Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1370 -pIE3^rELT =- =: ■;.. , Nr. 44 Der hochverehrte Dichter mag mir verzeihen, das ist — trotz der schwächlichen E o n t a n c - Nachahmung --- keine deutsche Ballade. Das ist auch nicht etwa eine jüdische Ballade in deutschem Gewände. Das ist ei n e d e u t s ch e B a 1 1 a d e j ii d i s c heu (i 1 a u h ens! Das Ding lechzt doch förmlich danach, noch einen Zusatz zu kriegen wie: „Und dennoch wird im preußischen Land Kein Jude Keser\ eieutenant.“ und dann hei der alljährlichen Militäretatdebatte im Parlament vorgetragen zu werden. Aber die Schuld an dem gänzlichen Mißlingen solcher Dichtung liegt vielleicht weniger an dem Dichter als an dem Stoff. Diese Deutschen jüdischen Glaubens, mag ihr Geschick auch bisweilen traurig oder gar erschütternd sein, zur Ballade, deren Held doch noch in einem anderen Sinne Held sein muß als die Mittelfigur eines Romans, eignen sie sich höchst selten. Dazu fehlt ihrem Heldentum, gleichviel ob wir das des Schwertes und mit der großen Trommel oder das schlichte des Alltags meinen, doch ein ganz gewisses Etwas, das man, wenn maiTs nicht fühlt, mit Grübeln nicht erjagen kann. Und Isaak Loewenthal, der seinen ihn peinigenden und verachtenden „Brüdern“ nun bewiesen hat, was er wert ist, bildet davon keine Ausnahme, wenn er auch treu und tapfer seine Pflicht und mehr noch getan hat und wenn auch sein Schicksal tragisch ist. Ein etwas bitterer und demütigender und zugleich auch das Böseste von allem! leise komischer Beigeschmack läßt sich dabei nicht von der Zunge spülen, mag es auch schmerzlich sein, sich das einzugestehen. Berlin. C. Kaiser. * Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes. Von Rabbiner Er. Heinrich Berger. Leipzig, Verlag von Gustav Engel. 1U11. Die zahlreichen, einander widersprechenden Ansichten über Religionsunterricht, besonders aber über die Hindernisse, welche einer gedeihlichen j ii d i s c h e n E r z i e h u n g im Wege stehen, beweisen, wie notwendig es ist, sich über die Ziele des Religionsunterrichtes klar zu werden. Es genügt daher unseres Erachtens nicht, wenn man, wie der Verfasser es mit rühmenswertem Eifer, mit viel Wärme und pädagogischer Sachkenntnis tut, auf die Notwendigkeit einer auf modern-pädagogischer Erkenntnis beruhenden Methodik hin weist. Es ist ja selbstverständlich: Wenn Religion gelehrt werden soll und kann, so darf dieser Unterricht nicht einer modern-pädagogischen Grundlage entbehren. Die Hauptsache, das Ziel, scheint uns der Verfasser nicht weniger eng begrenzt zu haben als seine Vorgänger in der Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes, wenn er auch mit Recht gegen Maybau ins Ansicht ist, wonach „wir den Lehrplan im Hebräischen ausschließlich nach gottesdienstlichen Grundsätzen gestalten müssen“. Wir wollen offen sein: Es genügt nicht, wenn man in der herkömmlichen Weise nichts anderes anstrebt als die Kenntnis der Gebete und des kalendarischen Teiles der Bibel. Sola n g e d e r R e 1 i g i o n s u n t e r r i c li t n i c h t a u i n a t i o n a 1 e r G r u n d 1 a g e r u h e n wird, m ii ß j e d e s B e s t r e b e n , die J u g e n d d e m J u d e n t u m z u e r h a 1 t e n , \v > e b i s h e r s c h e i t e r n. Weder Lehrer noch Eltern, für die der Verfasser die „Elternabende“ empfiehlt, Mild imstande, der freigeistigen Schule lind den Einflüssen des zeitgenössischen Materialismus entgegenzuarbeiten, wenn das nationale Moment aus dem Unterrichte ausgeschaltet bleibt. Die Jugend muß Hebräisch a 1 s nationale S p r a c h c bis zur Vollkommenheit erlernen, nicht allein um in der Synagoge, die sie sehr selten aufsucht, Bescheid zu wissen, sondern vielmehr um Wurzel im