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Die Welt · 1912-11-01 · 44 (1.11.1912) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
44 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44 DIE3^ beängstigenderen Grad an, die Petroleum-, Kohlen- und Lebensmittelpreise steigen anhaltend. Im Grenzgebiete ist die dort ansässige Bevölkerung durch das Eindringen der feindlichen Armee völlig ruiniert. Private Briefe und persönliche Berichte übermitteln die schlimme Kunde, daß die gesamte jüdische Bevölkerung der Grenzstadt Mustafa-Pascha, wie übrigens die anderen Einwohner ebenfalls, vor den bulgarischen Kanonen die Flucht ergriffen und sich zu Fuß, unter Zurücklassung aller ihrer Habe, nach Adrianopel begeben haben. Das gleiche ist mit der Bevölkerung der Adrianopel mehr benachbarten Ortschaften geschehen, so daß diese Festung nun ein Massenelend sondergleichen beherbergt Da Adrianopel selbst bereits den Feind unter seinen Mauern hat, so dürfte der Auszug* aus dieser Stadt nur noch eine Frage der Zeit sein. Die ersten Vorläufer sind in der Hauptstadt bereits eingetroffen. Welche Nebenwirkungen diese Katastrophe zeitigen kann, beweist das Beispiel der Stadt Tschorlu. Man erinnert sicih, daß diese Stadt es gewesen ist, die neben Gallipoli am meisten unter dem Erdbeben gelitten hat, und daß eine Hilfsaktion größeren Stils zugunsten dieser Städte eingeleitet war. Gallipoli hat zu einem fühlbaren Teile diese Hilfe bereits genießen können, denn die Konstantinopler Hilfskommission hat aus den eingelaufenen 'Hilfsgeldern im Betrage Von 500O0 Frs. bereits die Hälfte dorthin zur Wiederaufrichtung der beschädigten Häuser überwiesen. Tschorlu wird nun aber die ihm zugedachte Hilfe bis auf weiteres wohl kaum erreichen. Es liegt mitten im Gebiete der Truppenkonzentrationen, jede Post- und Reiseverbindung dahin ist unterbrochen; es wird daher von Geldsendungen oder gar Bautätigkeit keine Rede sein können. Was kann geschehen, um der furchtbaren Katastrophe, die herannaht, der Not der ohne Ernährer zurückbleibenden Familien der Reservisten und dem Jammer der flüchtenden Bevölkerung, die alles verliert, einigermaßen abzuhelfen? In der Hauptstadt gibt man sich alle erdenkliche Mühe, Hilfsfonds herbeizuschaffen. Aber der Anforderungen an die öffentliche jüdische Wohltätigkeit werden so viele auf einmal und sie sind alle so dringlich, daß die Geberkraft bald erlahmen muß. Man hat es ja hier an und für sich nicht mit einer wohlhabenden Volksschicht zu tun, das jüdische Element ist rächst dem türkisdien im Lande sicherlich das ärmste. Und man darf nicht vergessen, daß in Momenten, wie dem gegenwärtigen, nicht bloß die Not, sondern auch der Patriotismus oder die patriotische Pflicht an die Türen klopft und die Kräfte der Juden in Anspruch nim|mt. Solchen Anforderungen wird sich — das ist ja gute jüdische Tradition — nicht der Aermste, geschweige denn der Wohlhabende entziehen, und die rege Beteiligung aller jüdischen Organisationen der Hauptstadt an dem Hilfswerke für den Roten Halbmond, das jetzt einheitlich konzentriert ist, beweist das am besten. Wüe soll man aber aus eigener Kraft allen diesen Anforderungen gerecht werden? Es wird nichts anderes übrig bleiben, als daß das ausländische Judentum, ungeachtet der Opfer, die es bisher schon zur Heilung hiesiger Brandschäden oder der Erdbebenkatastrophe für die osmanischen Juden gebracht hat, sich aufs neue der unglücklichen Lage derselben erbarmt und helfend eingreift. Tausende von jüdischen Menschenleben werden in Hunger und Elend verkommen, wenn das nicht geschieht. Man wird sich draußen daran gewöhnen müssen, daß das türkische Judentum in abnormsten Bedingungen schmachtet, gerade