Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 45 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Nr. 45 1394 Arbeit des Verbandes — und das ist Minimal programm — so vor, daß Beschlüsse gefaßt werden, und zwar zum Beispiel: „Agitation“, „Kenntnis jüdischer Geschichte“ u. a. Es ist mir ganz unverständlich, was diese Beschlüsse sagen sollen. Etwa: man solle agitieren: Oder jüdische Geschichte lernen? Ist wirklich jemand so naiv, daß er meint, solche Ginge können durch „Beschlüsse“ bewerkstelligt werden? In dieser Hinsicht kann der Verband gar keinen Einfluß nehmen, vielmehr liegt alles an der Einzelkorporation. Nur der einzelne Verein kann wirklich das Wichtigste leisten, die Erziehungsarbeit, die zum großen Teil Selbsterziehung ist, hat vor allein eine Nationalisierung zu sein, als deren wichtigstes Element die hebräische Sprach e erscheint. Wir können leider auch bei den Studenten oft bemerken, daß der Zionismus für sie gar nicht eine radikale Umgestaltung des Lebens bedeutet, daß sie vielmehr die alten Bahnen einhalten und höchstens ihren Wortschatz um ein paar Phrasen bereichern. Demgegenüber scheint mir gerade in der Beschäftigung mit dem Hebräischen, die eine fortwährende, eine tägliche ist, ein starkes Bewußtsein der neuen Richtung zu liegen, zugleich auch ein Maß der Ausdauer, Charakterfestigkeit und Konsequenz des einzelnen. Dazu kommt dann die Fühlungnahme mit der Literatur der hebräischen Antike und der jüdischen Gegenwart. All das sollen die Einzelvereine nicht nur zmn Programm machen, sondern auch durchführen. Und doch — ich weiß, daß selbst Vereine, die es mit diesen Aufgaben sehr ernst nehmen, oft zu sehr in den Strudel des Parteilebens gezogen und dadurch von ihrer eigentlichen Tätigkeit abgehalten werden. Mein Verein, der Prager Bar K o c li b a , hätte sicherlich noch weit bessere Resultate, z. B. im Hebräischen, erzielt, wenn nicht die Kräfte der Mitglieder oft ganze Wochen lang durch Adressenschreiben und ähnliches in Anspruch genommen wären. Und nun sollen wir uns noch eine Verbandsarbeit aufbürden? Der Einwand der „lästigen überflüssigen Administration“, den Herr Schwarzbart so nbtut, erscheint mir sehr wesentlich. Man dürfte diese technische Ueberhürdung der Vereine nur dann in den Kauf nehmen, wenn wirklich die Vorteile des Verbandes entsprechend wären. Da aber der Inhalt der dargestellten Verbandsarbeit sehr gering wäre, so wäre der Verband ein hohles Gebilde, das eine große vereinstechnische Arbeit verlangt, um wenigstens den Schein des Lebens zu erwecken. Dazu kommt aber noch eins. Die einzelnen Studentengruppen sind einander, wie Herr Schwarzbart richtig bemerkt, heute sehr unähnlich. Ein Zusammenspannen solcher grundverschiedener Elemente könnte f r u ch t b a r e Arbeit nicht fördern. Das einzige, was wir anstreben müßten, wäre, daß jeder Verein es mit der Nationalisierung so ernst nimmt, daß wirklich die Mitglieder der einzelnen Vereine einen — fast einheitlichen — jüdischen Charakter bekommen. Wir hoffen, daß wir soweit kommen werden, mul daß dann der Zusammenschluß organisch daraus erwachsen wird. Und noch ein meinem Verein Bar Ko eh ha in Prag sehr schwerwiegendes Bedenken prinzipieller Natur muß ich Vorbringen. Es gibt bei uns in Oesterreich (die Verhältnisse in anderen Ländern kenne ich nicht so genau) zwei Arten von Korporationen, die sich in Organisationsform und Arbeitsmethoden sehr wesentlich unterscheiden. Ich glaube, wir brauchen uns absolut nicht zu scheuen, diesen Gegensatz ehrlich zu bekennen. Wir (die V e r eins mitglieder, -- übrigens kann jeder natürlich nur für sich sprechen —) halten die Liebem ah me der ganzen studentischen Formen mit Kappe, Band, Mensuren und Kneipen für ein assimilatorisches Element, und mir ist es ebenso unbegreiflich, wie ein zionistischer