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Die Welt · 1912-11-01 · 44 (1.11.1912) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
44 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 44 1369 diex&elt f LITERARISCHE RUNDSCHAU 1 Aus jüdischer Seele. Gedichte. Von J. Loewenberg. Dritte vermehrte Auflage. Verlag von M. G l og au jr., Hamburg. Die Sammlung der jüdischen Gedichte Jakob L o e w e n ■ bcrgs liegt nun schon in dritter Auflage vor. Das ist für ein jüdisches Gedichtbuch gewiß ein erfreulicher Erfolg, selbst wenn man berücksichtigt, daß die erste Auflage vor anderthalb Jahrzehnten erschienen ist. Der Gesamteindruck des Buches hat sich, trotz der vermehrten Zahl der Gedichte, in keiner Weise geändert; Vorzüge und Schwächen sind die gleichen geblieben wie bisher. Am erfreulichsten — in menschlicher u n d literarischer Hinsicht —- wirkt nach wie vor der Zyklus „Zuhause“, in dem der Dichter in warmen und wahrhaft tief empfundenen, großenteils auch recht formschönen und klangvollen Versen, von der Welt innerhalb der eigenen vier Pfähle spricht. Hier ist Jakob Loewenbergs eigentliches dichterisches Lebenselement, dank dessen er mit Recht auch in der deutsche n Literatur zur Geltung gekommen ist. Hier ist er zugleich am jüdischsten, obwohl das Wort „Jude“ und ,,jüdisch“ — im Gegensatz zu den anderen Teilen des Buches, die reichlich damit aufwarten können! — gerade in diesen Gedichten niemals zu finden ist. Dagegen bringen die den ersten Teil bildenden „Lieder eines Semiten“' kaum etwas anderes, als in Verse gegossene Abwehr- und Zentralvereinsbctrachtungeii. Dieser Teil ist es wohl auch gewesen, der Ludwig Geiger zu seiner schönen Rezension in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ begeistert hat, in der er dem Buche lobend bestätigt, daß in ihm, anders als in anderen jüdischen Gedichtsammlungen der neueren Zeit, ,,r o m a n t i s c h e s G e w i n s e 1 nach der fremden Heimat nicht ertönt“. (Das heißt nämlich, lieber Leser, aus dem Berliner Reform-Suaheli übersetzt: Garantiert frei von Zionssehnsucht! „Romantisches Gew in sei“ ist schön, nicht wahr? Besonders wenn es ein Jude schreibt über das, was den Hauptinhalt der Gebete seiner Väter bildet. „F re m d e H e i m a t“ ist auch schön. Besonders wenn es ein deutscher Litcraturprofessor schreibt. Es mahnt einen in dem holden Widersinn der Worte an die dunkle Helle in manchen Köpfen und an ein gewisses rotes Tuch von blau-weißer Farbe.) Immerhin läßt Jakob Loewenbergs Art auch hier keinerlei Plattheiten und Geschmacklosigkeiten auf kommen, so daß) auch die „Lieder eines Semiten“ noch immer turmhoch über der Lyrik gleicher Gesinnung stehen, die die jüdischen Wochenblättchen Deutschlands gemeinhin zu bringen pflegen. Und manchmal bricht auch hier die Glut jüdischen Empfindens durch die Zentralvereinsgefiihle hindurch und beschert uns nach all der Leitartikelpoesie wie „Das eiserne Kreuz“, „Woher?“, „Semit“, „Eine alte Fabel“, „Euch klag' ich an“ und „Ein Trost“ ein so prachtvolles jüdisches Gedicht wie „A n d c n Wassern“! Gern erwähne ich au dieser Stelle auch noch ein paar kraftvoll gebaute Verse aus „Getauft“: „Sich unter freunde Fahne stellen, Wenn rings der heiße Kampf entbrannt Pfui über euch, ihr Lug gesellen, Die wahre Ehre nie gekannt! Sprecht, habt im Herzen ihr erkoren, Was gläubig euer Mund bekennt? Ihr schweigt; — so habt ihr falsch geschworen, Und Meineid eure Seele brennt. Nicht daß der Väter ihr vergessen, Daß andres Bündnis ihr gewählt: Nein, daß wir jemals euch besessen, Das ist es, was uns schmerzt und quält!