Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 45 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Das Schicksal des Täuflings Der getaufte Jude Neumann gibt ein Wochenblatt heraus, das den famosen Titel „christlich - freiheitliches Organ“ führt. Jüngst mußte er erfahren, daß man nicht ungestraft solchermaßen sein verflossenes Judentum maskieren kann. Er präsidierte einer Wählerversammlung, für die er den deutschnationalen Abgeordneten Poll auf als Referenten gewonnen hatte. Da meldete sich ein Versammlungsteilnehmer zum Wort und brachte folgende Resolution ein: Die Versammlung drückt dem Wiener deutschen Abgeordneten Pollauf ihr Bedauern und Mißtrauen aus, weil er in einer v o n e i n e m g e tauften Juden geleiteten Versa m m 1 u n g erschien und spr a c h. Herr Neumann mußte die Resolution zur Abstimmung bringen — u 11 d sie \v urde mit all e n g e g e n fünf Stirn m e n a n g e n o m m e n. Der jüdische Landtagsklub in der Bukowina (Von unserem Berichterstatter.) C z e r n o w i t z. In dem jüdischen Landtagsklub, zu dem die zehn Abgeordneten sich im vorigen Jahre nach Abschluß der Wahlkampagne unter der Obmannschaft Dr. Strauchers vereinigt hatten, vollzog sich in den letzten Tagen eine Wandlung von erheblicher Bedeutung. Infolge von Meinungsverschiedenheiten zwischen Dr. Straucher und der überwiegenden Mehrheit der Abgeordneten bezüglich eines Regierungsantrages legte Abg. Dr. Straucher die Obmannstelle im Klub nieder. Abg. Dr. Katz übernahm als Obmannstellvertreter die Klubleitung. Die Bedeutung dieser Aenderiing besteht darin, daß der nunmehr an der Spitze des Klubs stehende Abgeordnete geeignet scheint, die zwischen manchem Abgeordneten des „Nationalvereins“ lind des „Volksrats“ bestehenden Gegensätze erheblich zu mildern, Sonntag, den 17. Oktober, veranstalteten die Abgeordneten gemeinsam eine große Volksversammlung, in der die Abgeordneten Dr. N. Wender, Dr. W e i ß e 1 b e r g e r , Prof. Dr. Kellner und Dr. Focksch an er über ihre Tätigkeit in der abgelaufenen Landtagssession Bericht erstatteten, nachdem zuvor Abg. Dr. Straucher auch seinerseits eine Versammlung abgehalten hatte. Es ist zu hoffen, daß der jüdische Klub in der nächsten Landtagssession stets einheitlich Vorgehen wird. Ein christlicher Gelehrter über Palästina Heidelberg. Am Dienstag, den 29. Oktober 1Q12, sprach Herr Geh. Kirchenrat Dr. Weiß, ordentlicher Professor der Theologie an der Universität Heidelberg, vor einem zahlreichen Publikum über „Palästina“. Der Vortrag war zum Besten der evangelischen Gustav - Adolf - Stiftung veranstaltet worden. Der Redner, der das Heilige Land aus längeren Aufenthalten gründlich kennt, äußerte sich dabei auch kurz über seine jüdische Bevölkerung: Die jüdische Bevölkerung Palästinas zerfällt in sehr verschiedene Gruppen. Die unerfreulichsten Erscheinungen bilden dabei die alten Juden, die unter dem Vorwände frommer Lebensführung und religiösen Studiums von den milden Gaben ihrer Stammes- und Glaubensgenossen ihrer Herkunftsländer leben. Sie sind die unsozialste Klasse, die unter den allerungünstigsten Lebensbedingungen eben nur der frommen Betrachtung leben. Wie ganz anders die nächste Gruppe, die der braven zionistischen Landarbeiter! (Prof. Dr. Weiß sprach ausdrücklich von „zionistischen“, nicht von „jüdischen“ Landarbeitern.) Sie ringen dem kargen Boden im Schweiße ihres Angesichts seinen Ertrag ab und nähren sich von der Arbeit ihrer Hände. Das ist ein Werk des Zionismus, dem man unbedingt hohe Achtung zollen muß, und das man, soweit es in den Kräften eines jeden steht, unterstützen sollte. So äußert sich ein christlicher Universitätsprofessor zu Christen über die zionistische Tätigkeit in Palästina. Wann werden wohl alle Juden zu dieser Auffassung kommen? Amerikas Handelsvertrag mit Rußland (Von unserem Berichterstatter.) New Vor k. Wie aus zuverlässiger Duelle verlautet, sind die Verhandlungen betreffs einer vorläufigen Verlängerung des Vertrages vom Jahre 1S32 zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten um ein weiteres Jahr zum Abschluß gekommen. In diesem Jahre hofft man den neuen Vertrag in einer allseitig befriedigenden Weise neu formulieren und abschließen zu können. Wie mehrfach berichtet, liegt die Hauptschwierigkeit der Neiiformulierung des Vertrages in einer befriedigenden Lösung der Paßfrage für in Rußland reisende jüdische Bürger der Vereinigten Staaten. In dieser Angelegenheit wurde dieser Tage eine Delegation des „Independent Order Brith Abraham“ beim Präsidenten Taft mehrmals vorstellig. Der Präsident empfing die Delegierten sehr liebenswürdig, und versprach, daß die Staatsregierung den größtmöglichen Druck auf Rußland ausüben werde, ohne jedoch Gewaltmaßregeln anwenden zu können. Er wies ferner darauf hin, daß die vom Kongreß gefaßte Resolution nichts von einer sofortigen Aufhebung des Vertrages enthalte, wodurch ja auch der Regierung der Vereinigten Staaten die Möglichkeit einer möglichst günstigen diplomatischen Lösung der Frage genommen worden wäre. Ob und wann ein diplomatisches Ultimatum an Rußland erfolgen werde, lasse sich nicht sagen. Jedenfalls werde sich die Sache noch eine Weile hinziehen. Der Plan eines jüdischen Nationalbundes In Amerika regt sich zurzeit allerorten der Wunsch, in das ziemlich unzusammenhängende, häufig noch im Experimentalzustande befindliche jüdische Fürsorgewesen ein System zu bringen. Alle Versuche einheitlicher Arbeit auf diesem Oebiet sind in Amerika ganz besonders schwierig, da die Ungleichheit in den Verhältnissen der einzelnen Teile dieses Riesenlandes, die stark divergierende Wesensart der verschiedenen jüdischen Einwanderergruppen und nicht zum mindesten die zahlreichen Strömungen innerhalb des hiesigen Judentums einen Zusammenschluß der Kräfte oft unmöglich machen. Da jedoch in der letzten Zeit die Anzeichen für eine gewisse Demoralisation innerhalb der jüdischen Jugend sich häufen, wird von mehreren Seiten der erneute Versuch gemacht, zu einer Kooperation der diversen Organisationen zu gelangen. Eine Vereinigung von Vertretern der Young Men’s Hehre w Association und anderer jüdischer Körperschaften hat daher den Plan beraten, eine nationale Organisation zu gründen, welche alle jüdischen Körperschaften für Jugendfürsorge