Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRQ. BERLIN, 1. November 1912 Um^? T'Dnn 'S ]wma N"3 ,]->b~l2 Nr. 44. Zu den Wiener Kultuswahlen Die modernen politischen Wahlkämpfe sind vielfach häßlich und verlogen. Das stärkere Leben duldet nicht, daß Prinzipien einander ehrlich messen. Es formt „Wählervereine" und inszeniert eine „Wahlkampagne", deren Rüstzeug immer häufiger Wahlaktiengesellschaften, Stimmschacherbuden und Kaffeehausbörsen sind. Die dunkelsten Existenzen sieht man im hellsten Tageslicht ,,in Gesinnung machen" und gegen Taggelder Kandidaten lancieren. Pfiffig sein ist Trumpf, und wer die Masseninstinkte rascher und sicherer einzufangen versteht, h'at gewöhnlich den Vorsprung. Ein Heer von Spionen, das sich ins Privatleben der gegnerischen Führer einschleicht und ihre Schwächen und Lächerlichkeiten herausspürt, ist zehnmal nützlicher als ein gutes Programm; „Schlepper", die den sehr geschätzten Eigentümer einer Wahllegitimation zur Urne zerren, sind wertvoller als <lie edelsten Grundsätze, eine tüchtige Zahl von Automobilen wirksamer als die schlagendsten Argumente. Aber es gibt Gottlob noch Kämpfe und Bewegungen, Ederen alleinige Agitatoren die Not, die Liebe und die Begeisterung sind, und die jüdische Moderne darf in diesen keuschen Jahren der keimenden nationalen Verjüngung wohl Anspruch erheben, mit diesem Maße gemessen zu wrerden, wenn man ihr Ringen um Gewinnung der Kultusgemeindestuben betrachtet. Wer die nunmehr zwölfjährige Geschichte des Kampfes der Wiener Zionisten gegen das herrschende System in der Kultusgemeinderepräsentanz verfolgt hat und den Sinn dieser Bestrebungen kennt, wird sich wohl hüten, anläßlich der neuerdings bevorstehenden Wahlakten denjenigen Gehör zu schenken, die unser Streben unter die oben charakterisierten skrupellosen Machtkämpf e einreihen möchten. Mögen unsere antizionistischen Feinde solche Märchen immerhin verbreiten: Wer mit den Verhältnissen der Wiener Kultusgemeinde vertraut ist, weiß, daß es hier einer Volks bewegung nichts nützt, auf Wählerfang auszugehen. Das reaktionäre, auf ein Häuflein Privilegierter zugeschnittene Wahlrecht — durch1 ein Pluralitätswahlrecht der Begütertsten doppelt befestigt und durch den Mangel des Proportionalwahlrechts sowie bezirksweiser Wahlen von der Plebs meilenweit abgerückt — mächt es ja von vornherein unmöglich, einen „Kampf mit Stimmzetteln" zu führen. Hier heißt es mitten ins Volk gehen, die rechtlosen Massen aufrütteln und aufklären, die öffentliche Meinung zum Richter machen, durch ihr Urteil die zahlreichen Gutgesinnten und Gewissenhaften unter der kleinen Schar von Wahlberechtigten für unsere Wahlwerber umzustimmen und gleichzeitig den Kahal durch die unerwünschte Kontrolle der mobilisierten Oeffentlichkeit zur schrittweisen Revision zwingen. Das ist unser Weg. Wir gehen ihn fest und lassen nicht locker. Wer das veröffentlichte Programm liest, wird uns zubilligen, daß wir uns zu kleinlichem Gezänke und persönlichem Hader nicht herabwürdigen und mit ernster Sachlichkeit vorwärts streben. In diesen Wochen angespannter Propaganda mühen wir uns, in Wort und Schrift jeden Juden darüber aufzuklären, daß die wichtigste jüdische Großgemeinde an der Grenze zwischen Ost und West —- zugleich die reaktionärste ist. In Volksversammlungen — nicht in Wählerversammlungen — appellieren wir an jeden jüdischen Gemeindeangehörigen, ob es ihn gleichgültig läßt, daß die Wiener israelitische Kultusgemeinde eine Verfassung hat, deren Rückständigkeit öffentliches Aergernis erregt, ob er billigt, daß die Gemeindeangelegenheiten der 200 000 Juden Wiens von einem 36gliedrigen Geheimkollegium der Einflußreichsten verwaltet werden, das sich nach dem Prinzip der Vetternschaf ten ergänzt und noch immer hinter geschlossenen Türen tagt, während doch! nicht einmal der christlichsoziale Gemeinderat die Oeffentlichkeit scheut; ob er den Geist dieser Verwaltung billigt, die nach dem Grundsatze regiert, daß die Reichsten auch' immer die Berufensten und Besten sind, die den Höchstbesteuerten ein Drittel aller Vorstandsstellen gewährt und alle Juden vom Gemeindeleben ausschließt, welche nicht mindestens 20 Kronen Steuer zahlen können, während das Steuerminimum in Berlin 3 M., in Warschau 2 Rbl., in Czernowitz gar 2 Kr. beträgt; ob er nicht Scham darüber empfindet, daß das von der Opposition durch jahrelange Kämpfe abgerungene Referat über die Reform der mittelalterlichen Statuten plötzlich" von der