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Die Welt · 1912-11-01 · 44 (1.11.1912) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
44 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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1354 DIEÄELT: Nr. 44 öffentlichen Sitzung mit der unerhörten Begründung abgesetzt wurde, ein gewichtiges Vorstandsmitglied, dessen Meinung man hören müsse, sei abwesend, und daß das Referat und damit auch die zugesagte Reform seither im Gemeindearchiv begraben liegt. Und wir werden nach wie vor, getreu den Beschlüssen des zweiten Zionistenkongresses, der die Eroberung der Kultusgemeinden fordert, nicht kompromisseln, sondern ehrlich und würdig kämpfen. So wie es von uns verlangt wurde, wollen wir erprobte Gesinnungsgenossen „auf den Schild heben und versuchen, sie in die Gemeindestube zu tragen, im Namen der nationalen Sache". Wiederholt haben unsere Gegner 3,im Namen des Friedens" zu paktieren versucht, wiederholt hat Herr Präsident Dr. Stern hervorragenden Gesinnungsgenossen Mandate antragen lassen, ja sogar persönlich angetragen. Sie haben das Ansinnen zurückgewiesen, denn sie wußten, daß sie, wenn sie nicht als Mandatsträger der Opposition in den Vorstand kämen, jener Idee nicht dienen könnten, die eigentlich unser ganzes Programm enthält und die Theodor Herzl in der Eröffnungsrede des II. Kongresses in dem Satze ausdrückte: ,,Die Autorität der Kultusgemeinde, die Mittel, über die sie verfügt, die Personen, diesie erhält,dürfen nie h t geg ende n Volksgedanken verwendet werden." Wir wollen in diesem Zusammenhange nicht Chancen abwägen und die für uns besonders günstigen Umstände des diesjährigen Wahlganges ins Treffen führen. Die Zionisten Wiens werden alles daransetzen, um im Kongreßjahre, da unser Parlament in der Stadt Theodor Herzls tagt, würdig zu bestehen. Dr. Otto Abeles. o O [[□□□□□ WELTCHRONIK □□□nem Die russische Paßfrage in England (Von unserem Berichterstatter.) London. Wie es scheint, wird die russische Paßfrage von der englisch-jüdischen Politik nicht aus dem Auge gelassen werden. Das Memorandum, das von dem Foreign Committee des Board of Deputies und Anglo-Jewish Association Si'r Edward Grey überreicht wurde, ist noch nicht durch eine endgültige Antwort des englischen Ministers des Aeußeren erledigt. Es läßt sich aber schon voraussehen, was wir von ihm erwarten können. Das Parlamentsmitglied Sir John Randles, in dessen Wahlkreis in Manchester eine größere Anzahl Juden wohnen, harte eine Interpellation wegen der russischen Paßfrage eingereicht. Die Antwort Sir Edward Grevs lautete: „Von S. M. Regierung sind in dieser Sache keine Schritte unternommen worden, da kein Grund zum Einschreiten vorliegt, wenn nicht bewiesen werden kann, daß britische Untertanen jüdischen Glaubens schlechter als Untertanen anderer Länder behandelt werden. Auch habe ich nicht gehört, daß die neuliche amerikanische Aktion zu irgendeinem Resultat geführt hat/' Auf die Frage, ob seine Aufmerksamkeit darauf gelenkt worden sei, daß jüdische Untertanen britischer Nationalität anders als andere britische Untertanen behandelt werden, antwortete der Minister des Aeußeren: „Meine Aufmerksamkeit ist auf diese Sache gelenkt worden; die britische Regierung ist während der letzten fünfzig Jahre mehr als einmal darauf aufmerksam gemacht worden, und hat den Gegenstand sehr ernstlich in Betracht gezogen. Was ich nicht einsehe, ist, daß jüdische Untertanen britischer Nationalität in Rußland weniger günstig behandelt werden als jüdische Untertanen anderer Nationalitäten/' Sir John Randles hat sich aber damit nicht zufrieden gegeben, denn er hat jetzt eine neue Interpellation eingereicht: Daß der Minister des Aeußeren den Paragraphen in dem englisch-russischen Handelsvertrag von 1855 angeben soll, worin die englische Regierung die Berechtigung der russischen Regierung zu ihrer verschiedenartigen Behandlung britischer Bürger um ihres Glaubens willen anerkennt. Die Frage ist gut gestellt, und obwohl Sir Edward Greys Antwort noch aussteht, wird er doch schließlich anerkennen müssen, daß der Zustand unhaltbar ist: denn ob ein Paragraph im englisch-russischen Handelsvertrag so oder so ausgelegt werden »kann, ist doch nicht für die Rechte englischer Bürger entscheidend. Wird nun auch der englisch-jüdische Board of Deputies nicht so scharf wie die amerikanischen Juden in dieser Sache auftreten, so bleibt es doch eine Pflicht der englisch-jüdischen Bürger, so wie es die jüdischen Wähler des Sir John Randles getan haben, diese Angelegenheit bei geeigneter Gelegenheit zur Sprache zu bringen. Ein zionistischer Publizist für die Türkei Während die englischen Juden, wie der größte Teil der öffentlichen Meinung in England große Sympathien für eine reformierte Türkei hegen, lassen sich jetzt Stimmen im liberalen Lager hören, die sich schroff gegen das ottomanische Reich richten. Diese Liberalen, denen die antitürkische Politik Gladstones in Fleich und Blut übergegangen ist, weisen jetzt oft auf des „Juden1' Beaconsfields „Verbrechen" auf dem Berliner Kongresse im Jahre 1878 hin. Obwohl den Juden wohlgesinnt, geht die führende „Daily News and Leader" darin Voran. Es ist daher ein besonderes Verdienst unseres Gesinnungsgenossen Herrn H. Sacher (Redakteur des „Zionist"), der einer der Redakteure der „Daily News" ist, auf das zweifache Maß hinzuweisen, mit dem die Türkei und die Balkanstaaten in manchen liberalen Kreisen gemessen werden. Mr. W. HL Massingham, ein Mitarbeiter der „Daily News", der tonangebend in der liberalen Politik ist, hat ihm darauf geantwortet, daß er, bei aller Achtung für Mr. Sachers Ansichten, diese aus seiner Rasse erklären müsse. Der Krieg und seine Folgen (Von unserem Berichterstatter.) Konstantin opel, 25. Oktober. Der furchtbare Krieg auf dem Balkan macht sich für die jüdische Bevölkerung der Türkei in seiner ganzen Schwere fühlbar. Obwohl die Einberufung aller Männer von 29 bis 45 Jahren zum Heeresdienst endgültig vermieden scheint, bewirkt die Einziehung der ganzen dienstfähigen Jugend — und dienstfähig erscheint heute hier alles — bis zu 29 Jahren beträchtliches Elend unter der Masse der schwer arbeitenden Armen, und der Loskauf vom Militärdienst seitens der einigermaßen Bemittelten durch eine Zahlung von 60 Pfund hat ebenfalls nicht wenig zur Verschärfung der ökonomischem Krisis beigetragen. Die allgemeine Teuerung nimmt einen immer

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