Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1330 DIEÄELT: Nr. 43 kam die zweite Periode, die der Privatinitiative. Entmutigt durch die langsamen Fortschritte der landwirtschaftlichen Kolonisation, begann man sich für die industriellen Unternehmungen zu begeistern, von denen man ein rascheres Tempo erwartete. Auch erblickte man in der Industrie eine größere Möglichkeit, Kapitalien auch von Nichtzionisten heranzuziehen. Es entstand in Rußland die Gesellschaft „Athid", die ein namhaftes Kapital aufbrachte und die Oel- und Seifenfabriken in Ben-Schemen und Haifa, sowie eine Maschinenfabrik in Haifa begründete. In Jaffa wandelte sich die Werkstatt des L. Stein in ein größeres Unternehmen, eine Gesellschaft, um. In Paris entstand die Gesellschaft „Chermon", die-in Moza bei Jerusalem eine Oelfabrik gründete. Eine größere europäische Mühle, „Serubabel", entstand als privates Unternehmen in Jerusalem. Und mehrere andere industrielle Unternehmungen wurden erörtert und vorbereitet. Nun läßt sich nicht leugnen, daß die zweite Periode gegenüber der ersten im allgemeinen vielfache Fortschritte aufweist. Die Kalkulation der Unternehmungen war zumeist gründlich durchgearbeitet und auch die gesamte Geschäftsgebarung war in der Regel vorsichtig. Demgemäß waren auch die Mißerfolge viel geringer. Das Gesamtresultat ist. jedoch traurig genug. Durch die Ungunst der Zeit sowie durch einige unglückliche Zufälle haben sich die meisten Unternehmungen nicht halten können. Der Verfasser des Leitartikels, der mit den in Betracht kommenden Verhältnissen vertraut zu sein scheint, schreibt über die Ursachen der bisherigen Mißerfolge folgendes: „In Palästina, wo es an Kohle, Eisen usw. fehlt, ist noch kein Platz für eine Großindustrie. Aber selbst die Kleinindustrie, die vornehmlich die Versorgung des heimischen Marktes im Auge hat, befindet sich in schwerer Lage. Aus Mangel an einem ausreichenden Schutzzoll dient Palästina als Absatzgebiet für die Industrie aus aller Herren Länder. Der hiesige Markt konsumiert die einfachsten Waren, und die Konkurrenz der verschiedenen Länder ist so groß, daß die Waren hier oft billiger als im Produktionslande verkauft werden. Die einheimische Industrie kann aus dieser Konkurrenz nur schwer als Siegerin hervorgehen. Der Mangel an guten Häfen erschwert die pünktliche Zustellung der vom Ausland für die Industrie bezogenen Produkte. Die schlechten inländischen Verkehrswege erschweren den Absatz im Lande selbst. Der Verkauf wird auch gestört durch den Mangel einer vernünftigen Handelsgesetzgebung, sowie durch die Kreditunfähigkeit des Hauptkonsumenten — des Fellachen und Dorfkrämers. Um all dieser Schwierigkeiten Herr zu werden, braucht man von Anfang an gediegene Kaufleute, die auch eine große Lokalkenntnis besitzen. Diese Leute fehlten jedoch zuerst der Haifaer Fabrik, und bis man dies alles überwunden hatte, waren die nötigen Geldmittel erschöpft. Der so dringend notwendige Kredit war zuerst nicht zu erhalten und als er endlich zur Verfügung stand, war es schon zu spät. Der Kredit vermochte die Fabrik noch vor dem völligen Untergange zu bewahren, aber nicht mehr am Leben zu erhalten. Nun kam im vorigen Jahre die Cholera. Es brachen der Krieg und die Geldkrisis herein, die der Fabrik den Todesstoß versetzten." Der Verfasser meint, daß wir trotz der bisherigen schlechten Erfahrungen die Industrie nicht aufgeben dürfen. Die prosperierenden deutschen industriellen Unternehmungen beweisen, daß man bei einer etwas gebesserten Lage Aussicht auf Erfolg hegen darf. Auch die landwirtschaftliche Kolonisation hatte viele Jahre einen schweren Existenzkampf zu führen. Und es müßte mit sonderbaren Dingen zugehen, wenn das jüdische Volk, das durchweg städtisch und zum Teil industriell ist, sich wohl in der Landwirtschaft, aber nicht in der Industrie durchsetzen könnte. PALÄSTINA-RUNDSCHAU (Von unserem Berichterstatter.) Aus den Städten Jaffa, 6. Oktober. Dieser Tage hat hier die jährliche Generalversammlung des hiesigen Arbeiterklubs stattgefunden. Der Arbeiterklub, der bereits einige Jahre besteht, bildet ein Zentrum der Geselligkeit für die jüdischen Arbeiter Jaffas und sorgt zugleich für die geistigen Interessen der Arbeiter durch eine eigene Bibliothek samt Lesezimmer und Veranstaltung von Vorträgen. Auch die Arbeiter der umliegenden Kolonien finden im Arbeiterklub, wenn sie nach Jaffa kommen müssen, ihre Kameraden und können dort die Abendstunden angenehm verbringen. Der erstattete Rechenschaftsbericht zeigte, daß in finanzieller Beziehung das abgelaufene Jahr günstig war, indem es mit keinem Defizit abschließt, was gewiß auch ein Zeichen für die günstige ökonomische Lage der Jaffaer Arbeiter ist. In geistiger Beziehung war jedoch das letzte Jahr minder erfolgreich, und besonders wurden weniger Vorträge als in den früheren Jahren veranstaltet. Die Versammlung wählte einen neuen Vorstand. Das erste diesjährige Referat hielt Dr. Metmann-Kohen über „Volksuniversitäten". Eine außerordentliche Generalversammlung hielten die Einwohner von T e 1 - A w i w ab. Es lag ein Vorschlag des benachbarten, neuerbauten Viertels „Nachalath Benjamin" vor, wonach beide Stadtviertel vereinigt und von nun an einheitlich verwaltet werden sollen. Der Vorschlag wurde angenommen. Somit existiert von nun an Nachalath Benjamin als besonderes Viertel nicht mehr, und zur Erinnerung wird eine Straße diesen Namen führen. Es wurde auch beschlossen, in Tel-Awiw einen Konsumverein zu gründen. Jedes Mitglied hat einen Anteilschein von 100 Frcs. zu erstehen. Für die Ausarbeitung der Statuten wurde eine Kommission eingesetzt. Ferner wurde eine Baukommission gewählt, die bis zur nächsten jährlichen Generalversammlung, die am Chanukah stattfinden wird, eine Bauordnung vorzulegen hat. Man hofft, auf diese Weise den in letzter Zeit an den Tag getretenen Uebeln der Bauspekulation wirksam entgegentreten zu können. Haifa, 6. Oktober. Der hiesige jüdische Jischub hat einen empfindlichen Verlust erlitten. Die Maschinenfabrik „Athid", die in letzter Zeit im Besitze der Herren 11 z k o w i t z u. C i e. sich befand, hat den Betrieb eingestellt. Die Fabrik hat in all den Jahren jhres Bestehens keine besonders günstigen Geschäfte gemacht. Im letzten Jahre ist sie durch den Krieg, sowie durch die Cholera, die zu Beginn des Jahres in Damaskus und Umgebung herrschte, in eine besonders prekäre Lage geraten, so dai sie nach langem vergeblichen Ringen den Betrieb einstellen) mußte. \ Die Fabrik hat ca. 40 Arbeiter beschäftigt, die jetzt brotlos*| geworden sind. Eine Gruppe von Arbeitern, die etwas Geld j