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Die Welt · 1912-11-08 · 45 (8.11.1912) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
45 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 1391 DIES^ELT umfassen soll. Ein Zehnerkomitee ist mit der Ausarbeitung des Arbeitsplanes beauftragt, bei dem Besserung der wirtschaftlichen Lage, Klub wesen, moralische und religiöse Erziehung, Hygiene, Gymnastik, Einführung von Jugendgottesdiensten usw. berücksichtigt werden sollen. Es wurde beschlossen, der neuen Körperschaft den Organisationsplan der Young Men’s Christian Association zugrunde zu legen. Israel Abrahams gegen den Zionismus Auf Veranlassung des Eastern Council of Jewish Rabbis befindet sich Israel Abrahams, Professor an der englischen Universität Cambridge, zurzeit auf einer Vortragstournee in Amerika. Professor Abrahams ist ein entschiedener Verfechter der Idee eines reformierten Judentums, und scheut sich daher, entsprechend den Methoden seiner Meinungsgenossen, nicht, so phantastische Angaben über den Zionismus in die Welt zu setzen, wie z. B. die folgenden: „Dr. Her/1 hat den Zionismus als Gegengewicht gegen die Assimilation betont, während die Idee des Judenstaates selbst der deutlichste Beweis einer jüdischen Assimilation ist, da er nämlich der bloße Reflex des nationalen Chauvinismus ist, der Europa nach 1848 fortriß. Der politische Zionismus ist mit Herzl gestorben, und dafür ist wieder die alte zionistische Idee, d. h. die bloße Zionsliebe erwacht. Alles, was den hebräischen Geist als weltliche Macht stempeln will, ist Antisemitismu s." Ja, man kann ein großer Gelehrter sein und doch mit der Logik und Kenntnis der Tatsachen auf schlechtem Fuße stehen! Der Eastern Council of Jewish Rabbis, auf dessen Einladung hin Dr. Abrahams hierhergekommen ist, ist eine Vereinigung von Reformrabbinern aus den Oststaaten und kämpft mit kriegerischen Gebärden für die Verbreitung des Reformjudentums. Auf ihrer anläßlich der Gegenwart ihres Gastes abgehaltenen Sitzung beschloß die Vereinigung die Herausgabe einer Propagandazeitschrift. Dr. Stephan W i s e schlug vor, in dem Namen der Gesellschaft für die Bezeichnung „Reforms-Rabbiner, „liberale" Rabbiner zu setzen. Ferner wurde die Einführung von Kindergottesdiensten und von Gottesdiensten für Juden in Straf- und anderen öffentlichen Anstalten diskutiert. Eine Ansprache des Bürgermeisters Gaynor Die „Hebrew Sheltering Guardian Society" hat ihr Kinderheim aus der Stadt New York auf das Land verlegt, und zwar sollen 850 Waisenkinder in 29 einzelnen Gebäuden (Cottages) untergebracht werden. Zu der glänzenden Eröffnungsfeier war auch Mayor Gaynor, der Bürgermeister der Stadt New York, erschienen, der eine mit stürmischem Beifall aufgenommene Rede hielt. „Diese große Versammlung beweist wieder einmal," begann der Mayor, „welch ungemeines Interesse die Juden an ihren Armen und Unglücklichen nehmen. Als seinerzeit das erste Häuflein Juden nach New York kam, verlangte Peter Stuvvesant die Stellung von Bürgschaften, daß die Armen derselben der Stadt nicht zur Last fallen würden. Diesem Versprechen haben die Israeliten der Stadt seither nachgelebt. Hätte der Mann Geschichte gekannt, würde er ein solches Verlangen nicht gestellt haben, denn schon das Alte Testament erzählt uns, wie sich die Juden ihrer Witwen und Waisen annahmen. Ich muß Ihnen aber dazu gratulieren, daß Sie ins Land gezogen sind, je weiter