Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 44 sie sich in ihrem löblichen Bestreben, den Juden die Gleichberechtigung zu erkämpfen, völlig auf dem Holzwege befinden, denn was nützt den Juden die schönste Gleichberechtigung, wenn das Judentum dabei zugrunde geht? Für Assimilanten, die den Untergang des Judentums wünschen, sind die Bestrebungen des Abwehrvereins gewiß sehr angebracht. Wir Zionisten lehnen aber eine Gleichberechtigung ab, die die Unterdrückung alles jüdischen Bewußtseins fordert, und verlangen eine Gleichberechtigung, die mit der Tatsache unserer Existenz rechnet. Herr Gothein, der keine Ahnung vom Judentum hat, und Herr Haas, der keine Ahnung davon haben w i 1 ], mögen sich um ihre Parteiangelegenheiten kümmern und die nationaljüdische Bewegung unbehelligt lassen. D;e Juden in Mexiko (Von unserem Berichterstatter.) Tacubaya. Gegenwärtig kommt auch unter die mexikanischen Juden ein wenig Bewegung. Sie haben bis jetzt nach außen sehr wenig von sich hören lassen. Die 28 Schekel, die ich hier unter den Juden abgesetzt habe, waren wohl das erste Lebenszeichen, das die jüdische Kolonie Mexikos in den letzten Jahren gab. Nunmehr wird der Versuch unternommen, einen Zusammenschluß der hiesigen Juden herbeizuführen. Vorläufig handelt es sich allerdings nur um die gemeinsame Erwerbung eines eigenen Begräbnisplatzes. Aber vielleicht kann auch die sei mehr auf das Sterben als auf das Leben gerichtete Tat den Anfang einer jüdischen Organisation bedeuten. Man begegnet hier gelegentlich Juden, die für den nationalen Gedanken Verständnis haben, und es ist zu hoffen, daß bei zielbewußter Arbeit auch die mexikanischen Juden sich dem Ringe unserer' nationalen Organisation einfügen werden. Die jüdische Versammlung, die Ende August im Freimaurerlokal stattfand, bot ein interessantes Schauspiel. Es waren dort Juden aus der Türkei, aus Rußland, Deutschland, Arabien, Argentinien, den Vereinigten Staaten und noch anderen Ländern vertreten. Auch der alte Marannennachikomme Professor Francisco Rivas oder, wie er sich „Schmi b' ibrith" nennt, Eliahu Abarbanel, war zugegen. Sein Großvater, ein Maranno, ist von Spanien nach Mexiko eingewandert und der alte Gelehrte weiß vieles über die Geschichte der Juden in Spanien und Mexiko mitzuteilen und besitzt eine sehr große und wertvolle Bibliothek, die Tausende von Büchern und Manuskripten, meist in spanischer und hebräischer Sprache, umfaßt. Wenn man von den zufällig hierher zerstreuten Juden aus Rußland, Deutschland, Frankreich usw. absieht, so bleiben die arabischen Juden, die unter sich einen gewissen Zusammenhang und auch ein Betlokal haben. Diese arabischen Juden sind äußerst gastfreundlich und haben im Gegensatz zu den europäischen Juden ein starkes jüdisches Interesse. Vielleicht gelingt es mit der Zeit, hier einen Verein ins Leben zu rufen. Sitzung des jüdischen Wahlmännerkollegiums in Warschau Warschau. Das Kollegium der 46 jüdischen Wahlmänner hielt am 24. d. M. in Angelegenheit der Dumawahlen eine Sitzung ab, die von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens dauerte. Die Kommission, die beauftragt worden war, Verhandlungen mit den polnischen Parteien anzuknüpfen, erstattete Bericht über das Ergebnis dieser Verhandlungen. Die Kommission hatte den Parteien der polnischen Konzentration vorgeschlagen, die Kandidatur Kucharzewskis fallen zu lassen und an seiner Statt