so wie das russische oder galizische, und daß, gerade so wie für diese, eine imlmer wiederholte oder permanente Hilfe von außen auch dem türkischen Judentum geleistet werden muß. Die Ursachen des Notstandes sind hier andere, ELT — — 1355 sie sind nicht aus der Judenfeindschaft, sondern aus allgemeinen ökonomischen oder weltpolitischen Ursachen hervorgegangen, aber der Notstand ist genau so erbarmungswürdig und der Beistand ganz ebenso dringend und unumgänglich, augenblicklich sogar dringlicher und unaufschiebbarer als anderwärts. Das lasse sich das glücklichere und reichere europäische Judentum gesagt sein und springe nach Kräften ein, ohne Kleinlichkeit und ohne Zaudern. Ein Mord in Balat Vergangene Woche wurden der Konstantinopler Vorort Balat und die Turnerorganisation „Makkabi" in tiefste Trauer versetzt. Einer der Besten aus der jüdischen Jugend der Stadt, der Präsident der Balater Makkabisektion Robert B e Ii a r ist einem Mordanschlage zum Opfer gefallen. Er passierte am Montagabend um 8V2 Uhr die Hauptstraße des Viertels, welches vergangenen Sommer durch die große Feuersbrunst in Ruinen gelegt und seitdem nicht wieder aufgebaut wurde, als ihn heimtückische Mörder, ganz in der Nähe des Hospitals ,,Or Hachajim", überfielen und durch einen Dolchstoß ins Herz seinem jungen Leben ein jähes Ende bereiteten. Von den Mördern fehlt jede Spur. Es scheint, daß sie es lediglich auf den Raub der Barschaft abgesehen hatten. Behar war einer der begabtesten Träger des nationalen Gedankens unter unserer Jugend, begeistert und begeisternd, unermüdlich und aufopferungsfällig. Es ist daher begreiflich, daß sich die Bestattung der Reste dieses jungen Kämpfers zu einer großen Kundgebung gestaltete. Die ganze Bevölkerung von Balat nahm an ihr teil. Vor Beginn des Trauerzuges hielt in einer der Balater Synagogen der Sekretär des Großrabbinats, Herr Altabev, eine Gedenkrede auf den Toten, Eine zweite Rede widmete dein Abschied von ihm ein Vertreter der Makkabiorganisation am Strande des Goldenen Hornes, wo zahllose Kaiks (Ruderboote) den Sarg und den Trauerzug erwarteten, um sie nach Hasköj, wo der jüdische Friedhof sich befindet, überzusetzen. Bedauerlicherweise geschieht von den Sicherheitsbehörden nichts, um den Vorort Balat gegen ähnliche Untaten sicherzustellen. An gleicher Stelle, zwischen den Ruinen der eingeäscherten Häuser, sind nun schon vier Ueberfälle binnen wenigen Tagen ausgeführt worden, die freilich nicht alle so tragisch endeten. Es herrschen eben Krieg und Kriegszustand, und da scheint ein einzelnes Menschenleben keine sonderliche Rolle zu spielen. Die Geschichte einer Taufe (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Der Wiener Advokat Dr. Emil F r a n k 1 ließ zu einer Zeit, da . er und seine Gattin noch dem Judentume angehörten, sein vierjähriges Söhnchen in A u s s e e katholisch taufen. Es begann ein Kampf um das Kind. Die G r a z e r israelitische Kultusgemeinde berief sich mit Recht auf die gesetzliche Bestimmung, daß Kinder unter 7 Jahren der Religion ihrer Eltern angehören müßten und forderte von der Grazer Statthalterei, daß die Taufe als rechtsunwirksam erklärt werde. Die genannte Behörde leitete den Rekurs an den Wiener Magistrat, der den kleinen Frankl als gut katholisch erklärte. Die niederösterreichische Statthalterei hingegen erkannte, auf den Wortlaut des Gesetzes gestützt, daß die Taufe ungültig und der Knabe weiterhin ein Jude sei. Die gekränkten Eltern gingen aber bis zum Verwaltungsgerichtshof, und der gab ihnen recht, weil die Person, urn die es sich handle, gegenwärtig in Wien wohne, daher nur die Wiener Kultusgemeinde hätte Be-

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