weg von der Großstadt, um so besser für das heran wachsende Geschlecht. Der schlimmste Ort zum Aufziehen von Kindern ist denn doch die Stadt. Hoffentlich folgen bald alle Waisenhäuser der Stadt diesem Beispiel! Als ich durch die Anstalt ging, ist mir besonders etwas aufgefallen, das mich mit Freude erfüllt hat. Ich habe gesehen, daß die Kinder auch Handfertigkeitsunterricht erhalten. Etwas für die Hand, das ist, was wir brauchen. Den Kopf nur mit allerlei Wissen anfüllen, genügt nicht, führt am Ende direkt zum Verbrechen, sehr häufig jedenfalls zum Elend. Mit Freuden habe ich des weiteren wahrgenommen, daß hier auch der Landbau betrieben wird, und ich wünschte, dies würde noch in viel größerem Maßstab geschehen. Es wird gewöhnlich behauptet, der Jude verstehe nichts von der Landwirtschaft. Nichts ist unrichtiger, als das. Die Geschichte beweist, daß das jüdische Volk ein ackerbautreibendes war. Nur dadurch, daß ihnen so viele Jahre verboten war, Land zu besitzen, sind sie davon abgekommen, und es wäre gut, wenn der Strom der hier anlangenden Israeliten nach den Landgebieten abgelenkt werden könnte. Doch die Anstalt hat es sieh zur Aufgabe gemacht, die Kinder zu standhaften Juden und getreuen amerikanischen Bürgern* zu erziehen, wie einer der Redner erklärte. Ein guter Bürger übt sein Wahlrecht aus. Da darf ich nun sagen, daß die Juden nie geschlossen gestimmt haben, dies würde ihnen auch sehr schaden. Das jüdische Votum war immer geteilt. Israeliten bekleiden hohe Aemter in unserer Stadt, aber keiner dieser Aemterinhaber könnte sagen, daß er das jüdische Votum auf sich vereinigt hätte. Ich darf denn auch behaupten, daß hier keine Vorurteile gegen die Juden bestehen, wie wir sie in so vielen anderen Ländern finden. Tatsächlich wären auch keine Gründe dafür vorhanden. Von Ihnen haben wir die erste Idee des Monotheismus erhalten, und das soll Ihnen hoch angerechnet sein. Und wenn ich meine Bibel lese, muß ich mir immer wieder bewußt werden, daß jede Zeile derselben, im Alten, wie im Neuen Testament, von Juden niedergeschrieben wurde. Ich hoffe, Sie werden mit Ihrem neuen Unternehmen Erfolg haben." Lesern auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans wird es unklar sein, was die Politik mit der Eröffnung eines Waisenhauses zu tun hat. Diesen diene zur Erklärung, daß Mayor Gaynor erklärter Demokrat, d. h. Wilsoriianer ist, während in der großen Schar der erwählten Vertreter des Judentums, die sich zu der, Einweihungsfeier versammelt hatte, Leine Reihe von Mitgliedern der Taft-Partei waren, sowie viele von der Gefolgschaft der „Bull Moore "-Partei, an deren Spitze Oscar S. Straus steht. Im Hinblick auf die in diesen Tagen stattfindende Wahl, darf solchen Lobreden nicht allzu viel Wert beige messen werden. Als die Wahl in noch etwas weitere Ferne gerückt war sprach Mayor Gaynor von „immoralischen degenerierten Ausländern" und meinte damit die jüdische Bevölkerung von New York. Professor Morris Loeb Am S. Oktober ist auf seinem Landsitz der amerikanische Universitätsprofessor und Philanthrop Dr. Morris Loeb dem Typhus erlegen. Der Verstorbene war von 1888—1889 Professor an der Harvard-Universität und von 1891—1906 Direktor des Chemischen Instituts der New Yorker Universität. Diesen Lehrstuhl verließ er vor einigen Jahren, um sich privaten Studien sowie seinen philanthropischen Bestrebungen

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