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Die Welt · 1912-10-25 · 43 (25.10.1912) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
43 (25.10.1912)
Date
1912-10-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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i Nr. 43 DIEÄELT 1329 REVUE DER PRESSE Soeben ist das September- (Tischri-) Heft der hebräischen Monatsschrift ,,H a s c h i 1 o a h" mit überaus vielseitigem Inhalt erschienen. An leitender Stelle behandelt Dr. S. M. M c 1 a m e d in Ausführungen von ätzender Schärfe und ungewöhnlicher Kühnheit das Verhältnis von „Gesetz und Leben", von Intellektualismus und naivem Naturempfinden, Spekulation und Technik, Ethik und Politik, Religiosität und Nationalbewußtsein im alten und im modernen Judentum. Er stellt das „Gesetz", überhaupt die intellektuelle und ethische Gedankenrichtung der jüdischen Vergangenheit als Verkörperung der Lebensfremdheit und Lebensfeindlichkeit hin und wirft dem „Primat des Gedankens" im Leben unseres Volkes den Fehdehandschuh hin. Der Zionismus sei „der letzte Versuch, das Volk der Schrift in ein Volk des Lebens umzuwandeln", daher der erbitterte Kampf aller Wortführer der „Geistigkeit" und des Ethizismus in unserer Mitte gegen die nationalen Palästinabestrebungen. — Auf den Melamedschen Kriegs ruf folgt die Fortsetzung des in den beiden vorhergehenden Heften begonnenen Dramas von L. A. Orloff: „Allah K a r i m", aus dem Leben der osteuropäischen jüdischen Jugend im modernen Palästina. Elijahu M c i t u in hat ein stimmungsvolles Gedicht „Von den Liedern des Blätterfalls" beigesteuert. Z. D isendruck setzt seine gedankentiefen, von gediegener philisophischer Schulung zeugenden Betrachtungen über die „Produktivierung des Judentums" fort. - Isak S a m o n o w bietet mit seinem Aufsatz „Zur Entwicklung der Prosbul-Institution" einen interessanten Beitrag zur Geschichte der Halachah. — Dr. Josef Klausner, der Redakteur des „Haschiloah", berichtet weiter über die Eindrücke seiner Palästinareise, diesmal in weniger subjektiver und paradoxer Weise als in den beiden früheren Heften. Er läßt uns interessante Einblicke in das Leben der sephardischen Judenheit des Orients tun und schildert insbesondere recht anziehend die Lebens- und Kulturverhältnisse der Juden in Saloniki, wobei er die segensreiche Wirksamkeit der dortigen T a 1 m u d - T h o ra Ha g a d o 1 und ihres Direktors Isak Epstein rühmend hervorhebt. — Es folgt ein Gedicht „In Rischon Le-Zion" von L. Joffe, ein aufschlußreicher Artikel über „Die jüdische Erziehung in den Vereinigten Staaten Nordamerikas"' von Simon Günzburg, der auch einen L c h rplan für jüdische Schulen in Amerika aufstellt, über dessen Zweckmäßigkeit sich jedoch streiten läßt, endlich Bücherbesprechungen und verschiedene bibliographische und jüdischwissenschaftliche Notizen. * In Nr. 218 des „Hasman" (Wilna) bespricht Benzion Katz die durch den jüdischen Wahlsieg in Warschau (vgl. die Notiz unter „Weltchronik") geschaffene Lage. Dieser Sieg sei dem Gesetz vom 3. Juni zu verdanken, das bisher stets g e g e n die Juden angewandt wurde. Insbesondere haben sich die Polen die „Wohltat" dieses Gesetzes zunutze gemacht, um alle Abgeordnetenmandate des Landes an sich zu reißen und die Juden von jeder politischen Vertretung auszuschließen. So z. B. hätten die Juden in Wilna entsprechend ihrem Zahlenverhältnis Anspruch auf zwei von den vier städtischen Mandaten, allein die edlen Polen eigneten sich mit Hilfe des Gesetzes vom 3. Juni sämtliche vier Mandate an und setzten sich seelenruhig über alle Billigkeitsrücksichten gegenüber der