einen Kandidaten aufzustellen, der sich als unbedingter 1357 Anhänger der jüdischen Gleichberechtigung in Polen und Rußland erklärt. Für einen solchen polnischen Kandidaten würden dann die Juden geschlossen stimmen. Die maßgebenden Führer der „Konzentration" haben jedoch dieses Anerbieten schroff abgelehnt und muten den jüdischen Wahlmännern allen Ernstes zu, Kucharz e w s k i zu wählen, der sich in seiner Programmrede unzweideutig gegen die volle Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen hat. In der Sitzung des Wahlmännerkollegiums wurden nun vereinzelte Stimmen zugunsten einer Wahlenthaltung der Juden laut. Die Mehrheit des Kollegiums stellte sich jedoch auf den Standpunkt, daß die in der Majorität befindlichen jüdischen Wahlmänner eine Würdelosigkeit begehen würden, wenn sie durch Wahlenthaltung die Chancen Kucharzewskis vermehrten. Demgemäß faßte das jüdische Wahlmännerkollegium einstimmig den Beschluß, bei der Hauptwahl unter allen Umständen so zu stimmen, daß die Wahl Kucharzewskis verhindert wird. Es wurde ferner beschlossen, an die polnische Wählerschaft und die öffentliche Meinung Polens einen Aufruf zu richten, in dem das unerhörte Vorgehen der polnischen Parteiführer gegen die jüdische Bevölkerung beleuchtet werden soll. Friedrich Beer Florenz. Einer der hervorragendsten Bildhauer unserer Zeit, unser Gesinnungsgenosse Friedrich Beer, ist in Florenz zur ewigen Ruhestätte getragen worden, begleitet in stiller Anteilnahme von einer kleinen Schar intimster Freunde, darunter angesehene Künstler und Schriftsteller der erlesenen Künstlerkolonie der Blumenstadt. Friedrich Beer war auf dem Gebiete der bildenden Kunst eine markante Erscheinung. Seine Bedeutung für uns liegt vor allem in der Art seines Schaffens, in dem künstlerischen Ausdruck seines Selbst, seiner jüdischen Seele, die in allen seinen Kunstwerken zutage tritt. Denn Beer war ein Nationaljude und ein nationaljüdischer Künstler. Fühlen und Schaffen war in ihm eng verbunden, und deshalb konnte er solche Meisterwerke wie „.Die Verheißun g", „Im Schweiße deines Angesichts" und „Schema Israel" bilden. Deshalb haben wir Zionisten besonderen Grund, auf diesen Künstler stolz zu sein. Beer wurde 1847 in Brünn geboren, wo seine Eltern, die aus Proßnitz (Mähren) stammten, sich vorübergehend niederließen. Schon in seiner frühen Jugend zeichnete er sich durch sein künstlerisches Temperament aus, aber seine Eltern konnten ihm, trotz ihres guten Willens, nicht helfen, und so wurde er zu einem Meerschaumschnitzer in die Lehre geschickt. Später betrat er die Kunstgewerbeschule, wo seine Lehrer besonders auf sein außerordentliches Modelliertalent aufmerksam wurden und ihn bewogen, die Akademie der bildenden Künste in Wien zu beziehen. Auf Vorschlag des Prof. Hansen ging Beer im Jahre 1870 nach Rom, wo ihm unentgeltlich im Palazzo Venezia ein Atelier für drei Jahre überlassen wurde. Hier hatte er Gelegenheit, sein künstlerisches Talent weiter zu entwickeln und hier arbeitete er an seiner Tegetthoff-Büste, die der Kaiser Franz Joseph für das Wiener Belvedere erwarb. Nach zweijährigem Aufenthalt in Wien ging er im Jahre 1S75 nach Paris. Hier entstanden — in der Höhe seiner Schaffenskraft — viele seiner großen Denkmäler, die den Ruf des Künstlers in aller Welt verbreiteten. Aus dieser reichen Arbeitszeit seien besonders folgende Werke tiervorgehoben: „Albrecht Dürer als