jüdischen Volkstum zu fassen und festen Boden im eigenen Geistes- und Kulturleben zu gewinnen. Es sind ja schon seit der Mendelssohnschen Zeit alle möglichen Versuche gemacht, alle Methoden und Katechismen angewendet worden. Vielleicht entschließen sich die Methodiker dazu, es endlich mit dem auf nationale Erziehung gerichteten Religionsunterricht zu versuchen, besonders in jener Kategorie von gemeindlichen Religionsschulen, die der Verfasser in erster Reihe ins Auge faßt. Diejenigen, die beten wollen, werden, wenn sie die hebräische Sprache beherrschen, sicherlich die Gebete, die Sidra und Haftara verstehen und auch die anderen deren es ja so viele Tausende unter der studierten Jugend gibt und auf die wir keinesfalls verzichten können werden den Religionslehrern sicherlich dafür dankbar sein, daß sic ihnen das Verständnis all der großen geistigen und kulturellen Schätze unseres hebräischen Schrifttums ermöglichen. Kenntnis des Judentums und Liebe zu seinen nationalen Besitztümern könnten vielleicht auch jenes Wunder bewirken, das uns an vielen Stellen des Talmud garantiert wird: M i 11 o c h sclielo 1 i s c h m o h a 11 a b a 1 i j-d e 1 i s c h m o h. Eines Zwanges für den Religionsunterricht würde es dann gewiß nicht bedürfen, auch ohne die vom Verfasser als unrichtig erkannte Begründung Maybaums, daß nämlich „jedem Mitglied die Möglichkeit des Austrittes aus der Gemeinde durch das Staatsgesetz verbürgt ist.“ Denn unsere Jugend soll nicht bloß für die Gemeinde, sondern f ü r d a s g a n zc Volk erzogen werden. Das jüdische Volk aber ist trotz aller Klügeleien nicht bloß eine Religion sgenossensciiaft, sondern auch eine Nation und seine Religion ist und bleibt national! Bielitz. Dr. M. B e r k o w i c z. £ Theodor Z 1 o c i s t i: Am Tor des Abends. Lieder vom Heimweg. Berlin W. 13, Jüdischer Verlag, G. in. b. H. 1912. Wieder ein Büchlein Lyrik von Theodor Zlocisti, aus dem eine Menge verwandter Klänge in die Seele des jüdischen Volkes dringt. Wir hören die Sehnsucht des Mannes nach einer entschwundenen Jugendzeit, die ihre Färbung durch die innige Religiosität der Eltern und Großeltern erhalten hat, wir hören die Klage um Güter des Geistes und der Seele, die im Strome des Lebens unwiederbringlich verloren gegangen sind, während ihr unschätzbarer Wert dem gereiften Menschen erst voll zum Bewußtsein kommt. Schon gleich das erste Gedicht mit seinen drei Endstrcphen „Und ist doch immer der alte Wald, die alte Nacht, das alte Lied“, das auf die ewige Wiederholung alles Geschehenden hinweist, geht zum Herzen und ruft tönendes Echo wach. „Armut“, „Herbst“, „Die Bibel“, „Die Lehre“, „Wandel“, „Geschlechter“, sind Gedichte, die einen ergreifenden Ausdruck für wehmutvolle Klage um verlorenen, seelischen Besitz in sich tragen, eine Klage, die besonders in dem Gedicht „Verschnungstag“ einen hinreißenden Ton findet. Das Ganze ist eine Sammlung von Stimmungsbildern, deren edle Form sich dem Gedächtnis tief einprägt. Die Gedichte geben eine Spiegelung des allgemein Menschlichen im Jüdischen, denn überall besinnt sich der Mensch „Am Tore des Abends“ auf des lächelnden Morgens wunderbar köstliches Erinnerungsbild, und in unsrer hastenden Zeit ist jedem vielerlei Besitz verloren gegangen, ist vieles achtlos beiseite gelegt worden, um erst im*3 Lebensherbst entbehrt und gewürdigt zu werden. Im Einzelnen spiegelt sich das Ganze, und der Dichter redet für viele, weil er Gefühle in Worte kleidet, die in vielen Seelen schlummern und vielleicht nie erwachen würden, wenn nicht ein klingend Wort, ein tönend Lied sie zum Bewußtsein emporhöben. In der knappen Kürze, der kleinen Zahl dieser Gedichte erweist sich vielleicht gerade die weise Mäßigung, die das