jüdischen Bevölkerung hinweg. Nunmehr ist das genannte Gesetz ihnen selbst zum Fallstrick geworden: sie sind in Warschau in der Minderheit geblieben und die Wahl des dortigen Dumaabgeordneten liegt in der Hand der jüdischen Wahlmännermajorität. Jetzt werden die Polen wohl ein Klagegeschrei erheben, daß die Juden die Hauptstadt Polens erobert hätten. Aber auch die Juden befinden sich in einer peinlichen Situation. Sie, die zugeben, daß das Gesetz vom 3. Juni in seiner Anwendung auf die polnische Bevölkerung Warschaus eine Ungerechtigkeit darstellt, können gleichwohl keinem Polen ihre Stimme geben, weil sich unter den polnischen Wahlmännern keiner befindet, der für die vollständige Gleichberechtigung der Juden ist, der Abgeordnete aber nur aus der Mitte der Wahlmänner gewählt werden kann. Von den in Warschau gewählten polnischen Wahlmännern gehören 22 zur Kucharzewski - Partei, 11 zu den Parteifreunden Dmowskis und 3 zu den Sozialdemokraten (P. P. S.). Nun hat sich Kucharzewski öffentlich gegen die unbedingte Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen, ist also ebenso wie seine Gesinnungsgenossen Anhänger eines gemäßigten, „anständigen"' Antisemitismus. Daß Dmowski und seine Parteigänger ausgesprochene Judenfeinde sind, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Es blieben also die drei Sozialdemokraten, die sich allerdings zum Prinzip der Gleichberechtigung bekennen, deren politische Anschauungen aber die Masse der jüdischen Wähler nicht teilt. Der einzige Ausweg wäre also die Wahl eines jüdischen Abgeordneten, allein die Juden würden diesen Weg nur ungern beschreiten, nicht nur weil der Antisemitismus in Polen dadurch neue Nahrung erhielte, sondern in erster Reihe, weil sie aus dem als ungerecht empfundenen Gesetz vom 3. Juni keinen Nutzen ziehen möchten. Der Artikelschreiber schlägt nun dem jüdischen Wahlkomitee in Warschau vor, eine Verständigung mit dem polnischen Wahlkomitee auf folgender Grundlage zu versuchen: Die Warschauer jüdischen Wahlmänner verpflichten sich zur W a h 1 e n t h a 11 u n g , falls die beiden polnischen Wahlmänner der ersten Kurie in Wilna auf ihre Kandidatur verzichten, so daß die dortigen jüdischen Wahlmänner den jüdischen Kandidaten Grus e n b e r g ohne Hilfe der Polen durchbringen könnten. Auf diese Weise würden die Polen in Warschau ohne Mitwirkung der Juden einen polnischen Abgeordneten wählen, während die Juden in Wilna desgleichen ohne Linterstützung der Polen einen jüdischen Abgeordneten in die Duma entsenden könnten. Sollten die Polen dieses redliche Kornpromiß zurückweisen, so könnte den Juden niemand mehr einen Vorwurf daraus machen, daß sie die Hand auf das Warschauer Mandat legen. Sie haben das Recht des polnischen Volkes auf die Vertretung der polnischen Metropole ausdrücklich anerkannt, wenn die Polen aber das Wilnaer Mandat, auf das die Juden berechtigten Anspruch haben, diesen gewaltsam entreißen, so kann auch die Juden kein Tadel treffen, wenn sie ihrerseits sich des Warschauer Mandats bemächtigen. Anläßlich der Betriebseinstellung der „Athid"-Fabrik in Haifa befaßt sich ein Leitartikel des ,,H a p o e 1 H a z a 1 i r" vom 25. September mit der palästinensischen Industrie im allgemeinen. Der Verfasser sagt, daß wir bereits zwei Perioden der industriellen Unternehmungen haben. Die erste könnte man die des Baron Edmond Rothschild nennen, der seinerzeit in Atlit eine Glasfabrik, in Rosch-Pinah eine Seidenfabrik und in Jessod-Hamaalah eine Fabrik für Parfüm errichtete. Alle diese Unternehmungen haben sich nicht gehalten. Dann

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