“ Aus dem zw eiten Zyklus endlich, ,,G e s t a I t e n“, soll „Judas Tod“ genannt sein, als ein jüdisch-begeisterter Versuch einer Makkabäerballade, an die ich nicht mit strengliterarischem Balladenmaßstab heran gehen mag, weil ich nicht ohne Rührung daran denken muß, wie sie mich als Jungen begeistert hat, als ich sie irgendwo zu lesen bekam. - - Ferner: „Beruria“. (Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Gedicht Berthold Fei weis.) Und vor allem das markige und fröhlich-warme, Nehemias, Kap. I behandelnde „Kämpfe n und B a u e n“, das einen Ehrenplatz in der hoffentlich einmal erscheinenden dichterischen Anthologie für die jüdische Jugend verdient. Die nach der Heimat Zurückgekehrten werden beim Bau der neuen Mauer gleich im Beginn ihres Werkes von den frech andringenden Feinden gehöhnt: Die Mauer wird brechen, wenn ein Schakal daran fspringt! Nein, nimmer wird sie brechen, was auch ihr Haß uns schw or, Es stellt ein Gott dahinter, lind Männer stell’n davor. Der einen Hand die Kelle, der andern gebt das Schwert, So bauet und so kämpfet, so seid ihr gut bewehrt. So kämpfet und so bauet, vom Frührot bis zur Nacht, Und nehmt die Knaben mit euch und stellt sie auf die Wacht. Und spritzt auf eure Mauern der Ammoniter Blut, Und spritzt darauf das eigne, der Mörtel hält fest und gut. Leicht fügt sich Stein zum Steine, steigt machtvoll himmelan; Stets siegreich ist d e r Krieger, der auch ein Mauersmann. Bald Schwerts eh lag und bald Steinklang, so wird das Werk vollbracht. Und nehmt mir mit die Knaben, und stellt sie auf die Wacht!“ Nun aber muß ich leider noch zum Schluß eine böse „Bereicherung“ erwähnen, die die „Gestalten“ in der neuen Auflage erfahren haben und die der Dichter hoffentlich aus der vierten Auflage, deren Erscheinen ich ihm und uns gerne wünsche, gründlich ausstreichen wird. Ich meine die Ballade „Isaak L o e w e n t h a 1“ mit dem Untertitel „Nach einer wahren Begebenheit“. Sie ist in gewisser Hinsicht so unendlich charakteristisch lind von einem über die Dauer des Tages hinausgehenden Interesse, daß ich mich trotz des beschränkten Raumes nicht enthalten kann, sie hier großenteils zu zitieren : „Anno l'J. Im Kolberger Jägerregiment. Wie schwer’s von der Mutter, vom Lieb sich auch trennt, Sic kamen alle dazumal, Und einer hieß Isaak Loewcnthal. Sie bängten sich an den Namen mit Spott: Ein schöner Name! Wahrhaftiger Gott! Einst grüßt ihn Odin in Wallhalls Saal: Willkommen, Held Isaak Loewcnthal.“ Isaak Loewcnthal wurmt das, und da er kein schlapper Kerl ist, schimpft er kräftig wieder. „Da forderten sie ihn mit Schimpf und Hohn. „Ein andermal, Jungens, ich stelle mich schon. Wir zogen für so was doch nicht in den Krieg/ ,Du bis! ein Feigling!4 — Er hört es und schwieg. . . . Und ein Tag kam, und ringsum das feindliche Korps. Der Hauptniann rief: ,Freiwillige vor!4 Und Loewcnthal stellt sich als Erster voran. ,Wer je mich gefordert, Mann für Mann, Heut’ fordre ich ihn. Nun, Brüder, drauf! Mir nach!4 —- Da stürzt er mitten im Lauf. Sie setzten aufs Grab ihm ein schlichtes Mal: ,Wir folgen dir, Isaak LoewenthaE.“

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