfalls kann es dazu kommen, daß nichtjüdische Entomologen in jüdischen Instituten angestellt werden. Ein Entomologe, der gleichzeitig 1399 auch Mykologe ist, könnte wahrscheinlich in Judäa sofort eine gute Stellung haben. Die jüdischen Kolonien Petach Tikvvah, Rischon-le-Zion, Rechoboth, Wadi Chanin würden einem Entomologen ein ziemlich großes Gehalt bieten, und da sein Hauptquartier in Jaffa sein müßte, so könnte er auch in dem dortigen Gymnasium und im Lehrerinnenseminar Unterricht erteilen. Auch für Mineralogen und Geologen würden sich ähnliche Aussichten bieten. Viele junge Leute, meist aus Rußland, besuchen landwirtschaftliche Hochschulen oder studieren an den Universitäten Landwirtschaft, in der Hoffnung, sich später in Palästina niederzulassen. Auf Grund der bisherigen Erfahrungen muß man aber folgendes sagen: Für diplomierte Landwirte gibt es in Palästina zwei Möglichkeiten der Betätigung: Entweder werden sie selbständige Landwirte oder sie werden Beamte der jüdischen Institutionen. Die selbständigen Landwirte müssen im Besitz größerer Mittel sein, denn um in Palästina ein Gut von wenigstens 100 ha zu kaufen und mit dem nötigen Inventar auszustatten, sind mindestens 60—75 000 Fr. erforderlich. So bemittelte Leute sind meiner Meinung nach unter den Studierenden fast gar nicht vorhanden. Dazu kommt, daß auch ein tüchtiger diplomierter Landwirt, wie es ihn bei uns Juden nur sehr selten gibt, doch die ersten Jahre im Dunkeln tappen wird, da die landwirtschaftlichen Verhältnisse sich in Palästina von den europäischen sehr stark unterscheiden. Ich denke dabei natürlich an solche Landwirte, die auch praktische Erfahrung besitzen. Wenn ein Städter, der nie selbst gewirtschaftet hat, die Hochschule besucht und sich nur die theoretischen Kenntnisse aneignet, so ist er hier völlig unbeholfen und ganz von seinen Arbeitern abhängig. Zionisten dieser Art sollten, wenn sie über Geldmittel verfügen, zunächst 2—3 Jahre als Praktikant auf einem Gute tätig sein und dann noch ein Jahr in Palästina praktisch arbeiten. Für eine Wirtschaft von ca. 100 ha sind große theoretische Kenntnisse und Hochschuldiplome nicht nötig, Gewöhnlich braucht man auf solchen Gütern tüchtige Verwalter, die mehr Kaufleute als Landwirte sind. Daher kommt cs zuweilen, daß diejenigen Güter, die durch nichtausgebildete, aber kaufmännisch begabte Leute verwaltet werden, besser gedeihen, als diejenigen, an deren Spitze fachmännisch gebildete Verwalter stehen, die keine kaufmännische Gewandtheit besitzen. Für einen wohlhabenden Mann, der sich in Palästina ansiedeln will, ist also nicht Hochschulbildung, sondern tüchtige, mehrjährige Praxis nötig. Erfahrungsgemäß sind aber die meisten Studierenden, die aus der Landwirtschaft ihren Beruf machen wollen, ganz unbemittelt, und sie haben den Wunsch, als Beamte einer Institution verwendet zu werden. Leider muß man diese Elemente vor Enttäuschungen warnen. Es gibt zurzeit in Palästina gar keine Institutionen, die einem gebildeten Landwirt Beschäftigung geben könnten, ja selbst für die wenigen Agronomen, die sich schon hier befinden, besteht nicht die Möglichkeit einer entsprechenden Verwendung. Manche von diesen werden sogar nach anderen Ländern gehen müssen. Auch diejenigen, die hier Beschäftigung finden, müssen ein ziemlich kümmerliches Dasein führen, besonders wenn sie verheiratet sind, denn Gehälter von 200—250 Fr. monatlich sind hier ganz üblich. Physiker haben gewisse Chancen, an der Realschule anzukommen, oder im Technikum aufgenommen zu werden. Ein tüchtiger Chemiker, der auch pädagogische Fähigkeiten besitzt, könnte vielleicht als Lehrer in den Gymnasien fungieren und nebenbei Analysen für die Kolonisten ausführen. Was das medizinische Studium betrifft, so ist mir kein Beispiel bekannt, daß ein Mediziner aus Mangel an Beschäftigung Palästina wieder verlassen hätte. Am besten kommen