Student sieh zu einer Kneipe setzen kann, wie es einem Verbindungsstudenten vielleicht unfaßbar sein wird, daß ein Studentenverein seinen Mitgliedern die Art der Austragung von Ehrenangelegenheiten freistellt. Das scheint eine Äußerlichkeit. ist aber sicher ein tiefer Gegensatz der Anschauungen, der sich auch täglich manifestiert. Nun liegt es mir absolut fern, hier entscheiden zu wollen, wer der Bessere ist. Aber ich habe die Ueberzeugung, daß das Vereinigen dieser Gruppen in einer undifferenzierten Gesamtorganisation, in welcher notwendigerweise die eine Gruppe prävalieren müßte, einer Arbeit des Verbandes nicht förderlich wäre, da die Bedürfnisse aller nicht befriedigt werden könnten, vielmehr immer nur Hemmungen und Reibungen entstünden, die ein unstetes Lavieren und schließlich die Lehensunfähigkeit des Verbandes zur Folge hätten. Dafür können wir aber wahrhaftig keine Zeit opfern. Ich habe übrigens ähnliche Gründungen, die die Gegensätze verschleiern oder vereinigen wollten, mitgemaclit. Das Resultat war ein totales Fiasko. Auch in anderer Hinsicht habe ich einige Erfahrung. Es besteht seit vielen Jahren ein „Verband der österreichischen Studentenvereine“, von dessen Bestehen allerdings fast niemand mehr weiß. Da mein Verein seit einigen Jahren das „Präsidium“ des Verbandes innehat, habe ich im letzten Jahr ein Rundschreiben an die dem Verband angehörigen Vereine gerichtet und wollte zugleich mit dem zionistischen Parteitag einen Studententag nach Brünn berufen. Von allen Vereinen haben nur zwei sachlich geantwortet, so daß der Studententag natürlich unterblieb. Es war auch nie gelungen, einen innigeren schriftlichen Kontakt herzustellen, wahrscheinlich darum, weil die rein technischen Schwierigkeiten einer solchen ständigen Verbindung zu groß waren. Jeder Verein hat, wenn er seine Aufgaben erfüllen will, reichlich mit sich selbst zu tun, und die Folge wäre, daß sich gerade der Verbandsarbeit Leute annehmen, die in der normalen Vereinsarbeit keine Befriedigung finden oder aus irgendwelchen Gründen aus dieser Arbeit ausscheiden. Eine besondere Aktion, die eines Weltverbandes der zionistischen Studenten als repräsentativen Organes bedürfte, hat es nicht gegeben. Ich möchte nicht mißverstanden sein. Wogegen ich mich ausspreche, ist die Aufstellung des großen Apparates des Verbandes. Aber ein Austausch von A n r e g u n g e n zwischen einzelnen Gruppen, in höherem Maße als es bisher der Fall war, wäre für die innere Arbeit der Vereine sehr nützlich und willkommen. Ich halte diesen Punkt, der in dem Artikel des Herrn Schwarzbart in den Hintergrund rückt, weitaus für den wesentlichsten. Von den östlichen Kollegen können wir nationale, kulturelle Inhalte vermittelt bekommen; von andern, insbesondere den deutschen Vereinen, können wir in methodischer Hinsicht viel lernen. Ein Gedankenaustausch wäre sicherlich fruchtbar. Ich resümiere: Eine wirklich belebende und lebendige Zusammenfassung der zionistischen Studentenschaft wäre um allen willkommen. Aber eine äußerliche Verkleisterung entgegengesetzter Elemente wäre keine Förderung, vielmehr eine Hemmung und Belastung. Die Organisation hat keinen Selbstzweck und sie soll keine aktive Einheit sein; doch wäre es zweckmäßig, wenn der Einfluß unserem Ziele schrittweise Nähergekommener (Persönlichkeiten und Gruppen) au! die Gesamtheit der dem Ziel Zustrebenden gestärkt, bzw. die Wege und Teilresultate der Arbeit einzelner allen vermittelt würden. Mein praktischer Vorschlag ist nun der: Wir wollen zunächst versuchen, ob wir das, was uns als der wertvollste Zweck eines etwaigen Verbandes erscheint, nämlich den Austausch von Anregungen, nicht auf einem anderen Wege erreichen können, ohne alle die uns erheblich erscheinenden Nachteile mit in den Kauf nehmen zu müssen. Es möge daher