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Die Welt · 1912-11-01 · 44 (1.11.1912) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
44 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1356 DIE3§£ELT Nr. 44 schwcrde führen können. Der in der Sommerfrische getaufte, ahnungslose kleine Frankl bleibt also katholisch. Der Fall ist lehrreich. Er zeigt, wie lächerlich die ganze konfessionelle Gesetzgebung ist, wenn die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer bestimmten Religionsgenossenschaft von — Kompetenzkonflikten abhängig gemacht wird. Daß die Tendenz dieser Rechtsprechung von der Macht der katholischen Kirche beeinflußt ist, die sich weggefangene Schäflein nicht mehr nehmen läßt, darüber ist kein Wort zu verlieren. Die Einigungsbestrebungen des Judentums in Ungarn (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Das erweiterte Hunderterkomitee hielt am 22. Oktober unter dem Vorsitze des Hofrates Franz Szekely eine Sitzung ab und beschloß nach kurzer Debatte, die Aktion fortzusetzen. Es wird eine Landesversammlung der gesamten Judenheit Ungarns vorbereitet, in deren Hand dann die Beschlußfassung über diese Angelegenheit gelegt wird. Das Komitee gliederte sich in mehrere Sektionen, denen die Aufarbeitung des gesamten Materials obliegt. Ueber den Zeitpunkt der Landesversammlung verlautet noch nichts Bestimmtes, und es steht zu erwarten, daß die Sektionen ihre Arbeiten bald beendigen. In unserem vorwöchentlichen Bericht haben wir es getadelt, daß einzelnen in Budapest wohnenden Mitgliedern keine Einladungen zugestellt wurden. Wie wir nun erfahren, haben die betreffenden Herren in letzter Minute ihre Einladungen erhalten, weshalb wir unseren vorwöchentlichen Bericht hiermit richtigstellen. Die Rassenzugehörigkeit der Juden Berlin. Im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sprach Dienstag abend im überfüllten Oberlichtsaal der Philharmonie, der gesperrt werden mußte, der Berliner Anthropologe Dr. v. Luschan über dieses Thema. Er ging von der Frage aus, wie verhalten sich die Juden zu den Semiten, und wie diese zu den anderen Rassen, wobei er gleichzeitig hervorhob, daß der Rassebegriff ein sehr unklarer ist und es überhaupt fraglich ist, ob es irgendwo eine reine Rasse gibt. Man spricht deshalb vorsichtiger von menschlichen Gruppen, die zusammengehalten werden durch gemeinsame Sprache, religiöse und politische Einheit und Körpereigenschaften. Die Ethnologie der vorderasiatischen Völkerschaften ist jetzt restlos gelöst. In einsamen Tälern des Hochgebirges findet man Sektierer, die alle somatisch ähnlich sind und so aussehen, wie sie vor vielen Jahrtausenden ausgesehen haben. Von semitisch Sprechenden kennt man aus dem Altertum die Babylonier, Assyrier und die große Gruppe der Hebräer, Phönizier und Aramäer, die 1000 v. Chr. die alphabetische Schrift erfanden. Die Typen gehen aber auseinander. Man kann eigentliche Beduinen unterscheiden, kleinnasig, langschädlig, und die Syrer mit kurzem, hohem Schädel, großen Nasen. Beide nicht verwandt. Nur die Beduinen sind rasserein, die lange vor Mohammed nach Syrien gekommen und ihre Kultur der vorsemitischen Bevölkerung, von der noch heute Reste vorhanden, aufgedrängt haben. Aus alten Inschriften erwähnt er eine Inschrift, in der diese Hethiter als Ackerbauer genannt werden, die von einer semitischen Dynastie unterjocht sind. Der König dieser Dynastie zeigt auf dem Relief dieselbe Schläfenlocke, wie die orthodoxen Juden sie noch heute tragen. Was die Schädel der Juden anbetrifft, so haben Messungen hauptsächlich an Lebenden ergeben, daß zwei Typen vorkommen, einer hoch und kurz, einer lang und niedrig, und dieser Typus findet sich bei Mischehen beider Typen meistens wieder rein bei den Kindern. Ein Vergleich der Schädelkurven von Juden, Griechen und Türken ergibt dieselben Typen in nahezu parallelen Kurven. Man kann daher nicht von einem jüdischen, sondern nur von einem orientalischen Typus sprechen. Zum Schlüsse ging der Redner auf die Zukunft der Juden ein, die nach seiner Meinung parallel läuft der der europäischen Kulturvölker in den Großstädten. Wie hier Tuberkulose, Alkoholismus und Syphilis die Städter dezimiert und nur der Zuzug vom Lande neues Blut herbeischafft, so geht es den Juden. Je mehr sie sich vom Ghetto entfernen, um so mehr verlieren sich ihre sozialen^ anthropologischen, rassehygienischen Eigenschaften. Sie gehen an denselben Seuchen zugrunde, indem sie das musterhafte Familienleben des Ghetto aufgeben. Hierzu kommt auch bei den großstädtischen Juden das Zweikindersystem, an dem sie ebenso Anteil haben wie die Christen. Für die Juden ist der unkultivierte Osten das, was für die Großstädte das Land ist. Den Zionismus, den er anfangs wenig verstanden, erklärt er für denselben fanatischen Hochmut, der die Antisemiten kennzeichnet. Christen und Juden haben gemeinsame Interessen; sie kämpfen gegen die Schäden der Kultur. Die Juden sind die Erben einer uralten ehrwürdigen Kultur, sie sind unsere Mitarbeiter und Streitgenossen um die höchsten Güter der Menschheit, um Fortschritt und geistige Freiheit. * Wir wollen die wissenschaftliche Seite des jüdischen Rassenproblems völlig dahingestellt sein lassen und uns nur an die jüdisch-politischen Anschauungen des Herrn Prof. Luschan halten. Wir zweifeln nicht daran, daß er den Mitgliedern des Zentralvereins ein außerordentliches Vergnügen bereitet hat,, indem er ihnen Tuberkulose, Alkoholismus und Syphilis als Zukunft des Judentums in Aussicht stellte. Denn die Mitglieder des Zentralvereins wünschen doch nicht das Fortbestehen des Ghettos, das der Herr Professor als das jüdische Kraftreservoir — vergleichbar mit dem flachen Lande — hinstellt? Die Redensarten vom gemeinsamen Kampfe der Juden und Christen gegen die Schäden der Kultur können doch wohl nicht darüber hinwegtäuschen, daß Herr Prof. Luschan den Untergang der Juden durch diese Schäden voraussieht. Wir ertragen daher mit Gemütsruhe den Vorwurf des Fanatismus, denn dieser Fanatismus besteht darin, daß wir das jüdische Volk nicht in Tuberkulose, Alkoholismus und Syphilis verkommen zu lassen, sondern auf dem Boden der Väter zu regenerieren wünschen. Vom Abwehrverein Berlin. Gleich dem berühmten ,,roten Faden" zieht sich jetzt durch alle Aeußerungen der nichtzionistischen jüdischen Vereine der Kampf gegen die zionistische Bewegung. Auch in der Generalversammlung des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" ritten die Herren Reichtagsabgeordneten Goth e i n und Haas eine kleine Attacke gegen den Zionismus, der dem Antisemitismus neue Nahrung zuführe. Es ist begreiflich, daß die Herren vom „Abwehrverein", die sich stets bemühen, alle Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden abzuleugnen, sich durch den Zionismus gestört fühlen. Wir müssen den Herren aber mitteilen, daß

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